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Notgeiler Faust: Jan Böhmermann zerlegt deutsche Literaturklassiker

Für die letzte Sendung vor der Sommerpause hatte sich Jan Böhmermann etwas Besonderes einfallen lassen: Er verfilmte vier Klassiker der deutschen Literatur - und lieferte bisweilen eigenwillige Interpretationen.

Jan Böhmermann

Jan Böhmermann hat große Werke der deutschsprachigen Literatur nachgespielt.

Wenn es in seiner Show zu langweilig wurde, packte er schon mal seine Playmobil-Kiste aus und spielte Klassiker der Weltliteratur nach - von Shakespeares "Hamlet" bis zur antiken Tragödie "Ödipus" brachte er seinen Zuschauern den Bildungskanon näher.

Vielleicht ist von seinem früheren Mentor inspiriert worden, als er die letzte Ausgabe des "Neo Magazin Royale" vor der Sommerpause konzipierte. Böhmermann schlüpfte in die Rolle eines Lehrers, der seine Schüler kurz vor Anbruch der großen Ferien bei Laune halten muss - original mit Ledertasche und Thermoskanne. Wer in den 80er Jahren die Schulbank gedrückt hat, wird sich noch gut erinnern, wie die Pauker den Videowagen aus dem Medienraum organisierten, um dann einen pädagogisch wertvollen Film abzuspielen.

Jan Böhmermann blickt aus heutiger Zeit zurück

Böhmermann führte vier Klassiker der deutschsprachigen vor - die er mithilfe seines Teams sowie prominenter Schauspieler aufwendig verfilmt hat. Die werkgetreue Umsetzung stand dabei nicht im Vordergrund - vielmehr betrachtet der Satiriker die Werke aus der heutigen Zeit und unterzieht die Stücke einer feministischen Lesart - im Gegensatz zu Harald Schmidt, dem es auch immer darum ging, dass die Zuschauer etwas lernen.

So wird in Theodor Fontanes "Effi Briest" aus dem langweiligen Baron von Innstetten ein Lustmolch, der seine von Anna Maria Mühe gespielte Frau in der Ehe wiederholt vergewaltigt. Immer wieder mischen sich auch Dialogfetzen der Gegenwart in den Film. Etwa wenn Innstetten zu seiner untreuen Ehefrau sagt: "Du bist die Schlampe, ich bin ein normaler Mensch" - Worte, die Trash-Star Pietro Lombardi seiner Ehefrau Sarah an den Kopf geschmissen hat.

"Das ist doch komplette Scheiße, was ihr hier macht"

Mit Friedrich Dürrenmatts heute verstaubter Komödie "Die Physiker" kann Böhmermann nicht viel anfangen. Ästhetisch ansprechend als Schwarz-Weiß-Streifen in der Tradition der Edgar-Wallace-Verfilmungen setzt er den in einer Irrenanstalt spielenden Stoff um. Bis sein Schüler Philipp einschreitet und in die Kulisse steigt: "Das ist doch komplette Scheiße, was ihr hier macht. Dieses Namenschaos. Und dann dieses raunende Parabelgewichse, ohne die Dinge konkret beim Namen zu nennen. Das macht keinen Sinn." Am Ende besteigt er das Moped des millionsten Gastarbeiters - hier verwebt Böhmermann tatsächliche Ereignisse aus der Entstehungszeit des Stückes mit der Handlung - und knattert aus der Kulisse: "Alles ist besser, als in diesem Stück zu bleiben."

In Franz Kafkas "Die Verwandlung" mutiert Sidekick William Cohn zum Käfer, während Böhmermann den autoritären Familienvater gibt und Katharina Thalbach die Mutter spielt. Die hier verwendeten Special Effects können mit aktuellen Kinoproduktionen konkurrieren.

"Die Leute lieben Sequels"

Bei der Verfilmung von Goethes "Faust" spinnt der 36-Jährige schließlich eine intelligente Rahmenhandlung, in der er die Entstehung des Dramas thematisiert. Johann Wolfgang von Goethe pitcht mit seinem Freund Friedrich Schiller um den Auftrag für ein Theaterstück. Während Schillers Vorschlag abgeschmettert wird, eine Fortsetzung seines Dramas "Die Räuber" zu schreiben - "Verrat, Selbstmord, Gewalt gegen Frauen - alles was wir im ersten Teil so geliebt haben. Nur noch härter. Und mit mehr Sex." - reüssiert Goethe mit seiner Idee: Ein alternder Gelehrter, der dank eines Paktes mit dem Teufel junge Frauen verführt.

"Dass du unter dem Deckmantel der Kunst deine schmierigen Altherren-Fantasien ausleben musst", wendet Schiller ein. "Einer Minderjährigen ein Betäubungsmittel für ihre Mutter zuzustecken, um ungestört Geschlechtsverkehr mit ihr haben zu können - fällt das noch unter Sturm und Drang?", protestiert der Rivale. Doch Goethe setzt sich mit seiner Idee durch - auch weil er einen zweiten Teil verspricht. "Die Leute lieben Sequels."

Derart gegen den Strich gebürstet, entfalten die alten Klassiker eine ganz neue Kraft. Lohnenswerte Neubewertungen mischen sich mit purem Blödsinn - das ergibt eine Mixtur, die gleichermaßen witzig wie intelligent ist. Gut möglich, dass diese Filmchen tatsächlich am letzten Schultag zum Einsatz kommen.


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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo