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Zwischen Blödelei und großer Kunst

Olli Dittrich spielt in einer eigenen Liga. Das beweist seine neue Show "Frühstücksfernsehen". Sie ist eine Werkschau seines Schaffens aus zwei Jahrzehnten. Mit seinen Stärken, aber auch Schwächen.

Von Mark Stöhr

Wenn man eine Mannschaft mit Lieblingsfiguren von Olli Dittrich zusammenstellen müsste, dürfte einer nicht fehlen: Maik Hansen, der Kiezlude mit der blondierten Langhaarmatte und den weißen Slippern. Fachgebiet: "Verkehrspolitik". Leitspruch: "Ich bin 39 und hab' die Kraft der zwei Eier." Der Typ ist auf den ersten Blick hundert Prozent Proletentum. Aber in die Überdosis Testosteron hat Dittrich ihm ein paar Krümel Grips gestreut. Hansen ist nicht doof. Auf seinem Radar bemerkt er sofort, wenn sein Gegenüber nicht genügend Respekt zeigt. Dann schmeißt er seine hanseatische Kreissäge an und sagt Sachen wie: "Wenn das hier so weitergeht, gehen wir zusammen auf den Friedhof. Da binden sich die Maden schon den Latz um."

Maik Hansen stammt noch aus Dittrichs Zeit bei der Comedy-Show "RTL Samstag Nacht" Mitte der 90er Jahre. Dort ging es durchaus lustig zu, aber auch laut und johlend wie bei der Prämienvergabe einer Versicherungsfirma. Dittrich war schon damals ein Feingeist der Verwandlung unter lauter Lachsäcken. Besser als das Original: sein Beckenbauer ("Ja, gut, äh, der Giovanni Trapattoni ist ein Weltmann, er ist praktisch ein Italiener"), den er später immer wieder herausholte und weiter perfektionierte. Dittrichs "Kaiser" haben wir auch die einzig plausible Erklärung für Zidanes legendären Kopfstoß zu verdanken: Er war die Folge einer Magenverkleinerung. Konkret heißt das: "Der Magen zieht sich nach 80 Minuten zusammen, so dass der Kopf nach vorne schnellt". Logisch, oder?

Abschied vom schnellen Lacher

"Frühstücksfernsehen" ist wie eine Werkschau aus über zwei Jahrzehnten Dittrichscher Figurenfabrikation, zwischen Blödelei und bildender Kunst. Im Mittelteil dieser Persiflage auf die Horrorwelt der Morningshows gibt es einen Nachrichtenblock. Dort regiert die Klamotte wie in seligen RTL-Tagen. Da wechselt Mario Gomez zum Otto-Versand, um "auf privaten Feiern" Kunststückchen mit dem Ball vorzuführen. Da fusioniert Fiat mit dem Wursthersteller Rügenwalder und präsentiert sein gemeinsames Erfolgsmodel "Ferrari Mortadella". Und aus einem Chemiewerk in Ostdeutschland wird ein "möglicher Vorfall" gemeldet, der noch gar nicht eingetreten ist. Lustig? Geht so.

In den längeren Magazinbeiträgen der fiktiven Sendung verabschiedet sich Dittrich von der Jagd nach der Pointe und dem schnellen Lacher, so wie er sich in seiner Karriere immer mehr von der reinen Comedy wegbewegt und der Wirklichkeit zugewandt hat. Er selbst sieht sich seit langem in erster Linie als "Menschendarsteller". Und diese Gabe, Menschen mit kaum merklichen Abweichungen vom Normalen abzubilden und in absurde Situationen zu verstricken, spielt er auch in "Frühstücksfernsehen" voll aus. Etwa als ein Rentner, der seinen Kaffee verschüttet und dadurch zur Touristenattraktion wird, weil die Pfütze das Konterfei von Roy Black darstellt. Sein Problem: In dem Kaffee war Milch, das Kunstwerk beginnt langsam zu müffeln.

Ein Charakter, kein Clown

Noch hinreißender ist Dittrich die Figur einer bayerischen Bürgermeisterin gelungen, die für ihr Dorf den Titel "Leiseste Gemeinde Europas" geholt hat. Ihr Kniff: Sie hat den Spielplatz kurzerhand unter die Erde verlegt. Die Patentheit der Frau, ihr gemütlicher Lokalfaschismus wirken geradezu beunruhigend echt. Die Kunst kann bekanntermaßen manchmal gar nicht so verrückt sein, wie es die Wirklichkeit ist.

Hier knüpft Olli Dittrich an seine großen Erfindungen an. Allen voran an den gehetzten Hessen mit der Sturmfrisur aus der zweiten Folge der Reihe "Blind Date", der in einem Taxi zur Testamentseröffnung seines Vaters unterwegs ist. Die Taxifahrerin wird von Anke Engelke gespielt, Dittrichs kongenialer Partnerin in diesem Kammerspiel ohne Drehbuch. "Blind Date" hatte mit Comedy nichts mehr zu tun, so wie "Dittsche", der Thekensteher im Bademantel, der sich wie ein Rapper durch seine Monologe improvisiert, auch kein Witz ist. Er ist ein liebevoll und gar nicht so sehr überzeichneter Typ aus dem Leben. Ein Charakter, kein Clown. Den Preis, den Olli Dittrich für seine Verweigerung des Schenkelklopfer-Humors leider zahlt, bekommt auch der Zuschauer zu spüren: Sein "Frühstücksfernsehen" findet nicht morgens statt und auch nicht abends, sondern spät in der Nacht.

Mark Stöhr
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