Ein Milliardengeschäft hinter verschlossenen Türen

14. Januar 2013, 16:27 Uhr

Mitten in unserer Gesellschaft werden Kinder geraubt, misshandelt und zur Prostitution gezwungen. Der Film "Operation Zucker" mit Nadja Uhl und Senta Berger zeigt ein Milliardengeschäft und wühlt auf.

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Die Schauspielerin Nadja Uhl und der Regisseur Rainer Kaufmann arbeiteten bei "Operation Zucker" eng zusammen©

Die Kinder werden frei Haus geliefert - in einen Herrenclub an der Friedrichstraße und in ein elegantes Berliner Hotel. 1000 Euro oder mehr sind dafür geflossen. Verstört, kreidebleich und unfähig zu weinen, verlassen das zarte Mädchen Fee (Paraschiva Dragus) und Waisenjunge Bran (Adrian Ernst) später mit einer Aufsichtsperson die Orte ihres Schreckens. Was zwischendurch genau passiert, zeigt Rainer Kaufmanns Film "Operation Zucker" nicht. Und doch ahnt der Zuschauer das unfassbare Leid der beiden Kleinen, die Dealer zuvor in Rumänien gekauft haben.

Kinderhandel und Kinderprostitution sind das Thema der schwer erträglichen und unendlich wichtigen Produktion. Es handelt sich bei der Arbeit des renommierten Regisseurs Kaufmann ("Kalt ist der Abendhauch") um Fiktion - und ist doch mehr als ein Jahr lang mutig und präzise recherchiert. Die Stars Nadja Uhl als Kommissarin und Senta Berger als Staatsanwältin werden darin zu über sich selbst hinaus wachsenden Jägerinnen jener Verbrecher, die mit ihrem ekelhaften Treiben in unserem Land ein stetig wachsendes Milliardengeschäft machen. Hinter verschlossenen Türen, hinter die zu sehen viele zuerst zurückschrecken - auch deshalb, weil Freier auch in einflussreichen Kreisen von Wirtschaft, Justiz und Politik sitzen.

Produzentin ruft zu Wachsamkeit auf

Rund 200.000 Pädophile soll es in Deutschland geben. Doch längst nicht nur diese vergehen sich an den Wehrlosesten der Wehrlosen, wie die Münchner Produzentin Gabriela Sperl ("Die Flucht") bei der Präsentation des Films sagte. "Nach unseren Recherchen geht das bis in die höchsten Manager-Ebenen: Ganz normale Führungskräfte benutzen die Kinder, um ihre eigene Ohnmacht innerhalb ihres beruflichen Machtsystems zu kompensieren", erklärte Sperl. Vom Fernsehzuschauer wünscht sich die Produzentin in Zukunft mehr Wachsamkeit: "Wem etwas auffällt, der sollte sich an Organisationen wie Unicef wenden."

Leider ist wohl realistisch, was der Film eben auch zeigt: dass die Arbeit von Polizei und Justiz schon mal durch einflussreiche Nutznießer des Geschäfts behindert wird. Mit erschreckenden Zahlen und Fakten wartete der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider, in Hamburg auf. Geschätzte 120.000 bis 500.000 Frauen und Mädchen werden jährlich aus dem ärmeren Mittel- und Osteuropa nach Westeuropa verbracht und häufig zur Prostitution gezwungen. Seit dem Beitritt Rumäniens und Bulgariens zur EU habe sich das Problem verschärft. Nachbarn oder sogar Familienmitglieder träten im Auftrag der organisierten Verbrecher als Vermittler auf.

Entschärfte Version zur Primetime

Den Eltern, soweit vorhanden, werde erzählt, dass man in Deutschland für die Ausbildung der Kinder sorgen wolle, sagen die Unicef-Mitarbeiter. Verurteilt wird laut ihrer Einschätzung nur ein Bruchteil der Täter. So geht auch in Kaufmanns Film eine Razzia ins Leere, weil ein Richter den Clubbetreibern einen Tipp gegeben hat. Auch ein Politiker versündigt sich hier lange ungestraft. Dass dieser Fernsehbeitrag aufrüttelt, liegt nicht allein an ausgiebiger Themenrecherche, feinfühliger Umsetzung und sich intensiv einbringenden Schauspielern. Am Ende sind es die Gesichter der Kinder Paraschiva und Adrian, die sich im Zuschauer festsetzen.

Der Film lief am gestrigen Mittwochabend in zwei Fassungen, um dem Jugendschutz gerecht zu werden. Zur Primetime war er drei Minuten kürzer: Um 20.15 Uhr wurde den Zuschauern ein deprimierender Schluss erspart, der jedoch nachts (0.20 Uhr) in einer zweiten Ausstrahlung zu sehen war. Die Freiwillige Selbstkontrolle Kino (FSK) hatte den Fernsehfilm erst ab 16 Jahren freigegeben. Um der damit verbundenen gesetzlichen Verpflichtung nachzukommen, zeige man zur Primetime "eine Fassung des Films mit markierter Auslassung im Schlussteil", erläuterte ein ARD-Sprecher. Die knapp dreiminütige rausgeschnittene Szene gegen Ende des Films zeigt die Entführung von Fee.

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