Raabs verrutschter Rösler-Spruch

12. November 2012, 17:35 Uhr

"Hoffentlich fallen ihm nicht die Stäbchen aus der Hand": Mit einem Witz über FDP-Chef Philipp Rösler sorgte Stefan Raab für Wirbel. Und wirft die Frage auf: Wie weit darf ein Polit-Talk gehen? Von Carsten Heidböhmer

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Sieht sich wegen seines Stäbchen-Witzes über FDP-Chef Philipp Rösler in der Kritik: Stefan Raab©

Ist er der Erneuerer des angestaubten Polit-Talk-Genres oder letztlich doch nur ein "Spaß-Rassist", wie er bei "Spiegel-Online" genannt wurde? Ohne Zweifel hat Stefan Raab mit seiner neuen Sendung "Absolute Mehrheit - Meinung muss sich wieder lohnen" für viel Wirbel gesorgt. Und das nicht nur, weil er großzügige Geldgaben verteilt und die Zuschauer über die Talkgäste abstimmen lässt. Mehr noch als das unkonventionelle Konzept der Show sorgte ein Witz über FDP-Chef Philipp Rösler für Aufregung. Raab hatte über den in Vietnam geborenen Vizekanzler gesagt: "Wenn Rösler das beim Abendessen sieht - hoffentlich fallen ihm nicht die Stäbchen aus der Hand." Der FDP-Politiker wurde als kleines Kind adoptiert und ist in Deutschland aufgewachsen.

Dieser Spruch über die asiatische Herkunft Röslers sorgte bei den Liberalen für Unverständnis. Ein Parteisprecher wollte den Vorgang auf Anfrage von stern.de nicht kommentieren. Er verwies aber auf eine Meldung der Nachrichtenagentur DPA, in der ein Kommentar aus der Partei-Spitze kolportiert wird: "Ein Polittalk mit Format verzichtet auf Spielereien unter der Gürtellinie. Das wollte oder konnte 'Absolute Mehrheit' nicht."

ProSieben stellt sich hinter Raab

Wie steht Raab selbst dazu? Sieht er den Witz als geschmacklosen Ausrutscher - oder ist es bewusst das Konzept, gegen den politisch-korrekten Konsens zu schwimmen, auch auf die Gefahr hin, dafür Prügel zu beziehen? Gerne würde man seine Sichtweise dazu hören. Doch seine Produktionsfirma Brainpool hat sich dazu bislang nicht geäußert.

Der Fernsehsender ProSieben reagierte auf die Frage nach dem Witz dünnhäutig. Ein Unternehmenssprecher verwies zunächst auf die positive Rezension bei "sueddeutsche.de". Dort schrieb die Rezensentin Ruth Schneeberger, Raab habe die Gäste und das Publikum erst mal locker gemacht, "mit mehr oder weniger gelungenen, mehr oder weniger angebrachten und auch mehr oder weniger provokativen Witzchen", ohne jedoch speziell auf den Rösler-Spruch einzugehen. Später rang sich der Sender doch noch zu einer eindeutigen Stellungnahme durch: Nein, ProSieben habe kein Problem mit dem Witz - "genauso wie die politischen Gäste in 'Absolute Mehrheit'".

Damit sollte die Angelegenheit erledigt sein. Eine Staatsaffäre wird jedenfalls nicht daraus. Unterm Strich bleibt Raabs Verdienst, vor allem junge Leute für einen Polit-Talk zu gewinnen. Das gelang ihm mit Bravour: Bei der Gruppe der jungen Zuschauer im Alter von 14 bis 29 Jahren erreichte er eine Quote von fast 25 Prozent. In absoluten Zahlen war das rund eine halbe Million Menschen. Das waren mehr Zuschauer als in allen sechs öffentlich-rechtlichen Talkshows der vergangenen Woche zusammen. Dort hatten lediglich 0,45 Millionen 14- bis 29-Jährige eingeschaltet.

Ob die gezielte Verletzung der Polical Correctness - wie im Fall Rösler - nötig ist, um Jugendliche für Polit-Talks zu gewinnen, oder ob dieser Spruch einfach nur dem losen Mundwerk Raabs geschuldet ist, wird die Zukunft zeigen. Die politische Kultur in diesem Land, soviel kann man Vorab-Kritikern wie Bundestagspräsident Norbert Lammert entgegenhalten, wird in dieser Sendung jedenfalls nicht zu Grabe getragen.

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