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Keine Erlösung, nirgends

Hat er vor neun Jahren einen Unschuldigen eingelocht? Kommissar Meuffels rollt im "Polizeiruf 110" einen alten Fall neu auf - und wird von schweren Zweifeln geplagt. Ein hochklassiger Film, der auch den Zuschauer zum Grübeln bringt.

Polizeiruf 110 mit Matthias Brandt

Jens Baumann (Karl Markovics, r.) will Hauptkommissar Meuffels (Matthias Brandt) von seiner Schuld überzeugen.

Derzeit erfreut sich das Genre "True Crime" großer Beliebtheit: Der amerikanische Podcast "Serial" rekonstruierte 2014 einen alten Mordfall - am Ende kann der Zuschauer nicht mit Sicherheit sagen, ob das Gericht den richtigen Täter verurteilt hat. Ganz ähnlich der Effekt der TV-Serie "Making a Murderer", die sich derzeit auf Netflix großer Beliebtheit erfreut: Auch hier bleiben am Ende Zweifel, ob der Verurteilte auch der Schuldige ist.

Fernsehkrimis transportieren dagegen oftmals den Mythos, ein Verbrechen ließe sich restlos aufklären. In 90 Minuten bekommt der Zuschauer einen Mord samt lückenloser Aufklärung vermittelt. Zweifel an der Richtigkeit der Ermittlungen kommen in der Regel nicht auf.

Doch wie die "True Crime"-Formate zeigen, ist es in der Realität eben nicht so eindeutig. Viele Prozesse beruhen auf Indizien und mehr oder weniger glaubhaften Zeugenaussagen. 

Mord ohne Leiche

So ist es auch im aktuellen "Polizeiruf 110". Es geht zurück zu Hanns von Meuffels' (Matthias Brandt) erstem Fall als Kommissar in München. 2006 musste er den Mord an einem 16-jährigen Mädchen aufklären. Die Leiche wurde nie gefunden. Und obwohl der Hauptverdächtige zunächst die Tat abstritt, bekam Meuffels letztlich das Geständnis des labilen jungen Mannes. Er wurde rechtskräftig verurteilt und nahm sich später im Gefängnis das Leben. 

Neun Jahre später taucht ein Mann bei der Polizei auf, der angibt, den Mord verübt zu haben. Meuffels schickt den verwirrt wirkenden Herrn weg - denn fast jede Woche melden sich irgendwelche Irren, die sich eines Verbrechens bezichtigen. Auch dieser Jens Baumann (Stefan Markowics) scheint arg durcheinander zu sein: eine Stimme habe ihm befohlen, sich zu melden.

Baumann bleibt hartnäckig, lauert dem Kommissar auf und nennt ihm immer neue Details über den Tathergang. So weckt er bei dem Ermittler schließlich Zweifel: Hat er damals einen Fehler gemacht? Schließlich beginnt Meuffels, den Fall neu aufzurollen. 

Kein glaubwürdiger Zeuge

Im Laufe der 90 Minuten bekommt der Zuschauer verschiedene Variationen der Geschichte serviert, die immer wieder voneinander abweichen: Baumann ist kein glaubwürdiger Erzähler. Meuffels ist hin- und hergerissen. Ist genervt von den Lügen. Andererseits erhärtet sich im Fortgang der Ermittlung vieles, was er sagt.

Was Jens Baumann antreibt, ist der Wunsch nach Sühne, nach Erlösung von seiner Schuld. Das ist auch Meuffels Motiv: Der Gedanke, möglicherweise einen Unschuldigen ins Gefängnis gebracht zu haben, nagt an dem korrekten Beamten. Nur die lückenlose Aufklärung kann ihm innere Ruhe bringen. Und was ist mit der Mutter des vermeintlichen Mörders - hat auch sie nicht ein Recht darauf, von dem furchtbaren Verdacht erlöst zu werden, dass ihr Sohn ein Mörder war? Ganz zu schweigen von den Eltern des Mordopfers: Solange es keine Leiche gibt, können sie keinen Frieden finden - und bleiben unerlöst.

Herausragende "Polizeiruf"-Folge

Der Zuschauer begleitet Meuffels und Baumann bei dem Versuch, ein neun Jahre altes Verbrechen zu rekonstruieren - und muss sich selbst eine Meinung bilden, was damals geschehen ist. Vertraut er darauf, dass vor Gericht alles korrekt entschieden wurde - oder kann man dem wirren Baumann Glauben schenken? 

Der "Polizeiruf 110" zementiert mit "Und vergibt uns unsere Schuld" (Buch: Alex Buresch und Matthias Pacht, Regie: Marco Kreuzpaintner) seinen Status als bester deutscher Fernsehkrimi. In dieser Tiefe und Ernsthaftigkeit leistet keine andere Reihe eine Auseinandersetzung mit der Natur von Verbrechen und Aufklärung. Gekrönt wird der Film von einer herausragenden Schauspielleistung von Matthias Brandt und Stefan Markowics, die durch ein Verbrechen unglücklich aneinander gekettet worden sind und sich nur gegenseitig helfen können. Beide spielen sich buchstäblich die Seele aus dem Leib.

Insbesondere Kommissar Meuffels nimmt dieser Fall so sehr mit, dass man ihm als Zuschauer am Ende Ende nichts sehnlicher als Erlösung wünscht.

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