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29. August 2008, 09:06 Uhr

Heulender Tanzbär trifft Schimpfwort-König

Seit gestern hilft Rapper Sido bei der Suche nach Deutschlands nächsten "Popstars". Der "ehrlichere Dieter Bohlen" will er in der Jury sein. Dafür sind seine Sprüche zwar viel zu harmlos, aber manchmal herrlich unterhaltsam. Von Carolin Neumann

Auf Fotos mit den Jurykollegen Loona und "D!" (r.) gibt sich Rapper Sido ganz cool© Horst Ossinger/DPA

Wer Dieter Bohlen partout nicht lustig findet, sondern zu dreist und zynisch, der kann sich freuen: In der neuen Staffel hat jetzt auch die ProSieben-Castingshow "Popstars" einen eigenen Sprücheklopfer. Einen, der sich für den ehrlicheren Bohlen hält und Sachen sagt wie "Du hast meinen Respekt, weil du hier her kommst, obwohl du nichts kannst!" - Skandalrapper Sido ("Mama ist stolz"), wohl besser bekannt als der Typ mit der Maske. Er verstärkt neben Sängerin Loona ("Bailando") und dem "Popstars"-Urgestein, Choreograf Detlef "D!" Soost, die Jury bei der mittlerweile siebten Suche nach den nächsten Chartstürmern. Diesmal soll es wieder eine reine Girlband sein, über 2.200 Mädchen haben sich beworben.

Ohne seine Maske ist Sido zahm wie ein Kätzchen

Statt im weiten Shirt seines Labels "Aggro Berlin" erscheint Sido ganz vorbildlich im Hemd und mit Brille zum Casting. Wie man sich für den kommerziellen Erfolg kleidet, das hat er ja schon als Co-Moderator zweier Viva-Girlies bei der Verleihung des "Comet" im Frühjahr geübt. "Street Cred", Glaubwürdigkeit der Straße? Fehlanzeige. Wenn man Sido so gestriegelt da sitzen sieht, hält man es kaum für möglich, dass dies der Mann mit dem "Arschficksong" ist, der sein Ghettoimage pflegt und sich jahrelang hinter einer silbernen Maske versteckt hielt. Während Dieter Bohlens Gags sich anhören, als hätte er sie schon drei Tage vorher geschrieben, wirkt Sido überraschend spontan und tatsächlich ehrlich. So mancher Kandidatin passt das gar nicht. "Idiot" und "Arschloch" schimpfen sie oder: "Wenn er einen schlecht findet, soll er das vernünftig sagen und nicht wie so 'n Ghettokind."

Von ein paar anzüglichen Bemerkungen ("Da sind schon ein paar schöne Geräte dabei") ist der "Skandal-Rapper" fast so harmlos wie die blonde Loona an seiner Seite. Die holländische Sängerin wird von der Off-Stimme gefeiert als sei sie Superstar Madonna. Sie ist die Quotenfrau im Jury-Team, natürlich mit dem für "Popstars"-Jurorinnen obligatorischem ausländischem Akzent und dem Bemutterungs-Gen.

Möchtegern-Winehouse mit Flatter-Stimmchen

Abgesehen von der Umbesetzung in der Jury, bleibt bei "Popstars" alles beim Alten: Neben einigen guten Stimmen sah man beim Auftakt-Casting in Hamburg viele Mädchen von höchstens 20 Jahren, die an Selbstüberschätzung leiden und heulend mit dem Fuß auf den Boden stampfen, wenn sie ihre Texte vergessen. Dass sich gleich mehrere Mädchen mit dünnen Stimmchen am souligen Amy-Winehouse-Song "Rehab" versuchen, war noch das geringste Übel. Andere kicherten Teenie-mäßig rum, als hörten sie zu Hause nicht Rihanna und Beyoncé, sondern ausschließlich Sidos Aggro-CDs. Wieder andere versuchten den Rapper mit eigenen Reimen zu beeindrucken und die 16-jährige Jasmina schmiss dabei so mit Fäkalwörter um sich, dass fast der ganze 30-Sekunden-Auftritt überpiepst werden musste.

Bis es spannend wird und die ersten Mädchen vor lauter Anstrengung in Mama Loonas Armen zusammenbrechen, dürfte es noch dauern. Das Ende kennen wir dennoch schon: Aus unschuldigen Teenies werden in kürzester Zeit zügellose, Charts-reife "Popstars", die sich in Miniröcke zwängen und in Musikvideos räkeln. Wo wir gerade von aufgesexten Minderjährigen sprechen: Die 2006 gecastete Girlgroup Monrose schmeißt wie erwartet pünktlich zur neuen Staffel ein Album auf den Markt. Und damit der Zuschauer das auch mitbekommt, wird die neue Single natürlich bei jeder Gelegenheit eingespielt. Von der Siegerband aus dem letzten Jahr, Room 2012, ist hingegen keine Rede mehr. Der angekündigte "heißeste Live-Act Deutschlands" war schon abgekühlt, bevor er überhaupt zum ersten Mal auf Tour gehen konnte.

Ohnehin ist das dauerhafteste Phänomen, das die Show bislang hervorgebracht hat, Chefanimateur Detlef Soost. Selbst der große Erfolg der No Angels ist längst vorbei, aber "D!" ist unkaputtbar. Erst wenn er, ein Mann wie ein Bär, gemeinsam mit den Teenies in Tränen ausbricht, wird es doch so richtig lustig bei "Popstars". Nur Sido stellt ganz schnell klar, dass ihn niemand so leicht zum Weinen bringt: "Ich bin eine innere Wüste."

Von Carolin Neumann
 
 
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