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17. Juni 2009, 15:21 Uhr

"Erwachsen auf Probe" schreckt Werbekunden ab

Erst waren es nur die Zuschauer, jetzt brechen auch noch die Werbekunden weg. Weil sie nicht mit der umstrittenen RTL-Serie "Erwachsen auf Probe" in Verbindung gebracht werden möchten, zogen mehrere große Werbekunden ihre Spots zurück. Für den Sender wird die Dokusoap zum Image-Debakel. Von Katharina Miklis

Teenager mit Kinderwunsch probieren sich erst an Puppen, dann an echten Babys aus. Viele Werbekunden distanzieren sich nun von dem Format© RTL

Immer mehr Großunternehmen distanzieren sich von der Erziehungssoap "Erwachsen auf Probe". Wie eine Sprecherin des Werbezeitenvermarkters IP Deutschland auf Nachfrage bestätigte, haben sich einige Werbekunden in den vergangenen Tagen dazu entschlossen, ihre Spots aus dem Werbeumfeld von "Erwachsen auf Probe" zurückzuziehen. Zu den Namen der Kunden wollte sich IP nicht äußern. Nach stern.de-Informationen gehören Unternehmen wie Obi, Storck und Ikea dazu.

Bereits Wochen vor der Ausstrahlung der ersten Folge am 3. Juni hatte die RTL-Sendung, in der Teenager sich an echten Babys als Eltern ausprobieren dürfen, für Aufregung gesorgt. Mehr als 60 Verbände aus der Kinder- und Jugendhilfe forderten die Absetzung der Show, für deren Dreharbeiten Eltern RTL ihre Säuglinge und Kleinkinder zur Verfügung gestellt haben. Auch Politiker und Ärzte hatten gefordert, die Sendung zu verbieten oder darauf zu verzichten. Die Bundespsychotherapeutenkammer forderte Gesetzesänderungen. Trotz der Krawall-PR, von der viele befürchteten, sie würde dem Sender nur in die Hände spielen, interessierten sich von Beginn an nur wenige Zuschauer für das fragwürdige Baby-Experiment. Und jetzt springen RTL auch noch die Werbekunden ab.

Dies ist laut IP-Sprecherin vor allem auf die "Lobbyarbeit einer Familienorganisation" zurückzuführen. Diese soll gezielt große Werbekunden angeschrieben haben, mit dem Hinweis, sie würden in einem kriminellen Umfeld werben. Tatsächlich ruft die Bürgerinitiative "Verantwortung für die Familie e.V." auf ihrer Internetseite dazu auf, E-Mails an werbungtreibende Unternehmen zu schicken und sie zum Werbeverzicht aufzufordern.

Gegenüber stern.de erklären Unternehmen wie Obi, Storck und Ikea, warum sie nicht mehr im Umfeld von "Erwachsen auf Probe" werben wollen: Während die Baumarktkette betont, vor der ersten Ausstrahlung nichts von den Inhalten der Sendung gewusst zu haben, ist es dem Süßwarenhersteller Storck wichtig, seine Produkte "nicht im Umfeld eines solchen Formates zu präsentieren". Das schwedische Möbelhaus bestätigte zudem, man sei vor der Ausstrahlung der ersten Folge der Dokusoap von einem "pädagogisch wertvollen Ansatz" ausgegangen. Man habe von der "Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen" eine positive Einschätzung bekommen. Erst nach Sendestart habe das Unternehmen das "kritische Potenzial" erkannt und sich daraufhin aus dem Werbeumfeld umbuchen lassen, heißt es aus der Pressestelle der Schweden.

Kunden drohten mit Boykott

So lief es bei vielen Firmen. Auch die VHV Versicherungen vertraute zunächst den Programmverantwortlichen des Privatsenders. Nach der ersten Ausstrahlung habe man sich jedoch ein eigenes Bild gemacht und ist nun zu dem Entschluss gekommen, dass man "ein derartiges Programm nicht unterstützen möchte". Karstadt Quelle Versicherungen berichtet zudem von diversen Kundenbeschwerden, die beim Konzern eingegangen sind und distanziert sich ebenfalls von "einer Sendung, die so stark in der öffentlichen Kritik steht und daher auch nicht mit dem positiven Image von KarstadtQuelle Versicherungen harmoniert".

In den Briefen und Mails von aufgebrachten Verbrauchern, die stern.de zum Teil vorliegen, drohen die Kunden mit dem Boykott der Produkte, sollte man sich von dem umstrittenen Format nicht distanzieren.

Der Privatsender will trotz der Werbespot-Stornierungen an der umstrittenen TV- Reihe festhalten. "Wir haben hier unsere Verantwortung als Fernsehsender in vollem Unfang wahrgenommen und stehen nach wie vor uneingeschränkt zu dem Sendeformat", sagte eine RTL-Sprecherin am Mittwoch auf Anfrage. "Es kursieren nach wie vor falsche Informationen über das Format, wie zum Beispiel, dass wir die Babys vier Tage von ihren Eltern getrennt hätten, was definitiv nicht stimmt. Wir verwehren uns gegen den Vorwurf des Missbrauchs und der Kindesmisshandlung".

Ethisch unverantwortlich, rechtlich aber zulässig

Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) teilte am Mittwoch nach ihrer Sitzung in München mit, dass zumindest die erste von den Jugendschützern gesichtete Folge der RTL-Reihe "ethisch und pädagogisch unverantwortlich", rechtlich aber zulässig sei. "Die Entscheidung der KJM zur ersten Doppelfolge ist kein Freibrief für die weiteren Folgen der Reihe", sagte der KJM-Vorsitzende Wolf-Dieter Ring. Am 15. Juli werde die Kommission über weitere Folgen entscheiden.

Bereits in der heutigen Folge von "Erwachsen auf Probe" werden die Spots von Ikea oder Storck nicht zu sehen sein. Die Werbeunterbrechungen will man laut RTL mit eigenen Trailern auffüllen. Ein finanzieller Schaden entsteht dem Sender laut IP-Sprecherin nicht, da keine Werbeblöcke storniert, sondern nur umgebucht wurden. Der Imageschaden für RTL dürfte allerdings weitaus größer sein.

Von Katharina Miklis
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
tomib (17.06.2009, 20:36 Uhr)
Dokusoaps
... gibt es mittlerweile auch bei den Öffentlichrechtlichen, aber nicht in so niedrigen Niveau.
Ich ärgere mich regelmäßig über die immensen Fernsehgebühren, die die GEZ abbucht, aber dafür nutze ich Nachrichten und Informationssendungen, die wegen der vielen Auslandskorrespondenten teuer sind.
Dazu sollten die durch Werbung finanzierten Sender eine Konkurrenz bilden. Von Konkurrenz kann aber keine Rede sein. Es scheint eine Ergänzung, für sehr 'schlichte' Menschen. Es geht eine Saat der Politiker auf, die von Beginn an das Ziel hatte, die Wähler zu verblöden, um so die Macht leichter erhalten zu können. Es ist an der Zeit, dass die, die das durch Werbung finanzieren, sich darüber klar werden, ob sie diese Kunden gewinnen wollen. Viele Unternehmen werden, sofern sie sich die Formate wirklich ansehen, feststellen, dass sie den Versprechungen der Sender über die Inhalte weitaus kritischer gegenüberstehen müssen.
raptor-xl (17.06.2009, 19:16 Uhr)
es freut mich sehr...
...das die werbekunden den gleichen geschmack wie ich haben. es ist abschreckend - sonst nichts.
asozialen-tv für auch nur diese zielgruppe! wer bei denen werbung schaltet, wird auch nichts verkaufen. da haben nur 0190-nummern, haarentfernungscremes, augenbrauenzupfer, frenchnailshersteller oder trainingsanzugshersteller chancen auf umsätze.
wenn man da für mercedes e-klasse werben würde, ist das ähnlich doof, als wenn man eskimos flipflops verkaufen möchte...
das privatfernsehen wird auf dauer probleme bekommen, wenn sie wirtschaft merkt, dass deren klientel nicht werbedeckung hat.
soylentyellow (17.06.2009, 18:34 Uhr)
Werber sollten sich mal die Sendungen anschauen in denen sie werben
Zitat aus dem Spiegel Artikel zum gleichen Thema: "Nachdem wir [die Werbetreibenden] uns die Sendung allerdings selbst angesehen haben, sind wir schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass wir ein derartiges Programm nicht mit Werbebuchungen unterstützen möchten."
Ob die sich jemals all die anderen Sendungen angesehen haben in denen sie Werbung gebucht haben? Ich glaube nicht.
Klaus_P (17.06.2009, 17:34 Uhr)
Naja.
wenn man mit Sche**e spielt braucht man sich nicht zu wundern wenn man danach stinkt...
Albinez (17.06.2009, 17:23 Uhr)
Rechtschreibschwäche
Ich meinte natürlich das Prekariat.
Wer noch mehr Fehler findet, darf sie behalten ;)
Albinez (17.06.2009, 17:02 Uhr)
@ necros & shine
Ich kann nur hoffen, dass Euer, was auch mein Wunsch ist, erfüllt wird.
Jedoch besteht der Hauptfernsehzuschauer aus der werberelevanten Zielgruppe, meiner Meinung nach, vorwiegend aus dem Präkariat, welches sich (jetzt werde ich mich in die Nesseln setzten) vorwiegend untereinander, inflationär vermehrt. Und da in diesen Kreisen, der Fernseher schon immer als Babysitterersatz diente, und die Menschen damit auch weiter aufwachsen, steigt die Zielgruppe auch in Zukunft. Man sollte nicht glauben und unterschätzen, wie hoch das Markenbewusstsein der Menschen mit den geringsten Einkommen in unserem Land ist. Sie bleiben also für die Werbenden somit weiter relevant. Der Mittelstand, der diese Formate im Moment noch boykottiert, stirbt ja bekanntlich in Zukunft aus, und sowohl die Intellektuellen, als auch die Oberschicht liest eh nur, oder hat auch keine Zeit, fern zu sehen.
Denke, das einzige, was uns wirklich übrig bleibt, ist den Fernseher auszuschalten, und unsere Kinder vor so einem Dreck zu schützen.
Ich frage mich, warum nicht schon bei "der Supernanny" die Leute auf die Barikaden gegangen sind. Dort werden die Menschen genauso bloßgestellt, und die Kinder und Jugendlichen für den Sender missbraucht. Die Protagonisten werden noch nicht einmal darüber aufgeklärt, dass die Gage (meines Wissens nach €5000)) für diesen gefakten Dreck, bei der ARGE als Einkommen angegeben werden muss. Und *zack* wird mal kurzerhand das ALG2 für ein paar Monate eingestellt, wenn der missgünstige Nachbar der netten Vorzeigefamilie eins auswischen will, und diese dort anschwärzt.
Aber bekanntlich kann sich der Schwache an dem noch Schwächeren hochziehen, und daher werden wir wahrscheinlich auch weiter mit so einem Müll bombadiert werden.
So, danke, dass ich mich mal so richtig auskotzen durfte.
Gute Nacht!
Necros (17.06.2009, 16:45 Uhr)
Man wird ja noch träumen dürfen...
Ich habe vor ein paar Monaten mal den ersten Schritt gemacht: Einfach Sat 1, RTL, RTL 2, VOX und ein paar andere von der Fernbedienung genommen. Pro 7 ist allein für die Simpsons da. Die Fernsehfrequenz nimmt ab, die Lebensqualität zu, Entzugserscheinungen liegen bislang bei 0.
shine (17.06.2009, 16:23 Uhr)
Re: Necros
"Vielleicht haben wir irgendwann dieses Elend überwunden und die Sender müssen mal wieder etwas Vernünftiges zeigen. I have a dream..."
Ich glaube, daß wir leider immer noch nicht auf dem Tiefpunkt des möglichen angekommen sind... Leider...
Necros (17.06.2009, 16:10 Uhr)
*Vielleicht* ein Trend
Ich mag ja kaum daran glauben, aber in letzter Zeit spreche ich immer häufiger mit Menschen, die die ganze Krawall-Asi-Casting-Dokusoap-BigBrother-Chose einfach nicht mehr sehen können. Die körperliches Elend beim Anblick von Sonja Z. erleiden, bei Werbung panisch zur Fernbedienung greifen und statt "Raus aus den Schulden" lieber raus aus der Wohnung gehen. Vielleicht haben wir irgendwann dieses Elend überwunden und die Sender müssen mal wieder etwas Vernünftiges zeigen. I have a dream... ^^
utasieg (17.06.2009, 16:08 Uhr)
das einzigste das mich wundert ist,
dass es immer noch Firmen (Markenhersteller) gibt, die bei diesem Schrottsender Webespots einstellen.
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