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Halloween im Hause Barschel

RTL übertrifft sich selbst, stört die Totenruhe und ist bei Uwe Barschel zu Besuch. Der ist gut drauf und lässt ausrichten: Es war kein Selbstmord, damals im Genfer Hotelzimmer. Es war Gas. Der Sender will Geschichte neu schreiben - heraus kommt okkulter Unsinn.

Von Katharina Miklis

Uwe Barschel ist äußerst freundlich und zuvorkommend. "Willkommen in meinem Reich", begrüßt er die fremde Besucherin. Er ist sehr wortgewandt, plappert ununterbrochen. Über das Haus, wie es ihm geht und wie er sich fühlt. Sehr nett ist er - und fröhlich.

Dass Uwe Barschel seit 23 Jahren tot ist, hindert RTL nicht daran, ihm einen Besuch abzustatten und ein wenig über die alten Zeiten zu plaudern. Mit der am Sonntagabend ausgestrahlten Pilotfolge von "Das Medium" übertrifft sich der Privatsender selbst und lässt Menschen vor laufender Kamera Kontakt zu ihren verstorbenen Verwandten aufnehmen - passenderweise an Halloween. So ist Moderatorin Petra Neftel zum Leichenfleddern auch bei der Witwe des 1987 verstorbenen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein zu Gast. Sie hat Kim-Anne Jannes dabei. Die 39-jährige Schweizerin ist sich sicher: Sie kann mit Toten sprechen. Sie ist "das Medium".

Hellseherin Jannes ist schon durch manche TV-Show gereicht worden. Nicht nur für RTL, auch bei der ProSieben-Hokuspokus-Sendung "Galileo Mystery" oder bei TV-Pfarrer Jürgen Fliege plauderte sie bereits ohne Skrupel mit Toten. Auf ihrer Internetseite bietet das "Medium" neben selbstgepinselten Acrylbildern auch Selbstfindungskurse und Workshops an. Wer zwischen 90 und 220 Euro auf den Tisch legt, bekommt von der 39-Jährigen allerlei Hilfestellung: Krebs, Engel oder das innere Kind - Jannes hat viele Spezialgebiete.

Auch zwischen Uwe Barschel und ihr läuft es bestens. Gerade hat ihr der Tote seinen Lieblingsplatz in der Villa in Mölln gezeigt, einen abgewetzten Ledersessel. Das Medium kichert. Der Herr Barschel sei so ein Charmeur. "Er ist so witzig, gebildet und sehr sehr emotional." Seine hinterlassene Ehefrau Freya kann es nicht fassen: Tatsächlich saß der Uwe gerne auf diesem Sessel und hat in Zeitschriften geblättert. Und er war wirklich witzig. Die 66-Jährige ist sich sicher: RTL hat Kontakt zum Jenseits.

Geistertalk statt Kuppelshow

Als Emotainment-Doku bezeichnet der Sender die Show, in der die Schweizerin Kim-Anne Jannes Kontakt zu Toten aufnimmt. Auf dem Programmplatz, auf dem RTL bis vergangene Woche noch Schwiegertöchter suchte, wird nun also das Gespräch mit Verstorbenen gesucht. So weit, so geschmacklos. Hinzu kommt, dass der Sender sich noch nicht einmal die Mühe gemacht hat, den Hokuspokus ordentlich zu produzieren. Einer der Beiträge wird mitten im Satz unterbrochen. Das Medium war gerade dabei, Kontakt zum ermordeten "Bierkönig"-Wirt von Mallorca aufzunehmen. Plötzlich ist der Zuschauer mitten im Beitrag über Uwe Barschel.

Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein war 1987 in einen der größten Skandale der Bundesrepublik verwickelt. Ihm wurde vorgeworfen, im Wahlkampf seinen Widersacher Björn Engholm bespitzelt zu haben, was Barschel bestritt - besonders spektakulär auf seiner berühmten "Ehrenwort"-Pressekonferenz. Kurz darauf wurde der CDU-Politiker tot in einer Badewanne des Genfer Hotels Beau Rivage gefunden. Die Todesumstände sind bis heute nicht vollständig geklärt. RTL will Licht ins Dunkel der Barschel-Affäre bringen und schickt das Medium bei der Witwe in Mölln vorbei.

"Er ist richtig am Zittern"

Freya Barschel will endlich wissen, wie ihr Mann wirklich ums Leben kam. Warum sich die 66-Jährige nach 23 Jahren ausgerechnet an RTL wendet, wird nicht klar. Nur so viel: "Ich wollte zeigen, dass mein Mann kein Selbstmörder oder Lügner ist."

Uwe Barschel klopft das Herz bis zum Hals. Kim-Anne Jannes spürt die Emotionen im Haus des Verstorbenen überkochen. Sie atmet schneller. "Er ist so verliebt", berichtet das aufgebrachte Medium mit glühenden Wangen. Die Witwe hört das gern, lächelt. Dann geht es ans Eingemachte. Die Schweizerin mit den überirdischen Fähigkeiten soll den Toten über die Geschehnisse im Genfer Hotel befragen. War es Selbstmord? Oder Mord? Das Medium hakt nach. Uwe Barschel lässt ausrichten: "Das ist 'ne längere Geschichte." Die Seherin Jannes atmet hektisch, sie schüttelt sich. "Er ist richtig am zittern", berichtet sie, "und er denkt: 'auf was habe ich mich da nur eingelassen?'". Da hat er was mit dem Zuschauer gemein. Denn die Sendung wird immer skurriler. Uwe Barschel spürt, dass er die Kontrolle über seinen Körper verliert, erzählt die Hellseherin. "Es fühlt sich an, als hätte er Morphium genommen." Er zeige auf Lüftungsschlitze in der Wand, so das Medium. Durch die Schlitze ströme Gas in das Hotelzimmer. Uwe Barschel hört angeblich Schritte. Dann verliert er das Bewusstsein. "Ist er umgebracht worden?", fragt RTL-Moderatorin Neftel mit schlecht gespielter Betroffenheit. Das Medium ist sich sicher: "Ja klar." Und warum lag er bekleidet in der Badewanne des Hotelzimmers? Uwe Barschel lässt ausrichten: "Das Mittel musste von seinem Körper abgewaschen werden, damit es nicht nachzuweisen ist". Die Witwe nickt. So etwas hatte sie sich schon gedacht. Dank RTL hat sie nun die Bestätigung.

Schon vor der Sendung habe sie immer wieder das Gefühl gehabt, ihr verstorbener Mann wolle ihr etwas sagen, sagt Freya Barschel. Mal flackerten die Lichter in ihrem Haus. Ein anderes Mal schaltete sich der Fernseher aus. Wie von Geisterhand. Wenn es wirklich Barschels Geist war, kann man es ihm nicht verübeln. Wahrscheinlich lief gerade RTL.

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