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Die Rückkehr des Unterschichtenfernsehens

Lange Zeit war Unterschichten-TV kein Thema. Doch heimlich, still und leise hat RTL2 neue Trash-Formate etabliert. Heute startet die Soap "Köln 50667". Das Interesse ist schon jetzt gigantisch.

Von Carsten Heidböhmer

Gute Quoten für die Hauptdarsteller der neuen RTL2-Soap "Köln 50667"

Gute Quoten für die Hauptdarsteller der neuen RTL2-Soap "Köln 50667"

Das Unterschichtenfernsehen ist auch nicht mehr das, was es mal war. Bezeichnete der Begriff Anfang des Jahrtausends das Vordringen von niveaulosen Formaten - von "Big Brother" über "Deutschland sucht den Superstar" bis hin zu den allgegenwärtigen Mittagstalks -, so hat sich die Debatte über das Fernsehprogramm in den vergangenen Jahren ein wenig gewandelt.

Das hat verschiedene Gründe: Die richtig fiesen, auf Erniedrigung des Kandidaten abzielenden Castingformate wie "DSDS" und "Das Supertalent" kränkeln, gleichzeitig haben Sendungen wie "The Voice of Germany" die Möglichkeit einer Castingshow mit menschlichem Antlitz aufschimmern lassen. Der TV-Knast "Big Brother" sorgt schon lange für keine gesellschaftlichen Debatten mehr, 2012 wurde die Sendung erst gar nicht produziert. Und der Mittagstalk? Während früher "Hans Meiser", "Ilona Christen", "Arabella", "Fliege", "Bärbel Schäfer", "Vera am Mittag" und "Kerner" um die Gunst der Zuschauer buhlten, sind diese inzwischen alle: eingestellt.

Auf den ersten Blick hat sich also vieles verbessert. Wird heute über das Fernsehen diskutiert, geht es vor allem um die Gebühren, der Begriff Unterschichtenfernsehen ist völlig verschwunden. Das Phänomen aber existiert freilich weiter - und gedeiht gerade in den Nischen prächtig. Vor allem RTL2 hat sich zum Heimatsender trashiger Formate entwickelt, die abseits der großen Sender eine erstaunliche Popularität genießen.

Vorbild "Berlin - Tag und Nacht"

Speziell das Genre der Scripted Reality bindet viele Zuschauer. Dabei handelt es sich um Serien, die wie eine Dokumentation daherkommen, in Wirklichkeit aber einem Drehbuch folgen. Während man als Zuschauer den Eindruck hat, man beobachte ganz normale Menschen beim Leben, handelt es sich in Wahrheit um Laiendarsteller, die vorgegebene Inhalte umsetzen - dabei aber keine vorgeschriebenen Dialoge nachsprechen, sondern frei Schnauze reden. Deswegen wirken diese Formate so authentisch.

Eines der erfolgreichsten Formate ist "Berlin - Tag und Nacht". Die Serie erzählt ganz banale Geschichten aus dem Alltag junger Menschen in der Hauptstadt. Nach schwachem Start hat sich die Reihe zum echten Zugpferd für RTL2 entwickelt, inzwischen liegen die Quoten weit über dem Senderschnitt von 6,4 Prozent (2012). Vor allem aber treibt der Kult um "Berlin - Tag und Nacht" im Internet seine Blüten. die Facebook-Seite hat rund 2,5 Millionen Fans, und die sind richtig aktiv: 281.000 sprechen darüber. Die Serie war so erfolgreich, dass sie eine andere Ikone des Unterschichtenfernsehens in den Schatten stellte: Für "Berlin - Tag und Nacht" verzichtete der Sender 2012 sogar auf eine neue Staffel "Big Brother".

Rheinischer Ableger

Nun legt RTL2 nach: Mit "Köln 50667" transportiert der Sender das erfolgreiche Metropolen-Format in die Domstadt. Die neue Serie ist als Spin-off der Berliner Schwester angelegt, in der Person der dortigen Protagonistin Meike besteht sogar eine personelle Kontinuität: Meike ist gerade von Berlin nach Köln gezogen - und wird den neuen Zuschauern die Eingewöhnung an das neue Personal erleichtern.

Dass durchaus Bedarf an einem rheinischen Ableger besteht, belegt der Facebook-Auftritt von "Köln 50667". Noch ehe die erste Sendeminute über den Äther gegangen ist, verfügt die Reihe über eine stabile Basis von mehr als 334.000 Facebook-Fans. 58.000 reden derzeit über ein Format, das sie eigentlich noch gar nicht kennen. Der Trick: RTL2 hat die Hauptpersonen der Serie in den vergangenen sechs Wochen in dem sozialen Netzwerk vorgestellt, dem Zuschauer wurde so der Eindruck vermittelt, noch näher an den Protagonisten dran zu sein.

"Köln 50667" läuft ab sofort um 18 Uhr auf RTL2. Wer nach einer Stunde noch nicht genug hat, kann den Fernseher gleich anlassen: Direkt im Anschluss läuft die 330. Folge von "Berlin - Tag und Nacht". Diese Doppelstunde Unterschichtenfernsehen gibt es bei RTL2 ab sofort fünf Mal die Woche. Es sieht ganz danach aus, als stünde uns eine Renaissance dieses schon totgesagten Konzepts bevor.

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