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30. Mai 2010, 17:00 Uhr

"Ich wollte nicht die Mutter der Nation werden"

Seit 13 Jahren ermittelt Sabine Postel als "Tatort"-Kommissarin in Bremen. Im stern.de-Interview spricht sie über Stasi-Spitzel, ihre Radiokarriere mit Marius Müller-Westernhagen, ihr Image als Rabenmutter, und darüber, dass sie gerne mit ihrem Sohn einen Kinofilm drehen würde.

© Michael Bahlo/DPA Sabine Postel, 56 Seit 1997 spielt Sabine Postel im Bremer "Tatort" die Kommissarin Inga Lürsen. Die gebürtige Niedersächsin begann ihre Karriere am Staatstheater in Oldenburg. Sie hat in diversen Fernsehproduktionen mitgewirkt und wurde mit Preisen wie dem Bambi und dem "Goldenen Löwen" ausgezeichnet. Postel hat einen erwachsenen Sohn, ihr Mann starb vor sieben Jahren an Krebs. In der "Tatort"-Folge "Schlafende Hunde", die am 30. Mai 2010 ab 20.15 Uhr in der ARD zu sehen ist, geht es um brisante Stasiseilschaften, die auch noch nach dem Fall der Mauer existieren.

Frau Postel, was macht den Bremer "Tatort" aus?

Die Leute haben mitbekommen, dass Radio Bremen oft heiße Eisen anpackt. Und ich bin froh darüber, dass wir damit auch neun Millionen Zuschauer bekommen, denn sonst heißt es womöglich, könnt ihr nicht lieber den Gartenlaubenmord machen. Man muss sich im "Tatort"-Umfeld positionieren und zur Marke werden. Das ist uns gut gelungen.

Was ist das Bremer "Tatort"-Markenzeichen?

Dass wir mehr sozialkritische Themen wählen und uns an außergewöhnliche Geschichten wagen. Zum Beispiel "Schiffe versenken" war ein absolutes Novum (Mord auf hoher See, Anm. d. Red.). Wir haben einen "Tatort" über Strahlenbelastung durch Handys gemacht, da liefen die Mobilfunkbetreiber Amok. Es gab diese Satanistengeschichte, die auf einer wahren Geschichte beruht, wo Kinder missbraucht wurden von sogenannten ehrenwerten Bürgern. Und jetzt eben dieser "Tatort" über alte Stasiseilschaften, davon hatte ich noch nie gehört. Drehbuchautor Wilfried Huismann hat das genau recherchiert. Er weiß, wenn man solch heißen Eisen anpackt, dass es immer Leute gibt, die das stoppen können, deswegen muss man sehr akribisch sein.

Was haben Sie gedacht, als Sie das Drehbuch zu dem "Schlafende Hunde", dem "Tatort" über Stasiseilschaften, gelesen haben?

Das kann nicht sein, ich bin ja ein Wessie. Kurz vor dem Fall der Mauer wurden noch ca. 20 Milliarden zur Verfügung gestellt, um die Geheimdienste aufrecht zu halten? Das klang für mich absurd. Stimmt aber. Je mehr man sich in die Geschichte vertieft, desto klarer wird auch, dass all die Menschen, die diesen riesigen Geheimdienstapparat aufrecht erhalten haben, irgendwie weiterarbeiten mussten. Die hatten ein Know-how, das sich gut in die BRD integrieren ließ, im Sicherheitsbereich, in der Politikbranche. Jede zweite, dritte war IM in der DDR. Die Leute im Osten wussten nicht, ob ihr Freund oder ihr Nachbar sie bespitzelt hatte. Das ist ein riesiger Vertrauensbruch und eine üble Situation für die Seele.

Es sind erst 20 Jahre nach Fall der Mauer vergangen. Wenn man überlegt, was 20 Jahre nach Fall des Naziregimes alles noch unter den Teppich gekehrt wurde, kann man sich vorstellen, dass die DDR-Vergangenheit noch lange nicht aufgearbeitet ist.

Genau. Ich weiß von einer Kollegin, die zehn Jahre lang gesagt hat, sie habe solche Angst, in ihre Akte zu gucken. Nach 12, 13 Jahren hat sie beschlossen, stabil genug für den Einblick zu sein und festgestellt, dass eine ganz enge Kollegin und Freundin IM war und sie bespitzelt hat. Zur Rede gestellt hat sie sich damit verteidigt, dass sie nur banale Informationen weitergegeben habe - sie wäre quasi ein Schutzschild gewesen.

Inspirieren Sie die Dreharbeiten eigentlich, sich mit dem jeweiligen Thema des "Tatorts" genauer zu beschäftigen?

Ja. Ich kriege immer viel Sekundärliteratur. Bei den Satanisten ("Abschaum", 2004 Anm. d. Red.) war das scheußlich, da hatte ich Unterlagen im Hotelzimmer, die ließen einen nicht kalt. Oder die Praktiken zur Wiederherstellung des Jungfernhäutchens bei unserem "Tatort" über Türken. Bei "Strahlende Zukunft" war es äußerst beunruhigend, sich mit den Strahlenwerten zu beschäftigen. Man macht sich gar nicht klar, welche Strahlungsintensität die Sendemasten haben, die einen davon abhalten, ruhig zu schlafen. Man bekommt viel Beunruhigendes auf den Tisch.

Seite 1: "Ich wollte nicht die Mutter der Nation werden"
Seite 2: Gucken Sie auch die anderen "Tatort"-Folgen?
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
tannebaum (31.05.2010, 11:21 Uhr)
der tatort...
als inspiration für sexualaufklärung.

homoliebe, ana..verkehr und gestern inzest. normal geht nicht mehr, was?!

die story etwas hanebüchen, aber wenigstens mal nicht gutmenschlich, sondern ermahnend, dass an nicht alles gleich vergessen soll...

im gegensatz zum dritten reich leben die täter, welche hunderttausende eingesperrt, verhört und gedemütigt haben immer noch unter uns.
was aus denen ein unmenschliches regime gemacht hat und warum diese täter so skrupellos waren, soll heute oft zu schnell vergessen werden. dabei wäre es eine mahnung an alle, die in krisenzeiten sofort wieder solchen dummen parolen folgen...
Miguelo (31.05.2010, 09:53 Uhr)
Solide Vorstellung
Im Vergleich zu den ganzen abgespacten Tatort-Folgen der vergangenen Wochen und Monate (mit einigen Ausnahmen), war der Bremer Tatort ein solider Tatort. Kein Knüller, aber auch kein Langweilier und auch nicht fernab der Realität.
endbenutzer (31.05.2010, 08:01 Uhr)
Ein toller Tatort!
Die Story war diesmal wirklich gut und gut umgesetzt. Ganz nebenbei vielleicht auch eine Steilvorlage an alle seriösen Journalisten in Deutschland, das Thema der alten Stasi-Seilschaften neu zu beleben und endlich Licht ins Dunkel zu bringen. Hier wird immer noch viel zu viel unter den Teppich gekehrt - genau wie damals nach dem 2. Weltkrieg.
Kraus (31.05.2010, 07:36 Uhr)
Kritik
Dass die DDR überlebt hat, irgendwo in einem Schrebergarten, das hatte ich geahnt. Der unglaublich schöne Assistent der Kommissarin durchsucht spontan das Handy seiner Chefin. Das mache ich auch immer bei meinem Chef. Eine komische Staatsanwältin sahen wir, einen vergifteten Hund und nicht zu vergessen, Inzest pur. Wer kann sich junge Aktivistinnen länger als fünf Minuten anhören? Der Prochnow, der kann das. Und dann, Lyrik vom Feinsten: "Die Liebe ist ein Hemd aus Feuer". Ganz gelungen fand ich die Geheimdienstzentrale im Schrebergarten. Dieser Tatort war grottenschlecht.
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