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Von Pädophilen aus der "besseren Gesellschaft"

Sandra Maischberger diskutiert am ARD-Themenabend über sexualisierte Gewalt an Kindern. Es geht emotional zu. Dabei kommt die Debatte aber ohne ein sonst so typisches Talkshow-Element aus.

Von Jan Zier

Das Thema ist schwer auszuhalten, schwer zu verstehen. Und gerade darum ist diese Talkshow gut, richtig, wichtig, im Anschluss an den preisgekrönten ARD-Film "Operation Zucker. Jagdgesellschaft". Sexualisierte Gewalt an Kindern, darum ging's, Kinderhandel und Missbrauch. Ein sehr emotionales, ein schwieriges Talkshow-Thema - das davon profitiert, hier einmal von echten ExpertInnen und gar nicht von Politikern öffentlich diskutiert zu werden.

"Ich sitze hier und heule vor mich bin", schreibt eine der vielen Betroffenen im ARD-Chat zum Thema, "das wühlt viel zu viel auf". Aber auch Täter melden sich dort zu Wort, im Schutz der Anonymität des Netzes, rechtfertigen sich, bagatellisieren. So wie früher Gerold Becker, einst renommierter Reformpädagoge und Direktor der mittlerweile insolventen Odenwaldschule.

Sandra-Maischberger-Gast Huckele: "Wenn der Zorn nicht kommen würde, wäre ich tot"

Becker hat, unter anderem, Andreas Huckele missbraucht, seit er 13 war. "Dich gekannt zu haben, war eine der wertvollsten Erfahrungen meines Lebens", wird Becker später an Huckele schreiben. Der wiederum gehört zu jenen, die schon in den Neunzigern auf die systematische sexualisierte Gewalt an dem Elite-Internat aufmerksam machten – untersucht wurde der Fall erst 2010. Als Huckele, der bis heute in "großem Zorn auf sadistische Arschlöcher" wie Becker lebt, seinen Peiniger anzeigt, mit 29, da ist der Fall verjährt. "Wenn der Zorn nicht kommen würde", sagt Huckele nach dem Film, "dann wäre ich tot". "Eine  Überlebensstrategie" nennt Maischberger das.

Der Film sei "sehr nah an der Realität" gewesen, sagt die Psychologin Julia von Weiler, Vorstand der Kinderschutzorganisation "Innocence in danger". Soll heißen: Eigentlich ist es "noch viel schlimmer als in dem Film". Und, ja, entgegen aller Vorurteile ist sexualisierte Gewalt "kein Unterschichten-Problem", so von Weiler.

"Hochgradig organisierte Leute"

Die Täter seien vielfach "hochgradig organisierte" Leute, "mit denen man sich nicht gern anlegt". Pädophile, so der Ex-Kriminalhauptkommissar Manfred Paulus, der 25 Jahre lang bei sexuellen Gewalttaten ermittelte, wüssten oft schon in jungen Jahren von ihrer Veranlagung – und machten gerade deshalb "oft beruflich steile Karrieren": Gesellschaftliche Achtung ist der beste Schutz vor Enttarnung. "Man sieht und merkt es ihnen aber nicht an." Die Täter kämen aber durchaus auch aus der "vermeintlich besseren Gesellschaft", sagt Paulus: "Akademiker sind da nicht unterrepräsentiert".

"Es handelt sich nicht um Einzelfälle", sagt Gymnasiallehrer Huckele, "sexualisierte Gewalt ist in der Gesellschaft fest verankert und findet überall statt". Von rund 12.000 einschlägigen Straf- und Ermittlungsverfahren spricht der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, der Jurist Johannes-Wilhelm Rörig – und die Dunkelziffer ist erheblich höher. Die Zahl der Missbrauchsfälle sei zwanzig Mal höher als in der Kriminalstatistik, glaubt von Weiler. Auch wenn "die Aufmerksamkeit für das Thema steigt". Es habe generell Jahrzehnte gebraucht, bis die Relevanz des Missbrauchs in der Politik ankam, so Rörig. Dabei sei sexualisierte Gewalt in Deutschland heute "ein Grundrisiko".

Erst der Schock, dann das Trauma, dann ein Gefühl der Verlassenheit

Für die Betroffenen aber ist es immer noch schwer, Gehör zu finden, sagt die Psychologin, und das bestätigen auch jene, die im ARD-Chat schreiben. Huckele nennt es die "heilige Dreifaltigkeit des Horrors": Erst kommt der Schock, dann das Trauma, schließlich das Gefühl, verlassen zu sein. "Die Glaubwürdigkeit von kleinen Kindern wird oft in Zweifel gezogen", sagt von Weiler. Und viele Verfahren endeten im Zuge der Ermittlungen – nicht zuletzt, weil die Opfer unter dissoziativen Persönlichkeitsstörungen leiden, also Teile ihrer Persönlichkeit abgespalten haben.

Genau das hätten die Täter ja gewollt, sagt die Psychologin: "Die richten die Kinder total ab" - und wenn die erst einmal eine dissoziative Persönlichkeit hätten, sei das für die Täter "nahezu fantastisch". Rörig erzählt von Fällen, in denen Kinder gleich nach der Geburt ge- und verkauft werden, Paulus von Ermittlungen, bei denen die Mutter ihr Kind, nach anfänglichem Widerstand, selbst für die sexualisierte Gewalt "freigab".          

Huckele fordert unter anderem die Abschaffung der Verjährungsfristen für Täter, Paulus eine Anzeigepflicht bei Missbrauchsfällen, so wie es sie auch in Frankreich gibt. Erfreulicherweise gibt es in der Runde niemanden, der mit populistischen Forderungen aufwartet.

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