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Die Talkshow, die wir brauchen?

Jan Böhmermann, das Fernsehgesicht der Facebook-Generation, schmeißt eine neue Sendung in den Ring. Er hat seinen Kumpel Olli Schulz mitgebracht und ein paar Gäste. Ist es gutes Fernsehen geworden? Jein.

Von Sophie Albers Ben Chamo (Team Böhmermann)

Schulz & Böhmermann - los geht's

Olli Schulz und Jan Böhmermann - "Da ist noch Luft nach oben"

Verdammte Hacke, wie soll das denn noch gehen: zeitgemäße TV-Unterhaltung in einer komplett verkackten Welt? Angesichts derer nicht nur Jauch'sche Onkelhaftigkeit, sondern sogar Harald Schmidt'scher Zynismus nervt. Joko und Klaas' Jackass-Halligalli sowieso. Während auf allen Kanälen so schrill gepöbelt, verurteilt und gedroht wird, dass nicht einmal mehr eine NDR-Moderatorin sicher ist. WTF, was tun?


An dieser Stelle setzt eine "Mad Men"-"James Bond"-mäßige Hymne ein (Getwellsoon), und eine wunderbar fette Frauenstimme singt Worte wie "no longer afraid of the world outside" (keine Angst mehr vor der Welt da draußen) oder auch "And the world can disappear" (und die Welt kann verschwinden): die Titelmelodie von "Schulz&Böhmermann". Und ich will jetzt nicht wie ein verballerter Teenager rüberkommen, aber alles, was Jan Böhmermann und die Produktionsfirma Bild- und Tonfabrik in letzter Zeit so präsentiert haben, gibt Grund zur Hoffnung, dass Fernsehunterhaltung tatsächlich eine Zukunft hat. So auch die neue Talkshow auf ZDFneo. (Ja ja ja, es ist das Konzept von "Roche&Böhmermann" - aber die ist eben gescheitert)

Scheitern möglich

Wer sonst kommt denn im deutschen Fernsehen bitte auf die Idee, die Autorin Sibylle Berg, diese Diva eines idealistischen Zynismus, als Erzählerin einzusetzen? Und das, um gleich mal trocken klarzustellen, dass die Konstellation der Gäste "vielleicht vollkommener Bullshit" sei. Da hat die Show noch nicht mal angefangen.


Als Olli Schulz und Jan Böhmermann dann mit ihren vier Gästen der ersten Sendung - der vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochene Wettermann Jörg Kachelmann, Rapper Kollegah, der Hochstapler Gert Postel und Erfolgs-Drehbuchautorin Anika Decker ("Keinohrhasen", "Traumfrauen") - endlich an der düsteren Tafelrunde sitzen, die gleichzeitig an eine Anwaltskanzlei und an einen illegalen Pokerclup erinnert, beginnt die Ablenkung Royale.

Diese Moderatoren verstehen ihre Gäste als Herausforderung, nicht als vorsichtig oder gar freundlich zu behandelndes Gut. Hier wird zugespitzt, vereinfacht und rundumgeschlagen. Wohl in der Annahme, dass irgendwo im Affekt die Wahrheit liegt. Also geht es zu Beginn gleich um "Knasterfahrung", die sowohl Kachelmann als auch Postel ja haben. Und Kollegah zumindest als Rapfantasie. Preziosen dieser Sendung sind Kachelmanns Bericht von seinem Traum, als Gerichtsreporter von einem möglichen Steuerprozess gegen Alice Schwarzer zu berichten, die Erkenntnis, dass ein Postbote in Deutschland stellvertretender Klinikdirektor werden kann, und dass ausgerechnet Kollegah die spannendsten Fragen des Abends stellt: Warum Herr Postel sich als Facharzt für Psychiatrie ausgegeben habe und ob er persönlich meine, dass Kachelmann wirklich unschuldig sei. (um den Suizid seiner Mutter zu rächen/ja)

Auf Ego-Koks

Böhmermann und Schulz nennen als Ziel ihrer Sendung ein "echtes Gespräch", was unter diesen Wettkampfbedingungen natürlich Schwachsinn ist. Es geht eher darum, ungefähr auf Tweetlänge die eigene Persönlichkeit zu verkaufen, was außer Decker alle beherzt versuchen. Kachelmann erzählt von der Vernichtung seiner Existenz, Postel von der Dummheit der Menschen, Kollegah von der Anstrengung, cool zu sein. Und Decker darf so lange über die Arbeit mit Til Schweiger plaudern, bis Schulz wieder in Schnappatmung verfällt, weil er 30 Sekunden lang nichts gesagt hat.

Ja, ich gebe es zu, ich bin absolut "Team Böhmermann". Schulz ist so sehr auf Ego-Koks unterwegs, dass sein Kollege im letzten Drittel fast schon nervös, wenn nicht gelangweilt wirkt. Was bei ihm wohl nah beieinander liegt. Aber dann ist die Sendung auch schon zu Ende, und im traditionellen Nachgespräch stellt Böhmermann fest: Es sei okay gewesen, aber "da ist noch Luft nach oben". Kann man so abnicken. Was am Schluss aber wirklich fehlt, ist noch ein Bonmot von Berg. Also suchen wir uns selbst eins:

"Wie hilfreich es für viele wäre, sich nur kurz von außen betrachten zu können".

"Schulz&Böhmermann", ab Sonntag, 20:15 in der Mediathek, um 22:45 Uhr auf ZDFneo 

Jan Böhmermann und Gäste: Gerd Postel, Anika Decker und Kollegah

Jan Böhmermann und Gäste: Gert Postel, Anika Decker und Kollegah


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