Du Bert, ich kann nicht einschlafen

30. Dezember 2002, 14:56 Uhr

Wer sich mit Schrecken an eine Kindheit mit Lilo und Uwe erinnert, der sollte auf gar keinen Fall die Sesamstraße von heute gucken, denn es wird nicht besser.

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Sesamstraße

Sesamstraße in den Achtzigern©

Die Sesamstraße teilte sich Anfang der Achtziger, wie auch heute noch, in zwei Welten. Auf der einen Seite waren da Lilo und Uwe, die in ihrer bizarren Wohngemeinschaft total viel Spaß hatten mit Samson und Tiffy. Samson hatte noch eine tiefere Stimme, war aber schon ein wandelnder Flokati, der oft Ärger hatte mit dem intriganten Herrn von Bödefeld, laut dem NDR ein "undefinierbares Wesen mit Knollennase und Kartoffelkörper". Trotz manches Zwists, ging es doch bei Lilo und Uwe immer freundschaftlich zu, und jeder Streit konnte nach kurzer Diskussion beigelegt werden. Die deutschen Knollentiere waren aber vergleichsweise harmlos im Vergleich zum amerikanischen Teil der Sesamstraße.

Cosby-Show auf LSD
Viele kleine schwarze Kinder saßen da immer vor dem Haus im Müll und wussten nichts mit sich anzufangen. Sie langweilten sich arg oder noch schlimmer: Sie fingen Streit an. Einzige Rettung war ein gelber Riesenvogel, der den armen Ghettokindern etwas vorsang, vorzählte oder eine Geschichte vorlas - und prompt kam Freunde auf. Ein bisschen wie Cosby-Show auf LSD.

Apropos Zählen: Lieblingsbeschäftigung des Grafen Zahl, der einen Spitzenwitz in der Übersetzung verlor: Im Original heißt er nämlich "Count Von Count", aber was soll's, "Die Hard" heißt ja schließlich auch nicht "Stirb langsam". Der jedenfalls zählt gern und alles. Ob Fledermäuse oder Regentropfen, nichts ist zu dämlich, um nicht gezählt zu werden. Wenn es für ihn einmal zu schnell ging oder er sich verzählte, wurde er unglücklich und begann selbstverständlich und mit doppeltem Eifer von vorn. Typische Anzeichen eines Manisch-Depressiven.

Gemeinsam in der Badewanne
Höhepunkt der Sesamstraße war aber der dämlich-kichernde Ernie mit seinem spießig-lethargischen Lebenspartner Bert. Die beiden Filzköpfe verbringen gern mal einen Nachmittag gemeinsam in der Badewanne oder, wenn Ernie sein Bett nicht vollkrümeln will, teilen sie sich das Nachtlager. Da läuft doch etwas, sagen vor allem schwulenbewegte Sesamstraßen-Fans. Auch wenn das mir persönlich als Kind nicht so besonders aufgefallen wäre, schließlich hab ich mir ständig ein Bett mit meinem besten Freund geteilt, aber das wäre ja mal etwas Positives, richtig Avantgarde. Christliche Verbände in den Vereinigten Staaten rufen deshalb auch regelmäßig zum Boykott der Sendung auf, und ebenso regelmäßig betont die Produktionsfirma, dass die beiden nur Freunde sind, ganz ohne sexuelle Hintergedanken. Wäre doch nett gewesen.

Überhaupt sollte jede ethnische oder sonstwie Gruppe eine eigene Sesamstraße bekommen. Schön wäre doch zum Beispiel der kleine Nazi-Oskar, der das 1000-jährige Müllreich herbeisehnt und von lichterbeketteten Zivildienstleitenden eines Besseren belehrt und bekehrt wird. Oder ein, nach einem Reitunfall querschnittsgelähmter, Super-Grobi könnte für Toleranz gegenüber Tollpatschen werben. Mit gutem Beispiel voran geht zur Zeit das südafrikanische Fernsehen mit der HIV-positiven Waise Kami. Kaum ein anderes Land hat stärker mit AIDS zu kämpfen als Süd-Afrika, aber sonst wollte auch keiner die kranke Puppe aufnehmen. In Amerika drohten gar fünf konservative Kongressabgeordnete mit Konsequenzen, falls sich eine Kami in die US-Sesamstraße schliche. Dafür versucht US-Lieblingsmonster Elmo den Kinder bei der Verarbeitung von Terroranschlägen zu helfen - auch schön.

Es wird schlimmer
Vielleicht kann man ja als Vierjähriger nach der Sesamstraße sagen "Super, wieder etwas gelernt! Ich wollte schon immer den Unterschied zwischen 'nah' und 'fern' wissen", und vielleicht wird der eine oder andere nostalgisch, wenn Tiffy und Lilo zusammen einen Kuchen backen, aber einen Fehler darf man auf gar keinen Fall machen: Heute die Sesamstraße einschalten. Denn wenn man die Sesamstraße als Kind blöd fand, wird man jetzt richtig schockiert sein: Samson hat einen Bruder oder Cousin, der Simson heißt, die Sendung wird direkt in den Kulissen von "Unter uns" gedreht, und es gibt lauter komische Tiere, die klug daherreden. Noch nicht genug? Eine bunt bemalte Kugel namens Dirk Bach hüpft durchs Bild, schwingt einen Zauberstab und zieht Wörter mit "P" aus dem Hut. Wer, wie, was? Wer nicht fragt, bleibt dumm.

Torsten Beeck
 
 
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