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9. Januar 2004, 11:17 Uhr

Fußball in babylonischer Gefangenschaft

Mit Beginn dieser Spielzeit ist der Fußball wieder in den Schoß der öffentlich-rechtlichen Mutter zurückgekehrt. Dazwischen lagen 15 Jahre im privaten Exil. Von Carsten Heidböhmer

Fußball

Oliver Welke moderierte lange Zeit "ran", inzwischen zeigt er vermehrt seine komische Seite© RTL

"Football's coming home": Mit diesem Lied wirbt die ARD für die Fußball-Berichterstattung, die seit dieser Spielzeit wieder im Ersten zu sehen ist. Die Botschaft: Fußball ist wieder in den Schoß der öffentlich-rechtlichen Mutter zurückgekehrt, nachdem sie sich für mehr als ein Jahrzehnt in babylonischer Gefangenschaft der privaten Sender befand.

1988 hatte der Kölner Privatsender RTL für die damals astronomische Summe von 40 Millionen Mark die Rechte an der Bundesliga für die Dauer von drei Jahren erworben. Dafür gab es dann die Fußballshow "Anpfiff". Moderiert wurde die Sendung von Uli Potowski, der durch seine Kopfform für diesen Job prädestiniert schien: Sie glich einem Fußball mit aufgestülpter Lockenperücke. Potowski brachte denn auch gleich einen ganz neuen Ton in die Sportberichterstattung. Kündigten Ernst Huberty oder Heribert Faßbender in der altehrwürdigen ARD-"Sportschau" die Spiele mit einem staatsmännischen Ernst an, der gut in die "Tagesschau" gepasst hätte, hielt bei RTL sogleich ein flapsiger Ton Einzug. Von Anfang an wurde klargestellt, dass Fußball zuallererst Spaß, oder um es im Vokabular der werberelevanten Zielgruppe zu sagen: Fun ist.

"Geile" Tore und viele Tribünengeschehen

Zu Beginn der Saison 1992/1993 übernahm Sat.1 das Erstverwertungsrecht für die Fußball-Bundesliga. Mit "ran" trat ein ganzer Schwung neuer und inzwischen etablierter Moderatoren auf die Bildfläche: Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann sind inzwischen wie der Fußball selbst im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelandet und treiben dort ihr Talk-Unwesen. Auch Oliver Welke - neuerdings vor allem als Komiker unterwegs - durfte mit Quotenfrau Gaby Papenburg die knappe Zusammenfassung der Spiele anmoderieren. Dort stand das Spiel ohne Ball oft stärker im Mittelpunkt als das mit Ball. Die Kamera beobachtete intensiv das Geschehen auf den Tribünen: Was macht der "Kaiser" für ein Gesicht, welche Frisur trägt Boris Becker gerade, wer ist denn die attraktive Blondine da neben Stefan Effenberg?

Nachdem diese wichtigen Fragen in aller Ausführlichkeit geklärt waren, durfte Werner Hansch von "geilen" Toren und Spielzügen berichten und schließlich versuchte man Spielern, Trainern, Präsidenten und Managern noch kontroverse Statements zu entlocken. Über die vielen Statistiken aus der "ran-Datenbank" und den tollen Touch-Screen legen wir mal lieber den Mantel des Schweigens.

Die Sternstunde von Madrid

Nach zehn Jahren "ran" hat man sich an das Marktgeschrei der neuen Fußballverkäufer weitestgehend gewöhnt. Aber es gab ja auch gute Momente: Wer erinnert sich nicht gerne an die Champions-League-Begegnung zwischen Dortmund und Real Madrid, als sich Günther Jauch und Marcel Reif einem umgefallenen Tor gegenüber sahen und den Reporter-Albtraum von einer Stunde Null-Action in eine Grimme-Preis-gekrönte Sternstunde verwandelten: "Diesem Spiel würde ein Tor wirklich gut tun."

Überhaupt hat die Fußballberichterstattung der angestaubten ARD-"Sportschau" ein wenig Pepp gut vertragen können, der durch die privaten Sender ins Spiel gekommen ist: einen lockeren Tonfall, Super-Zeitlupen und rasante Kamerafahrten (vor allem Premiere setzte hier Maßstäbe). Insofern ist der heimkehrende Fußball durch die Jahre beim Privatfernsehen ein anderer, zeitgemäßer geworden. "Anpfiff", "ran" und Premiere haben daran einen großen Anteil.

Von Carsten Heidböhmer
 
 
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