Bloß keinen Schreck kriegen! Hier kommt kein Text über das Fernseh-Ekel Stefan Raab. Der Krawallmacher hat sich längst in einen familientauglichen Samstagabend-Unterhalter verwandelt. Genau das könnte ihm zum Verhängnis werden. Von Oliver Fuchs und Alexander Kühn

Anders als heute, pflegte Stefan Raab damals noch sein Image als Fiesling© Peter Steffen/dpa
Wetzen Sie Ihr Messer. Beinen Sie eine Schweinehälfte oder ein Viertel Rind aus, zerlegen Sie das Fleisch in verzehrfertige Stücke. Stellen Sie a) eine Kochwurst, b) eine Brühwurst oder c) eine Rohwurst her.
Eigentlich geht es bei der Gesellenprüfung für Metzger nur darum durchzukommen, Note 4 genügt. Der Jungmetzger Stefan Konrad Raab, der das Leben schon damals als Wettbewerb begriff, schloss die Prüfung 1990 mit "sehr gut" ab. Bester im Innungsbezirk. Man kann sich ausmalen, wie es weitergegangen wäre, hätte er wie geplant den Betrieb der Eltern übernommen, die Metzgerei Raab in Köln-Sülz.
Erst erweitert er den Laden um eine Bistrotheke, mit Eisbein-, Hack- und Kotelett- Wochen und Wurstmännchen für die Kleinen. Veranstaltet dazu am Wochenende Straßenfeste, mit Wurstschnappen, Schweinekopf-Weitwurf, Im-Wurstkessel die-Straße-Runterscheppern. Um wegen des großen Erfolgs schon bald im Monatstakt Filialen zu gründen, in Köln-Riehl, Köln-Niehl, Köln-Nippes, eine Schnitzellounge in Düsseldorf, einen Steakclub in Bonn sowie die erste Online-Metzgerei. Stefan Raab, so viel ist klar, wäre heute der Wurstkönig von Deutschland.
Aber weil er Musik noch mehr liebte als totes Fleisch, baute er die alte Wurstküche seiner Eltern zum Tonstudio um, produzierte Werbejingles, landete irgendwann beim Musiksender Viva. Dann begann er, für Pro Sieben das deutsche Fernsehprogramm auszubeinen, zu zerlegen und bei "TV total" verzehrfertig feilzubieten. Längst hat Raab expandiert, es gibt die "TV total Wok-WM", "TV total Turmspringen", "TV total Stock Car Crash Challenge". Bundesjugendspiele für Erwachsene. Spiele ohne Grenzen. An diesem Freitag, einen Tag vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft, lässt Raab nun erstmals die "TV total Autoball- EM" austragen: ein Riesenhüpfball, zwei Tore, motorisierte Prominente, 10.000 Zuschauer in der Kölnarena.
Raabs Turnfeste reihen sich aneinander wie Würstchen auf der Schnur; das Volk schnappt danach. Während sich die übrige Fernsehwelt auf ausländische Formate verlässt, die man nur einzudeutschen braucht, von "Germany's Next Topmodel" bis "Deutschland sucht den Superstar", vertraut Raab auf Ware aus eigener Herstellung. Die ist sogar im Ausland gefragt: Sein Konzept der Samstagabend-Show "Schlag den Raab", ein fünfstündiger Kampf Mann gegen Mann, hat er in zwölf Länder verkauft, so einen Exportschlager gab es seit der Erfindung von "Wetten, dass ..?" nicht mehr. Auch deshalb ist "Schlag den Raab" das neue "Wetten, dass ..?". Spiel und Spaß für die ganze Familie.
Raab ist zurzeit so erfolgreich, dass es eigentlich nur noch bergab gehen kann - Erfolg ist ein ziemlich harter Gegner. Alle wollen Raab. Und was will Raab? Im Februar ließ er in der TUI-Arena Hannover 16 Bands, aus jedem Bundesland eine, beim vierten "Bundesvision Song Contest" gegeneinander ansingen. 16 Mädchen im kleinen Schwarzen schwenken zur Eurovisionshymne hüftsteif 16 Landesfahnen, Raab schwebt auf einer hydraulischen Hebebühne herunter, ruft "einen wunderschönen guten Abend, Hannover", "herzlich willkommen" und "die Stimmung ist jetzt schon sensationell". Dann kündigt er einen "ganz besonderen Gast" an. Herein kommt, unter massiven Buh-Rufen, der Schirmherr und Ministerpräsident, Christian Wulff. Raab dankt ihm und dankt ihm und dankt dann noch mal; herzlichst. Meint der das wirklich so?
Das Ganze riecht nach Omafernsehen - man rechnet fest damit, dass jeden Augenblick ein kleines Teufelchen dazwischengrätscht und alles in die Luft sprengt. Früher hätte Raab diesen Job übernommen. Wie damals, 1994, als er bei der "ZDF-Hitparade" einen falschen Text singt, Instrumente demoliert und den Siegerpokal fallen lässt. Oder 1995, bei der Verleihung der "Goldenen Stimmgabel", als er zum Playback die Lippen nicht bewegt, was den Gastgeber der Gala, Dieter Thomas Heck, doch sehr verdrießt.
An diesem Abend in Hannover ist Raab selbst ein bisschen Dieter Thomas Heck. Der scharte früher Bernhard Brink, Hanne Haller und Costa Cordalis um sich, Raab gratuliert jetzt der Mittelalter-Metal-Band "Subway to Sally" zu ihrem Sieg, herzt, klopft Schultern - fast so gönnerhaft und vereinsmeierisch wie damals der Heck.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 24/2008