20. Juli 2009, 20:08 Uhr

One-Night-Stand mit Katergarantie

Stefan Raab sucht den Super-Grand-Prix-Star. Nun also doch. In einer Castingshow. Bei ProSieben - und der ARD. In Krisenzeiten scheint das Prinzip zu gelten: Jeder darf mit jedem. Die SPD macht's mit der Super Nanny, das Erste mit ProSieben. Doch wohin führt der sündige Sender-Swinger? Ein Kommentar von Katharina Miklis

Stefan Raab, Katharina Miklis, ARD, ProSieben, "Eurovision Song Contest"

Hat der ARD schöne Augen gemacht und jetzt hat's gefunkt: ProSieben-Entertainer Stefan Raab©

Die ARD und Stefan Raab. Ein kurzer Flirt, Beziehungsdementis und jetzt also eine Affäre. Kurz und heftig soll sie werden, die Zusammenarbeit beim "Eurovision Song Contest". Der Liebeskummer ist jedoch bereits vorprogrammiert. Noch mag sich die ARD als Gewinner aus dem blamablen Raab-Debakel im Mai herausgehen sehen. Damals hatte Stefan Raab dem öffentlich-rechtlichen Sender abgesagt, da ihm die Entscheidungswege in der ARD zu kompliziert erschienen. Jetzt ist dem Ersten doch noch der Quoten-Messias erschienen, der Erlöser der Öffentlich-Rechtlichen. Die ARD ist geblendet und übersieht, dass die Probleme, die der Sender hat, so nicht aus der Welt zu schaffen sind.

Die Kooperation mit Raab, bei der erstmals ein öffentlich-rechtlicher Sender so intensiv mit einem kommerziellen Privaten zusammenarbeitet, ist ein Eingeständnis an das eigene Unvermögen in Sachen Unterhaltungskompetenz. Und eine personelle Bankrotterklärung.

Unterhaltung auf Musikantenstadl-Niveau

Was Dieter Bohlen für RTL, Thomas Gottschalk für das ZDF und eben Stefan Raab für ProSieben, das sind Andy Borg und Florian Silbereisen für das Erste: die Aushängeschilder der Samstagabendunterhaltung. Unterhaltung auf Musikantenstadl-Niveau. Das Erste schunkelt sich ins Abseits. Zumindest bei den jungen Zuschauern. Wenn nicht geschunkelt wird, stellt der nett-harmlose Pilawa Quizfragen in einer seiner vielen Quizsendungen, die man mittlerweile nicht mehr auseinanderhalten kann. Und trotz Milliarden Euro GEZ-Gebühren bekommt es der Sender alleine nicht hin, für einen internationalen Song Contest ein Lied zu finden, das Deutschland nicht bis auf die Knochen blamiert. Jetzt naht Hilfe von Retter Raab. "Wenn es um eine so große Sache geht, müssen Grenzen überwunden werden", rechtfertigt Andreas Bartl von ProSiebenSat1 voller Pathos die ungewöhnliche Kooperation. Für die ARD gilt jedoch: Hinter einer Grenze kann sich schon mal ein Abgrund auftun.

Natürlich ist es auf den ersten Blick eine feine Sache: Die ARD bekommt mit Stefan Raab die Aufmerksamkeit der jungen Zielgruppe, nach der sie so krampfhaft giert. Musiker und Formatentwickler Stefan Raab ("Schlag den Raab") bekommt einen Ego-Streichler mehr, ProSieben ein paar Shows. Und der Grand-Prix im Allgemeinen etwas mehr Aufmerksamkeit. Viel falsch machen kann man nicht. Schlimmer als zuletzt ging's schließlich kaum, das Debakel des Song Contests von Moskau ist noch in guter Erinnerung - wie auch die Fehlschläge der Vorjahre. Bei der ARD hat man die Zeichen der Zeit jedoch nicht etwa erkannt. Man hat sich ihnen ergeben.

Warum musste es so weit kommen? Die Personal-Flops der letzten Jahre scheinen das Erste, das eine Annäherung an die Privaten immer wieder vehement bestritten hatte, nun zum "Äußersten" zu treiben. Die Diskussionen um Jauch 2007 waren peinlich. Die Trash-Exkursion mit Oliver Pocher nicht überaus erfolgreich. Die Verpflichtung von Bruce Darnell wurde nur noch belächelt und mit einem Quotenrückgang am Vorabend bestraft. Das Problem der ARD: schlechte Kopien von den Privaten, kein Mut zur Lücke, kein Vertrauen in eigene Sender-Gesichter, keine Innovationen oder neue, unerprobte Formate. Die Kooperation mit ProSieben ist alles andere als ein mutiger Schritt, es ist ein angstvolles Anklammern an den Privaten. Die ARD sollte keine Energien für die Anbiederung an die Jugend verschwenden oder sich mit anderen Sendern um mittelklassige Moderatoren oder ausgelutschte Formate streiten. Jetzt fühlt sich auch noch Jörg Pilawa zunehmend unwohl im Ersten und will weg. Viel zu Lachen scheint man derzeit beim Ersten weder vor dem Fernseher noch hinter den Kulissen zu haben.

One-Night-Stand ohne Folgen

Noch gibt sich die ARD allerdings in Sektlaune. Raab ist gesichert. Für den Grand Prix ist die Gemeinschaftsarbeit eine gute Sache, keine Frage. Doch wie es so ist, mit den Flirts, die man sich "schön trinkt": Der Kater folgt am nächsten Tag. Der ARD wird der ausgedehnte One-Night-Stand mit ProSieben auf lange Sicht das Herz brechen. Am Morgen nach dem Finale wird man alleine in zerwühlten Betten aufwachen - berauscht von der letzten Nacht, jedoch ohne mehr Zuschauer. Und jünger werden sie auch nicht sein. Unbefriedigende Aussichten.

Katharina Miklis

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KOMMENTARE (7 von 7)
 
Michael200669 (21.07.2009, 23:22 Uhr)
Traugig
Das die ARD nicht begreifen will, das Klamauk eine gewisse Zeit interessant ist. Anstatt wieder auf Qualität zu setzten, was die öffentlichen Jahrelang ausgezeichnet haben, setzt man lieber auf kurzweilige Unterhaltung. Wovon kein Mensch in ein bis zwei Monaten noch redet. Es wird Zeit, das die ARD zurück schaut und mal analysiert, warum der Grand Prix Jahrelang so erfolgreich war. Dazu hat die ARD aber keine Mut dazu.
Bekannte, die beide um die 60 sind, schauen ihn sich nicht mehr an, weil er uninteressant geworden ist. Warum werden die Länder nicht mehr dazu verdonnert, in ihrer Landessprache zu singe. Denke das eine der Aufgabe des Grand Prix war und eigentlich noch sein sollte.
Warum gibt es keinen Vorentscheid mehr. Wie es früher der Fall war. Dadurch würde sich endlich wieder mehr Qualität durch setzten und wir hätten wieder mehr Erfolg.
Aber solange immer wieder nur an den Symtomen rumgedoktert wird, wird es sich nicht ändern.
Lain (21.07.2009, 15:33 Uhr)
letzte rettung?
wohl kaum. die zeit der öffentlich rechtlichen ist abgelaufen. nachrichten und wetter gibts im internet, fußball auf sky oder arena, der rest interessiert eh keinen unter 50! die zuschauerzahlen werden weiter schwinden solange die öffentlichen weiter versuchen bei den privaten zu klauen, statt endlich den spagat zwischen niveau und unterhaltung zu schaffen der finanziell möglich wäre. beim momentanen programm ärgere ich mich jedenfalls über jede abbuchung der gez aufs neue, weil es das einfach nicht wert ist was wir dafür zahlen....
Malt (21.07.2009, 14:35 Uhr)
Mit leichten...
...Änderungen könnte man den Artikel so auch auf die deutsche Politlandschaft beziehen.
bR4iNST0RM (21.07.2009, 14:27 Uhr)
Ein Satz, und alles ist gesagt:
„… schlechte Kopien von den Privaten, kein Mut zur Lücke, kein Vertrauen in eigene Sender-Gesichter, keine Innovationen oder neue, unerprobte Formate.“ !!! BINGO!
Kleine Kritik: der Vergleich mit dem „One-Night-Stand“ ist daneben.
arniston (21.07.2009, 10:56 Uhr)
das wetter wurde ihnen von..,.
schon der gedanke, dass ,,die privaten,, immer näher kommen macht mit angst.
Crossbow (21.07.2009, 09:59 Uhr)
Netter Versuch
Er zeigt aber auch deutlich wo der Grand Prix steht wenn man zu solchen Maßnahmen greifen muß. Viel Zukunft sehe ich da nicht.
Administrator (21.07.2009, 08:31 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Kommentare. Wir haben an dieser Stelle leider alle Beiträge löschen müssen, da sie am Thema des Artikles vorbei gingen.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
 
 
 
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