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Fleisch ist nicht demokratisch

Am Ostersonntag sendete die ARD einen der spannendsten "Tatort"-Fälle von Charlotte Lindholm alias Maria Furtwängler in der Wiederholung. Heino Ferch als fieser Fleischbaron machte die Sache interessant.

Von Dieter Hoß

  Mit Schweinen bekommt es Kommissarin Lindholm in ihrem Beruf häufiger zu tun.

Mit Schweinen bekommt es Kommissarin Lindholm in ihrem Beruf häufiger zu tun.

Das ist schon ein starkes Stück. Wenn es stimmt, dass der "Tatort" immer wieder Probleme der Zeit treffend aufgreift und in Kriminalfälle einbettet - und so haben wir es ja nun gelernt -, dann darf man sich nach diesem Fall der Hannoveraner LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm doch ein wenig um dieses Land sorgen. Dass die Polizei einen Täter nicht überführen kann - geschenkt! Dass auch einer Polizistin die persönlichen Probleme bei der Arbeit im Wege stehen können - schon gesehen; die alleinerziehende Lindholm ist ein Paradebeispiel! Aber dass ein skrupelloser Unternehmer mit seinen mafiösen Geschäftspraktiken und kriminellen Machenschaften nicht nur durchkommt, sondern von Politik und hohen Beamten auch derart gestützt und gedeckt wird, dass selbst die Top-Ermittlerin einer ranghohen Sicherheitsbehörde ihres Lebens alles andere als sicher ist, hätte man in dieser Selbstverständlichkeit (noch) nicht auf dem Gesellschaftsradar des "Tatorts" erwartet.

"Der sanfte Tod", so der Titel der Folge, war 2014 Maria Furtwänglers "Tatort"-Comeback nach zwei Jahren. Das Warten hatte sich gelohnt, obwohl ihre Charlotte Lindholm in der Folge nicht zu Potte kommt. Genau darin liegt eine Stärke des Films. Die Figur der unbestechlichen, kühlen Norddeutschen gerät trotz ihrer toughen Art, ihrem scheinbar unerschütterlichen Selbstbewusstsein an ihre Grenzen. Gegen die Macht und Chuzpe ihres Gegenspielers, des Fleischfabrikanten Jan-Peter Landmann, kommt sie nicht an. Landmann, eine Art König des niedersächsischen "Schweinegürtels", ist ein ausgewachsener Egomane (eine Paraderolle für Heino Ferch), der es versteht, sein Image mit Statements aufzupolieren: "Fleisch ist für mich ein Genussmittel. Wie für andere Champagner oder eine gute Zigarre. Nur: Fleisch ist für alle. Fleisch ist demokratisch."

Beweise? Welche Beweise?

Schön gesagt, aber natürlich nicht so gemeint. "Demokratisch", also erlaubt, ist, was Landmann gefällt. Und der kann es sich nicht nur leisten, sich der attraktiven Ermittlerin zu nähern, sondern er kann auch problemlos und ungestraft in ihr Privatleben eindringen. Seine Fleischerzeugnisse sind beliebt, eine um sich greifende Darmerkrankung wird nicht mit den neuen Landmann-Knackern in Verbindung gebracht. Er tarnt die Beseitigung seines Chauffeurs - ein möglicher Erpresser - als Anschlag auf ihn selbst, er lässt Zeugen beseitigen und Beweismittel entfernen; praktisch nie gerät er dabei in die Schusslinie. Zuletzt wird auch die Kommissarin zum Opfer, die sich am Krankenbett von ihrem Chef auch noch anhören muss, dass es all' ihre Beweise wohl nie gegeben habe. Dieser LKA-Mann wundert sich anscheinend über gar nichts.

So fühlt sich Ohnmacht an. Betont wird dieses Motiv durch eine eher kleine Szene, in der Lindholm ihre unerfahrene und zutiefst verunsicherte Kollegin Bär (perfekt verkörpert durch Bibiana Beglau) verteidigt. Den Dorfpolizisten kann sie in den Senkel stellen, mehr aber geht diesmal nicht. Es ist nur eine kleine, eher unbedeutende Begebenheit, doch sie ist fast stärker erzählt als die großen Verwicklungen. Die passieren eher nebenbei, fast unmerklich, etliches registriert Lindholm nicht einmal - und als sie zum Schlag ausholt, wird ihr dies sofort zum Verhängnis.

Alles nur Fernsehen?

Die Strippen werden offensichtlich ganz woanders gezogen. Die ganze Geschichte hätte das Potenzial für einen Thriller. Doch Autor Alexander Adolph erzählt die Story lieber beiläufiger. Dadurch ist dieser " Tatort" nicht so spannend wie er vielleicht sein könnte, dafür ist er glaubwürdiger. So glaubwürdig, dass sich tatsächlich die Frage stellt, wie mächtig denn die echten Landmanns, die "mächtigsten Industriellen unseres Landes", im wahren Leben sind.

Oder doch alles nur Fernsehen? Vielleicht. Andererseits: Wer kann sie noch zählen, die Lebensmittel- und Ekelfleischskandale, die immer wieder über uns hereinbrechen? Wer hat die Ehec-Toten vergessen, die 2011 Opfer von Darmbakterien wurden, die durch verunreinigte Sprossen oder Bockshornkleesamen verbreitet wurden? Wer will die Verstrickung von Ermittlungsbehörden in kriminelle Machenschaften grundsätzlich leugnen - beispielsweise angesichts der immer noch undurchsichtigen Rolle, die Polizei und Verfassungsschutz bei der NSU-Mordserie spielten? Und steht nicht die Zahl der Skandale in keinem Verhältnis zu der eher geringen Anzahl der zur Verantwortung Gezogenen?

Charlotte Lindholm will das nicht akzeptieren. Und es ist ein kleines nervöses Augenzwinkern bei einem Schlachthofmitarbeiter, dass ihr beweist, dass sie auf der richtigen Fährte war. Ihr gibt das ein Stück Selbstsicherheit zurück. Uns gibt es die Hoffnung, dass sie ihren nächsten Fall wieder lösen kann.

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