Cold Case im Landgasthof

20. April 2014, 21:45 Uhr

Eine Festgesellschaft, eingesperrt in einem einsamen Gasthof, zwei Gewalttätern ausgeliefert: Der in der Wiederholung gezeigte Bremer "Tatort" hätte ein Psychospiel werden können, blieb aber harmlos. Von Dieter Hoß

Tatort, Borowski, Kiel, Mörder, Flucht, offenes Ende, Schweiger, Quote

Es wurde viel geredet: Kommissarin Lürsen sucht mit Kidnapper Wolf die Lösung für einen alten Fall©

Der Bremer "Tatort" feierte 2012 sein 15-jähriges Jubiläum. Und zu solchen Anlässen gibt's gerne mal eine Feier, in diesem Fall sogar eine "Hochzeitsnacht". Allerdings haben selbst 15 Jahre Bremer "Tatort" nicht ausgereicht, um aus den Hauptkommissaren Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), der ein bisschen später dazu kam, ein Liebespaar zu machen. Die beiden etwas spröden Ermittler aus der Hansestadt verstehen sich zwar immer besser, aber so weit geht die Liebe dann doch nicht - "um Gottes willen", wie beide gleich zu Beginn im Chor sagen.

Gefeiert wird stattdessen die Hochzeit des Sohnes eines alten Kumpels von Stedefreund. Die Lürsen ist als Begleitung dabei, als "Anstands-Wau-Wau, damit er sich benimmt". Aufgeräumte Stimmung also, es hätte eine feine Abwechslung zum stressigen Polizeialltag werden können, doch es wird natürlich ein neuer Fall. Inga Lürsen gerät in die Doppelrolle als Ermittlerin und Opfer.

Ein ähnliches Zwitterdasein hat auch Lürsens Hauptgegner, der Geiselnehmer Wolf (Denis Moschitto), der zusammen mit einem Komplizen die gesamte Hochzeitsgesellschaft in der Landgaststätte einsperrt. Jahrelang hatte Wolf unschuldig im Gefängnis gesessen, weil ihm der Tod seiner früheren Geliebten Carola in die Schuhe geschoben worden war, die als schöne Herbstleiche im Vorspann erscheint. Unter den Gästen des Brautpaars, die zum Großteil aus dem Dorf, in dem gefeiert wird, stammen, muss der wahre Täter sein. Wolf will also vom Opfer zum Ermittler werden - wenn auch mit illegalen Mitteln. Und da Lürsen, ganz der Profi, sich nicht mit der Opferrolle abfindet, kämpfen schon bald zwei Ermittler - mal gegeneinander, mal miteinander - um die Lösung des "cold case".

Statt Psychokrieg nur Kammerspiel

Kommissarin und Kidnapper als Komplizen auf Zeit - eigentlich eine schöne, ungewöhnliche Konstellation. Doch der arg begrenzte Aktionsradius macht diesen "Tatort" zu einem Kammerspiel, das in Schönheit erstarrt. Es wird viel herumgestanden, viel geredet. Dass Wolf mehr im Sinn hat als einen einfachen Raubüberfall, überrascht schon bald nur noch dessen Komplizen, der durch gelegentliches Verbrecher-Posing und Waffenfuchteln für wenigstens etwas Action sorgt. Daran, dass der echte Täter aus dem Kreis der Gäste kommen muss, ist ebenso rasch nicht zu zweifeln.

Doch trotz der klaustrophobischen Konstellation entsteht kein an den Nerven zerrendes Psychospiel, keine Intensität. Die Figuren bleiben schlicht zu holzschnittartig, ihre Konflikte aus der Vergangenheit zu oberflächlich. Hass? Neid? Missgunst? Warum bloß wurde Wolf einst der Tod Carolas in die Schuhe geschoben? Kaum Antworten, bestenfalls Andeutungen. Über all dem Gerede gerät sogar in Vergessenheit, dass der Vater des Bräutigams (Ulrich Bähnk) zwischenzeitlich getötet worden war - übrigens vom Vater der Braut (Tobias Langhoff), der sich letztlich auch als Mörder von Carola herausstellt. Dass er der Täter ist, ist im Grunde aber beliebig. Es hätte auch jeder andere sein dürfen. Die "Hinrichtungsszene" gegen Ende wirkt dementsprechend allzu gewollt.

Ganz schön abgebrüht, der Kommissar

Und Stedefreund? Der Gute ist weitgehend außen vor, weil er vor dem kollektiven Absingen des Udo-Jürgens-Klassikers "Liebe ohne Leiden" ins Freie flieht. Dass er während des Gassigehens mit dem Hündchen in eiskalter Nacht seine Hose einbüßt, kann das Geschehen nur mäßig beleben - zumal eine Konfrontation mit den Verbrechern ausbleibt. Immerhin hat er so Gelegenheit, die Geiselnahme zu entdecken, die Kollegen von der Polizei zu holen und ein bisschen Lokalflair einzusammeln. Dass sein alter Kumpel im Laufe des Abends getötet worden war, lässt Stedefreund übrigens kalt. Ganz schön abgebrüht, der Kommissar.

Die am Ostersonntag gezeigte "Tatort"-Folge ist eine Wiederholung. "Hochzeitsnacht" wurde erstmals am 16. September 2012 ausgestrahlt.

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