Des sind allesch ganz arg liebe Leut'

23. Juni 2013, 21:45 Uhr

Ein Pharma-Chef will sein Medikament nicht aufgeben, ein Todgeweihter die Lebensversicherung aufbessern, ein Vater sein Kind retten. Der x-te Medizinskandal angedickt mit hochnotpeinlichen Dialogen. Von Susanne Baller

Tatort, Bodensee, Konstanz, Klara Blum, Eva Mattes

Einziger Lacher: Beckchen (Justine Hauer) bittet eine chinesische Reisegruppe um ihre Fotos. Und erntet für ihre englische Ansprache begeisterten Applaus.©

Zwei positive Anmerkungen gleich vorweg, leider werden es die einzigen bleiben für diesen "Tatort". Wir haben ein neues Fremdwort gelernt und einmal kurz gelacht. Das Fremdwort: Der Bodensee ist ein "Kondominium". Das hat nichts mit knisternder Erotik zu tun, sondern ist der lateinische Begriff für ein gemeinsames Eigentum, im Falle des Bodensees von Österreich, Deutschland und der Schweiz. Das schafft die Grundlage für ein permanentes Kompetenzgerangel zwischen Klara Blum (Eva Mattes) und ihrem Schweizer Kollegen Matteo Lüthi (Roland Koch). Der Lacher: die Szene mit Beckchen (Justine Hauer) und den "Kinesen". Doch dazu später.

Die Geschichte selbst wirkt vertraut. Der renommierte Schweizer Konzern Sanortis hat ein neues Medikament für Leukämiekranke auf den Markt gebracht. Ein Mitglied einer Anwenderstudie, der ermordete Heigle, hat nicht nur positive Erfahrungen mit dem viel gelobten Mittel gemacht. Seine Kritik äußert er auch im Blog einer Selbsthilfegruppe. Deren Geschäftsführer, Steffen Rattke (Oliver Wnuk), löscht die negativen Kommentare, um die Querfinanzierung der Gruppe durch das Unternehmen nicht zu gefährden. Und schließlich bringt er Heigle um, weil dieser versucht hat, den Konzern mit einer geheimen Studie zu erpressen. "Schon wieder 'n Medizinskandal!", sagt sogar Kai Perlmann (Sebastian Bezzel). Ja, leider.

Zu der allzu gern bemühten Themenwahl gesellen sich Dialoge, die eines "Tatorts" einfach nicht würdig sind. Hier ein Beispiel. Mia Hennig (Natalia Rudziewicz): "Man möchte echt die Hände überm Kopf zusammenschlagen." Perlmann: "Wenn sie nicht vom letzten Mal noch oben wären." Wow, da muss man erstmal drauf kommen.

Egomane trifft ewiges Geburtstagskind

Von vorneherein herrscht Frust in "Letzte Tage" - und der bestimmt in allen möglichen Schattierungen den ganzen Fall. Perlmann durchlebt eine Sinnkrise, nachdem er einen Brief von der Beamtenvorsorge erhalten hat. Er sieht darin nicht nur seinen beruflichen Werdegang, sondern scheinbar sein ganzes Leben bis zur Rente vorgezeichnet. Thirtysomething-Tief würde man als Küchen-Psychologe wohl sagen, das Selbstmitleid eines nur um sich kreisenden Singles.

Doch ein blasser Einzelgänger soll Perlmann in dieser Folge nicht bleiben: Er lässt sich auf eine Affäre mit der hübschen Mia Hennig ein, die, wie er bald feststellt, mit ganz anderen Sorgen zu kämpfen hat. Sie ist an Leukämie erkrankt und studiert Medizin, um ihrem Leiden konfrontativ zu begegnen. Darüber hinaus engagiert sie sich in der Selbsthilfegruppe, die nach Blutspendern für Menschen mit dem gleichen Schicksal sucht. Mias Kleidungsstil ist ein wenig aus der Zeit gefallen und ihr Erscheinen wird recht konsequent von französisch anmutender Akkordeon-, Geigen- oder Harmoniummusik begleitet. So soll der Zuschauer wohl besser verstehen, wie ihr gewisses Flair auf Perlmann wirkt. Ihr Dreh, bei Männern zu landen: Sie gibt vor, Geburtstag zu haben. Oder feiert Überraschungstage, wenn ihr danach ist.

Die Liebe zu kreativer Garderobe teilt auch Selbsthilfe-GF Rattke: Mit seinen fröhlichen Löckchen unter der Schiebermütze könnte er als Pantomime-Darsteller an den Ufern der Seine auftreten. Doch tatsächlich organisiert er die Aktionen der Aktivisten und betreibt nebenbei das Blog der Gruppe. Sein Einsatz für die Leukämiekranken ist privat motiviert, denn er sucht einen Spender für seinen an Blutkrebs erkrankten Sohn Jonas (Luca Baron). Dass dieser zartbesaitete Typ am Ende der Mörder ist, ach - geschenkt.

Der Grenzkonflikt

Die beiden Chefermittler aus Konstanz und dem Schweizer Kanton Thurgau haben zuletzt im Oktober 2012 gemeinsam ermittelt, "Nachtkrapp" hieß die "Tatort"-Folge, in der Blum einen Ermittlungsfehler in ihrer eigenen Vergangenheit entdeckt hat, für den ein Unschuldiger ins Gefängnis musste.

In "Letzte Tage" agiert sie wie ein kleines Mädchen: Lammfromm, handzahm und immer mal wieder einen verlegenen Blick auf Lüthi, den "James Bond für Arme" werfend, kettet sie ihn und sich über den halben Film hinweg an Handschellen. Was zu zahlreichen vorhersehbaren Bewegungskonflikten führt. Dabei wird das Konkurrenzverhalten zwischen Deutschen und Schweizern um a) die behördliche Zuständigkeit auf dem Bodensee und b) die unterschiedlichen Charaktereigenschaften so oft diskutiert, als müssten es auch die bereits eingeschlafenen Zuschauer mitbekommen. Vielleicht sind elf Jahre Klara Blum genug, Frau Mattes? Das müssen Sie sich doch nicht antun - bei so einem Drehbuch.

Das liebe Beckchen

Der einzige Moment, der irgendwie süß war: Nachdem Beckchen herausgefunden hat, dass neben dem Fahrzeug des Toten auf der Fähre ein Bus mit Chinesen geparkt hatte, beschließt sie, die Asiaten um ihre Bilder zu bitten. Dazu stellt sie sich auf eine erhöhte Fläche und sagt: "Hello, come together, please, hello, grüß Gott, I'm Annika Beck." Nachdem sie erklärt hat, dass sie für die Polizei arbeitet und sich in den Aufnahmen der Reisenden Beweismaterial erhofft, fragt sie in überbetontem Englisch nach den Fotos: "Maybe you can give them to me?" Die Chinesen strahlen sie verständnislos an und applaudieren.

Nicht lustig? Man wird bescheiden.

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