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2. Juli 2007, 09:34 Uhr

Eine Leiche zum Frühstück

Der Patriach, der die Familie jahrelang schikaniert hat, liegt tot in seinem Hotel. Die Erben zeigen keinerlei Trauer, sondern betreiben Leichenfledderei. Die Ludwigshafener "Tatort"-Folge "Sterben für die Erben" ist in bester Agatha-Christie-Tradition gestrickt - mit gnadenlos überzeichneten Charakteren. Von Kathrin Buchner

Kommissar Mario Kopper (Andreas Hoppe) gibt den Aushilfskoch und besticht die berechnende russische Hotelangestellte Ivanka (Nicola Kastner) mit Tiramisu© Krause/Burberg/SWR

Sozialkritisch sind sie, viele der "Tatort"-Folgen, nah an gesellschaftlicher Realität, zeigen Missstände und Menschen in ihrer Bipolarität, nicht schwarz und nicht weiß, sondern mit ihren bösen wie ihren guten Seiten. Der treusorgende Familienvater, der vor lauter Überforderung zum Kindsmörder wird, die brave Haushälterin, die aus jahrelanger unerfüllter Liebe zur Waffe greift.

Doch der "Tatort" wäre nicht die beste Krimireihe Deutschlands, wenn nicht jede einzelne Folge - bis auf unrühmliche, wenn auch seltene Ausnahmen - ein Unikat, ein Kunstwerk wäre, das sich von allen bisherigen Folgen abhebt. Und so lässt Drehbuchautorin Dorothee Schön in "Sterben für die Erben" Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) in einem Paralleluniversum ermitteln mit eindimensional bösen Charakteren wie es sie eigentlich nur in Komödien von Molière oder in Grimmschen Märchen gibt. Passenderweise dreht es sich um Familie Grimm und deren heruntergekommenes Familienhotel "Pfalzkron", eine Kulisse, die stark an englische Landhäuser à la Agatha Christie erinnert.

Die Geschichte ist so zeitgemäß wie ein Rolls-Royce in einer bundesdeutschen Kleinstadt. Der alte Patriarch, der seine Familie und seine Angestellten seit Jahrzehnten tyrannisiert, wird tot vor dem Frühstücksraum seines Hotels gefunden. Es sieht aus, als ob er die Treppe heruntergefallen wäre. Die drei Geschwister zeigen keinerlei Trauer, sondern streiten sich um das Erbe. Da ist die älteste Tochter Heike Martinek (Karla Trippel), die sich als erfolgreiche Maklerin ausgibt, aber kein Büro hat, sondern die Akten im Billig-Jeep aufbewahrt, am Mobiltelefon ihre eigene Sekretärin spielt und geschäftliche Gespräche auf einem Parkplatz zwischen Baustellen erledigt.

Kampf ums Erbe ohne jegliches Pietätsgefühl

Da ist Walter Grimm (Josef Ostendorf), der mittlere der Geschwister, das sogenannte "Sandwich-Kind", der diesen Begriff angesichts seiner Körperfülle, allzu wörtlich genommen hat und mit einer ebenso beleibten wie herrschsüchtig-giftigen Frau mit dem herrlichen Namen Walburga (Sabine Orleans) verheiratet ist. Mit ihr betreibt er eine wenig florierende Gärtnerei. Dann ist da Pia Grimm (Naomi Krauss), die jüngste Tochter, das arme Opfer: Jahrelang vom Vater gedemütigt, ließ sie sich von ihm sogar ihre Beziehung zerstören. Obwohl sie als einzige der Geschwister vom Tod des Vaters nicht materiell profitiert, ist sie dennoch verdächtig: Ausgerechnet nach ihrem ersten und einzigen Aufbegehren segnet der Tyrann das Zeitliche.

Habgier und verschmähte Eltern-Liebe

Außerdem ist da noch die frivole russische Hausangestellte Ivanka (Nikola Kastner), die für Geld alles macht und nebenbei noch ein paar Fernseher zur Seite schafft. In ihrer Habgier kämpft jeder gegen jeden, ein Motiv für den vermeintlichen Mord haben alle.

Regisseur Lars Montag spielt mit Klischees und Stereotypen, inszeniert mit beißendem Zynismus das Spektakel der Geschwister, um ans Erbe zu kommen, bitterböse und doch leicht und locker. Dabei hat das Spiel der Darsteller pathetische Größe wie bei einer Shakespear'schen Tragödie - schließlich geht es um klassische Motive wie verschmähte Liebe der Eltern und Habgier. Sie gipfelt in einem dramatischen Crescendo bei der Beerdigung, wo nicht nur das Blumengesteck zur Wiederverwertung weggerissen wird, noch bevor der Sarg unter der Erde ist, sondern es auch noch zu einer handfesten Schlägerei kommt. Pietätslos und skurril-komisch.

Kommissar Kopper macht den Mister Stringer

Die Dramaturgie ist dicht und spannend in bester Agatha-Christie-Tradition, ohne die sonstigen "Tatort"-üblichen Abschweifungen ins Privatleben der Kommissare - im Gegenteil, Odenthals Kollege Mario Kopper (Andreas Hoppe) muss - frisch aus dem Urlaub, direkt vom Flughafen - den Undercover-Agenten als schnüffelnder Ersatz-Koch geben, so wie Bibliothekar Stringer in Miss-Marple-Krimis. Es gibt keinerlei Verfolgungsjagden, schnelle Schnitte oder Kamerafahrten. Dafür reichlich Nierentische, Cocktail-Sessel und Foto- und Blumentapeten - Eins-A-60er Jahre Ausstattung von solch Retro-Chic, der jeden Szene-Club in Berlin-Mitte schmücken würde.

So fies die Charaktere sind, am Ende erweist sich der böse Alter seiner teuflischen Brut überlegen: Bevor der an Alzheimer Erkrankte sich der pflegerischen Willkür seiner Kinder ausliefert, wählt er lieber Selbstmord - aus Bosheit. So schürt er Zwietracht, um das Erbe letztendlich dem Vogelliebhaber-Verein zu überlassen. Rabenschwarz!

Von Kathrin Buchner
 
 
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