Mach's noch einmal, Charlotte!

15. Juni 2014, 21:43 Uhr

Zwangsprostitution, Rockerbanden und Verstrickung bis ganz nach oben: Eigentlich ist dieser "Tatort" überladen. Wenn Charlotte Lindholm nicht zwei Folgen Zeit hätte, die Sache aufzuklären. Von Ulrike Klode

Tatort, Kritik, TV-Kritik, Hannover, Furtwängler, Lindholm

Mit einer Leiche im Müll fängt alles an: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) im ersten Teil der "Tatort"-Doppelfolge "Wegwerfmädchen".©

Zwei Mädchen werden im Müll entsorgt. Eins überlebt, es befreit sich auf der Mülldeponie und flüchtet. Das andere wird tot gefunden. Das LKA ermittelt, Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) übernimmt den Fall. Schon in den ersten zehn Minuten des Hannoveraner "Tatorts" ist klar: Hier geht es um Minderjährige aus Osteuropa, die zur Prostitution gezwungen werden, eine Rockerbande hat ihre Finger im Spiel, und einflussreiche Männer müssen darum bangen, dass sie nicht auffliegen.

Wäre dies ein normaler Fall der Reihe, hätte man bereits nach diesen ersten zehn Minuten wegschalten müssen. Wer will schon einen überladenen Krimi sehen? Einer, bei dem man befürchten muss, nach 90 Minuten wertvoller Lebenszeit sagen zu müssen: Zeitverschwendung! Glücklicherweise handelt es sich bei der Folge "Wegwerfmädchen" nicht um einen typischen "Tatort", sondern um einen Zweiteiler. Und so macht es Spaß, dass sich schnell herausstellt: Die Macher (Regie: Franziska Meletzky/Buch: Stefan Dähnert) nehmen die Herausforderung von insgesamt drei Stunden Erzählzeit an und servieren ein Thema, das normalerweise den Rahmen gesprengt hätte.

Trotz Doppelfolge ein klassischer "Tatort"

Nach weiteren zehn Minuten ist die nächste Befürchtung ausgeräumt: Dass in diesem "Tatort" zu viel auf einmal ausprobiert werden könnte. Trotz der Doppelfolge hat der Krimi der "Tatort"-Charakter. Keine übertriebenen Actionszenen, keine schnelle Schnitte, keine Psychothriller-Anmutung. Die kühle Kommissarin ermittelt, indem sie mit Menschen redet - auf der Straße, in ihrem Büro, in einem Club. Und selbst wenn sie ihr Auto - eine Familienkutsche - an der Ampel wendet, weil sie eine Zeugin abfangen muss, passiert das auf einer leeren Straße und sie tritt nur moderat aufs Gaspedal. Eine Art des Erzählens, die zur Person der Ermittlerin passt.

Ein weiteres Zeichen, dass es ein klassischer "Tatort" ist: die Betroffenheit und die Gesellschaftskritik. Natürlich lässt es Charlotte Lindholm nicht kalt, dass die Mädchen mehrfach vergewaltigt wurden. Das darf aber auch so sein, das nimmt man ihr ab - und das ist von der aufdringlichen Betroffenheit des Kölner Duos Ballauf und Schenk weit entfernt. Ebenso passt es zu Lindholm, dass sie sich Gedanken darüber macht, welches Frauenbild diejenigen Männer haben, die für Sex zahlen. Was jedoch verwundert: Dass sie diese Frage jetzt erst beschäftigt, als erfahrene LKA-Ermittlerin müsste sie damit eigentlich schon bei dem einen oder anderen Fall im Rotlichtmilieu konfrontiert worden sein.

Je weiter der erste Teil fortschreitet, desto mehr nimmt die Geschichte an Fahrt und Spannung auf. Allerdings ist sie nie so schnell, dass der Zuschauer nicht mitkommt. Es werden Fragen aufgeworfen, es tauchen viele Personen auf, es gibt diverse Nebenhandlungen und überraschende Wendungen, und doch ahnt der Zuschauer, dass das alles früher oder später einen Sinn ergibt. Spätestens im zweiten Teil - auch wenn Lindholms Chef bereits am Ende des ersten Teils sagt: "Wir haben den Mörder, Frau Lindholm!"

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