Sag zum Abschied eindrucksvoll servus

14. April 2013, 21:45 Uhr

Nur fünf Fälle lang marschierte Conny Mey durch den Frankfurter "Tatort". "Wer das Schweigen bricht" war ihr letzter Fall. Schade. Aber Nina Kunzendorf macht alles richtig. Von Swantje Dake

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Sie reden wenig miteinander, verstehen sich aber blind: Hauptkommissar Frank Steier (Joachim Król) und Hauptkommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf)©

Man soll bekanntlich gehen, wenn es am schönsten ist. Wenn noch so viel zu sagen und anzupacken wäre. Und genau das macht Nina Kunzendorf. Sie lässt ihre "Tatort"-Figur Conny Mey abdanken. Sollte es der "Tatort"-Zuschauer noch nicht gewusst haben, dann bekam er es gleich in der ersten Szene unmissverständlich angedeutet. Mey steht beim Chef der Mordkommission, grinst ihn entwaffnend an. "Chef, das Leben geht weiter." Der Chef ist verstört. Der Zuschauer auch. Warum denn nur? Es war doch alles so gut.

Conny Mey - eine Erscheinung in roten Cowboystiefeln, enger Jeans und tiefem Dekolleté - war ein willkommener Wirbelwind unter den "Tatort"-Ermittlern. Der perfekte Konterpart zum verschrobenen Frank Steier (Joachim Król). In "Wer das Schweigen bricht" beweisen Mey und Steiner - oder Kunzendorf und Król - mehrfach, wie gut sie harmonieren.

Er schreit, sie flüstert

Steier brüllt die schweren Jungs im Jugendknast an. Mey flüstert auf Türkisch mit dem vermeintlichen Opfer Erhan. In der Zelle des Mordopfers Mustafa brauchen sie nicht viele Worte, um sich und den Tathergang zu verstehen. Mey: "Ich Mörder." Steier: "Opfer." Bereitwillig lässt sich Steier von Mey in den Schwitzkasten nehmen. So auch bei der Befreiung der Geisel. Steier: "Wir warten aufs SEK." Mey: "Sicher". Sekunden später öffnen beide gleichzeitig ihre Autotür und greifen selbst ein. Sie redet. Er schießt. Ein Traumpaar. Selbst im schlechten Sinn. Denn eigentlich will Conny Mey mit Steier über ihren Weggang reden. Zwei Ansätze scheitern. Sie sind wie ein altes Ehepaar, das als Team brillant funktioniert, aber darüber hinaus sich komplett vergisst.

Apropos vergessen. Der ausführlich inszenierte Abschied der Mey drängt die eigentliche Geschichte in den Hintergrund. Ein Insasse eines Jugendgefängnis wird tot in seiner Zelle aufgefunden. Die Mithäftlinge schweigen. Die Wärter mauern. Der Direktor wimmert. Ein nicht ganz neuer Einblick in Gefängnishierarchien und -strukturen. Ohne den Schlagabtausch zwischen Mey und Steier wäre es vermutlich ein dröger Sonntagabendkrimi geworden.

Mey geht also. Die coole Kommissarin mit dem losen Mundwerk, den engen Jeans und dem zielstrebigen Gang wird Lehrerin an der Polizeischule. Sie will dem Nachwuchs ihr Können und ihren Elan vermitteln. Steier spricht aus, was vermutlich viele Frankfurter "Tatort"-Fans denken: "Eine größere Scheiße haben Sie noch nie von sich gegeben."

Die Cowboystiefel ausziehen

"Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, auch wegen Ihnen", sagt Conny Mey zu ihrem griesgrämigen Kollegen. Und man ist versucht, diese Aussage Nina Kunzendorf zu unterstellen. Denn gezwungen wurde die Schauspielerin nicht. Im Gegenteil. Die Quoten des Frankfurter Duos waren gut. Die Kritiken ebenfalls. Kunzendorf selbst hält sich zu ihrem Ausstieg bedeckt. Die ARD teilte mit, der Vertrag sei auf Kunzendorfs Wunsch aufgelöst worden. Die Schauspielerin habe neben den beiden "Tatort"-Folgen pro Jahr kaum noch Zeit für andere Projekte gehabt. Da keine weiteren Gründe genannt wurden, schossen Spekulationen ins Kraut, dass Kunzendorf nicht auf die Rolle der Conny Mey reduziert werden wollte. Sie sei vom Erfolg überrascht gewesen und wohl auch mit der Ausgestaltung der Rolle unzufrieden.

Dagegen spricht, dass Kunzendorf von Anbeginn an ihre Rolle mit Drehbuchautor Lars Kraume ausarbeitete und offenbar Spaß mit dem etwas prolligen Image hatte. Zumindest ist von ihr das Zitat "Geil, dann mach ich mir so Acryl-Nägel dran" überliefert. Die Mey-Figur änderte sich, die Haare wurden kürzer, im Laufe der fünf Fälle wurde sie weniger offenherzig. Es reichte nicht. Kunzendorf wollte raus.

Ein Solo für Steier

Steier ist so verdattert wie Kunzendorf-Fans. "Ich dachte, wir beide - zwei wie Pech und Unglück. Zusammen durch dick und doof." Jetzt soll er zunächst allein weitermachen. Nicht nur eine Herausforderung für die Figur Steier, sondern auch für den Drehbuchschreiber und für Król, der mit seiner skurrilen Art herrlich Kinofilme trägt. Aber einen unterhaltsamen Sonntagsabendkrimi? Offenbar will ihm der Hessische Rundfunk das Solo nicht dauerhaft aufbürden: Margarita Broich soll im Herbst 2014 erstmals neben Król auftauchen. Sie wird in große Fußspuren treten müssen.

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