Wenn man nichts mehr zu verlieren hat

6. Januar 2013, 21:45 Uhr

Ein Junge wird entführt, es bleibt nur wenig Zeit, da er zu verdursten droht. Der Täter ist schnell gefasst, aber gegen ihn sind alle machtlos. So wird der "Tatort" zum Psychospiel mit tickender Uhr. Von Verena Pommerenke

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Tatort, Berlin, Ritter, Stark, Edgar Selge

Er hat nichts mehr zu verlieren: Kindesentführer Uwe Braun (Edgar Selge) lässt sich von den Kommissaren Ritter und Stark nicht entlocken, wo er den kleinen Benjamin versteckt hält.©

Der achtjährige Benjamin Steiner spielt mit seiner Mutter im Garten ihrer Villa, die Schaukel knarrt übermäßig laut und die Musik verrät: Irgendetwas passiert gleich. Wenig später wird der Junge beim Schlagzeugunterricht entführt.

Zuerst wird der Verdacht auf die Eltern gelenkt. Die Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) befragen Benjamins Mutter ganz genau. Als Frau Steiner zur Beziehung zu ihrem Mann gefragt wird, zögert sie. Es scheint ein Problem, ein Geheimnis zu geben. Hat Vater Hermann Steiner auf seinen Geschäftsreisen eine Affäre? Will sich die Mutter an ihm rächen? Auch der Vater wirkt verdächtig.

Alles ist ruhig im Haus der Steiners, jede kleine Bewegung und Mimik der Eltern kann genau analysiert werden. Der Zuschauer beobachtet, ob sich einer von beiden in Widersprüche verstrickt, verrät, die Nerven verliert. Doch es ist nur eine falsche Fährte: Beide Elternteile sind unschuldig.

Psychopath oder Profi

Das Rätselraten um den Täter hat ein schnelles Ende. Bei der Lösegeldübergabe mit Polizeiüberwachung winkt der Entführer Uwe Braun (Edgar Selge) die Kommissare zu sich. Erst scheint es, als wäre er ein Psychopath. Doch dann merken die Ermittler: Braun handelt wie ein Profi, hat jeden Schritt durchgeplant - und weil er schon lange mit dem Leben abgeschlossen hat, hat er nichts mehr zu verlieren. Daher ist er durch keine Drohung der Kommissare zu erreichen. Ritter und Stark schaffen es nicht, ihm den Aufenthaltsort von Benjamin zu entlocken.

Alle sind machtlos. Die Berliner "Tatort"-Folge von Regisseur Klaus Krämer konzentriert sich auf allen Ebenen auf dieses Gefühl: Eltern und Polizisten sind häufig von Weitem in der Totale zu sehen und wirken dadurch klein und hilflos. Auch auf ihrem Sofa sitzen die Steiners kraftlos zusammengesunken. Niemand fällt durch große Handlungen auf - denn man kann nichts tun. Stark und Ritter lassen die Köpfe hängen, atmen tief. Sie haben keine Waffen gegen diesen Täter.

Die Uhr tickt

Obwohl der Fall ruhig und langsam erzählt wird, wenig auf Action-Szenen setzt, ist er spannend. Denn den Kommissaren, Eltern und Benjamin läuft die Zeit davon: In wenigen Tagen ist die halbe Flasche Wasser leer, die dem entführten Kind noch bleibt, und Benjamin verdurstet. Durch die tickende Uhr steigt der Druck, eine schnelle Lösung zu finden. Dass Ritter und Stark dem Entführer aber immer wieder mit den gleichen Fragen in dem kleinen Vernehmungszimmer gegenübertreten, nervt nicht nur den Täter. Die letzte Szene hätte es nicht mehr gebraucht, sie bringt der Geschichte nur unnötige Längen.

Die Krimifolge lebt vor allem von ihrem Tiefgang. Die Personen sind komplex und zeigen im Lauf der Geschichte andere Facetten von sich: Benjamins Vater wird zunächst als kalt, egoistisch und profitgierig gezeichnet. Später wandelt er sich zum schwachen, besorgten Familienmenschen, der vor Angst kollabiert.

Psychospiel mit Tiefgang

Und auch Uwe Braun, der keine Perspektive für sich sieht und keine emotionalen Reaktionen zeigt, lässt sich erweichen, als ihm sein eigener Sohn nach langer Zeit gegenübersteht und ihn eindringlich als "Papa" anspricht. Diese Begegnung und das emotionale Gespräch mit Benjamins Mutter können ihn am Ende umstimmen.

Dieser "Tatort" ist ein bewegendes Psychospiel mit Tiefgang, das dadurch überzeugt, dass es sich auf die Machtlosigkeit konzentriert und nicht alles gleichzeitig sein will.

 
 
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