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Interview

"Ich bin eher ein Nesthocker"

Die neue "Tatort“-Kommissarin Heike Makatsch über ihren glamourösen Beruf, ihr normales Leben - und wie man das eine vom anderen trennt.

Heike Makatsch ist neue Tatort-Kommissarin

Die Schauspielerin Heike Makatsch, 44, Mutter von drei Kindern, lebt heute in Berlin. Am 28. März gibt sie ihr Debüt als "Tatort"-Kommissarin.

Frau Makatsch, der Job des "Tatort"-Ermittlers ähnelt inzwischen einem Bundesamt. Haben Sie gezögert, die Rolle anzunehmen?

Ich war sofort interessiert. Obwohl ich zugeben muss, dass ich selbst kein regelmäßiger "Tatort"-Gucker war. Ich musste einiges nachholen.

Sie spielen eine Kommissarin, die nach 15 Jahren in ihre Heimat Freiburg zurückkehrt. Dort hatte sie ihr Kind bei der Mutter zurückgelassen. Wie viel Makatsch steckt in der Rolle?

Auch sie kehrt wie ich einmal aus London zurück, aber das Verhältnis zu meiner Mutter und meinen Töchtern ist schon besser (lacht).

Die Kommissarin ist schwanger… 

Ja, das ist auch der Grund für ihre Heimkehr. Für das neue Leben müssen alte Wunden heilen.

Wie war es, hochschwanger vor die Kamera zu treten?

Da finde ich nichts bei.

Dafür, dass Sie ansonsten gar nichts Privates preisgeben, ist es eine Menge.

Was ich zu Hause tue und lasse, wie meine familiären Situationen sind und wie meine Kinder heißen, das behalte ich für mich. Täte ich das nicht, würde ich für die Kinder den Persönlichkeitsschutz aufgeben.

Im "Tatort" schicken sich entwurzelte Jugendliche durch Hyperventilieren in die Ohnmacht. Haben Sie das auch mal gemacht?

Ja, ich kann mich daran erinnern. Es wurde einem kurz schwarz vor den Augen, aber eigentlich war das unschuldig, auf dem Schulklo, und die Freundin hat dich aufgefangen.

Mochten Sie die Schule?

Eigentlich schon. Es fiel mir relativ leicht, ich erinnere mich weniger ans Lernen und hauptsächlich an meine Freunde. Am wohlsten fühlte ich mich in einer Ecke bei den Rauchern und den Subkulturen.

Zu welcher Subkultur gehörten Sie?

Düsseldorf hatte eine spannende Musikszene, Punks, Mods, alles tummelte sich da. In meiner Jugend entstanden dort Bands wie die Fehlfarben, die Toten Hosen.

Waren Sie leicht erziehbar?

Ich war nicht schwierig, meine Eltern und ich standen immer in offener Kommunikation. Meine Rebellion habe ich eher in den unterschiedlichen Rottönen meiner Haare ausgelebt.

Gegen wen?

In mir schlug immer schon das Herz für unkonventionelles Leben, gegen Spießigkeit und Konservatismus. Es hat mich eher zu Randgruppen hingezogen als zu den Erfolgstypen. Was gesellschaftlich anerkannt war, hat mich misstrauisch gestimmt.

Gehörte zum Rebellieren, ins Showbusiness zu gehen und so die Eltern, eine Lehrerin und einen ehemaligen Eishockeystar, zu ärgern?

Nein. Ich habe erst mal Politik, Soziologie und Medienwissenschaften studiert, es aber ziemlich schleifen lassen und mich lieber dem Nachtleben hingegeben. Irgendwann dachte ich, ich muss was mit den Händen machen. Deshalb hab ich eine Schneiderlehre begonnen. Und dann wollte es der Zufall, dass Viva an die Tür klopfte.

Wie reagierten die Eltern?

Das war schwierig. Ich war 22, und sie sagten: Jetzt mach doch mal das eine zu Ende. Sie haben mir dann vertraut, aber den öffentlichen Werdegang sehr kritisch verfolgt. Sie haben mich auf den Teppich zurückgeholt, wenn ich drohte abzuheben.

Taten Sie das?

Natürlich birgt so eine exponierte Position auch Gefahren. Alle haben eine Meinung zu dir, positiv oder negativ, alle projizieren etwas in dich, das wenig mit dir zu tun hat. Der Austausch mit meinen Eltern und meinen Freunden hat mir geholfen, dem Trubel weniger Wichtigkeit beizumessen.

Viele der ersten Viva-Generation haben Karriere gemacht. Stefan Raab zum Beispiel.

Bei Stefan hätte man sich das denken können. Es hieß damals, dass er seine Sendung schon selbst produziert und den Jingle geschrieben hat. Er war 29, aber er wusste genau, was er wollte. Das war schon bewundernswert.

Damals nahm die Öffentlichkeit aber vor allem Sie wahr. Unangepasst, emanzipiert und trotzdem sexy – Sie galten als Prototyp des Girlies. Was machte das mit Ihnen?

Ich wollte nicht noch weiter ins Rampenlicht, mit noch mehr Aufmerksamkeit und Druck. Ich wollte eigentlich immer nur nach Hause, zurück in meine kleine Clique.

Aber es wurde erwartet, dass Sie die Rolle der Klassensprecherin für Ihre Generation übernehmen.

Die gefiel mir gar nicht. Ich wusste nicht, was das für ein Produkt sein sollte. Ein Girlie. Im Rückblick kann ich etwas milder erkennen, dass ich vielleicht ein Lebensgefühl traf.

Und wann konnten Sie der ungeliebten Rolle entkommen?

Irgendwann habe ich auch äußerlich nicht mehr dem Girlie-Bild entsprochen. Trotzdem wurde ich immer darauf angesprochen. Es war wie ein Selbstläufer, der sich selbst füttert.

Sie arbeiten nicht nur als Schauspielerin, Sie sind auch das Werbegesicht einer Kosmetikfirma. Im "Tatort" sieht man Sie ziemlich fertig, auf den Plakaten sind Sie von makelloser Schönheit. Welcher Makatsch fühlen Sie sich näher?

Ich kann mit beiden etwas anfangen. Ich kann mit der äußeren Vergänglichkeit ebenso umgehen wie mit dem Spaß, sich mal aufzubrezeln. Wenn ich morgens in den Spiegel gucke, dann bin ich Ellen Berlinger ähnlicher, rein optisch, das ist klar.

Gibt es ein Lebensalter, das Sie besonders mochten?

Alle Zeiten hatten etwas, die schlimmen wie die schönen. Die Zeit, in der ich viel geweint habe, war sehr intensiv. Die Zeit, in der ich glücklich war, vergisst man vielleicht schneller. Es hat alles seine Berechtigung.

Sie sagten mal über sich: Ich bin ein Stubenhocker.

Nesthocker würde ich es eher nennen. Immerhin habe ich mal eine Zeit lang in London gelebt. Ich bin jedoch nie den Mount Everest hochgestapft. Ich mag es, jeden Tag am selben Bäcker vorbeizurennen.

Sie gingen nach London wegen Ihres damaligen Freundes Daniel Craig, dem heutigen James Bond.

Das war der Grund. Nichts Besonderes. Wie jede junge Frau dachte ich: Da lebt mein Mann und dann auch noch in London, super. Dass mein Beruf darunter leiden könnte, machte mir damals keine Sorgen. Da war ich ziemlich angstfrei.

Hatten Sie irgendwas dort zu tun?

Ich bin viel in Ausstellungen und auf Partys gegangen, habe Yoga gemacht und für Freunde gekocht. Es war schön, aber das reicht nicht für ein ganzes Leben.

Sie waren acht Jahre mit Craig zusammen. Dann zogen Sie nach Berlin und bekamen mit dem Musiker Max Schröder zwei Töchter, trennten sich von ihm und haben jetzt ein drittes Kind mit einem Mann, den Sie geheim halten. Hat das Leben Ihr Verhältnis zur Liebe verändert?

Die Partner in einer Liebesbeziehung können sich bereichern, jedoch nicht einzige Quelle des Glücks sein. Am Ende ist man doch für sich und seinen Seelenzustand allein verantwortlich. Am Ende kann mir niemand Gefühle wie Einsamkeit, Traurigkeit nehmen. Da muss man selbst einen Weg finden.

Klingt finster.

Nein, so zu denken entspannt mich eher. Mit dem Alter und einiger Erfahrung verändern sich nicht unbedingt die Gefühle, es verändert sich eher deren Interpretation. Ich könnte mich schon noch hemmungslos verlieben, aber ich würde es anders bewerten. Ich würde denken: Oh, ich bin ganz schön verknallt. Ein Blick mit gesunder Distanz. Früher hätte ich gedacht: Oh, so wird es jetzt immer sein. Und wenn es mal anders wird, sterbe ich vor Schmerz.

Sie sind dreifache Mutter. Ihre älteste Tochter ist neun. Charlotte Roche findet: Elternsein bedeutet das Ende der Coolness.

Ich kann mit solchen Kategorien nicht viel anfangen. Außerdem habe ich mich nie als besonders cool empfunden. Ich bin gern ausgegangen, aber jetzt gibt es eben eine andere Lebensphase. Und danach kommt wieder eine andere.

Sie haben mal gesagt: Schauspiel sei nicht Ihre Berufung.

Oh doch, ich sehe Schauspielerei sehr wohl als meine Berufung an. Aber ich habe mir die Möglichkeiten bewahrt, auch noch an anderen Dingen Spaß zu haben. So kann ich sehr viel gelassener auf das nächste Angebot warten oder damit umgehen, wenn es gerade mal ausbleibt.

Aber wenn Sie wenig drehen, heißt es: Die Makatsch ist out.

Ja, man begibt sich in eine sehr verletzbare Position. Du bist doch immer vom Gusto anderer abhängig. Deine Währung bist du selbst.

Macht Erfolg deshalb Angst?

Was ist denn überhaupt Erfolg? Nehmen Sie das Girlie-Ding. Da war ich nur ein Rädchen in einer riesigen Maschine, das aufgeblasen wurde. Das war ja nicht meine Leistung. Trotzdem wurde mir das Etikett "erfolgreich" angepappt. Ich glaube nicht wirklich an Erfolg.

Robbie Williams sagt, die Selbstzweifel nehmen zu, je erfolgreicher man wird.

Keine Ahnung. Ich bin nicht voller Selbstzweifel. Ich bemesse meinen Erfolg eher daran, wie nah mir die Menschen sind, die mir etwas bedeuten. Wenn man in etwas viel Liebe steckt, und dafür bekommt man viel Liebe zurück. Das hört sich sehr heilig an, aber so empfinde ich das.

Daraus spricht wenig Ehrgeiz.

Beim Spielen bin ich sehr ehrgeizig. Da ringe ich mit jedem Wort, und auch mit dem Regisseur. Aber wenn der Film fertig ist, muss man loslassen. Das ist ein Gemeinschaftswerk. Es kann scheitern. Das liegt außerhalb meiner Verantwortung.

"Tatort: Fünf Minuten Himmel" mit Heike Makatsch, am 28. März um 20.15 Uhr in der ARD.

Das Interview erschien am 17. März 2016 im stern.

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Von:

und Franziska Reich