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TV-Kritik

Ein Fall von Betäubung

Professor Boerne als Patient? Das wünscht man keinem. Trotzdem ist er schuldlos am Tod einer Ärztin, die einen Medikamentenskandal witterte. Die ARD wiederholt einen Klamauk-"Tatort" aus Münster in der Sommerpause.

Von Dieter Hoß

Woran ist Dr. Süßmilch gestorben? Alberich hat etwas entdeckt.

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Münster in Westfalen, knapp 300.000 Einwohner, historisiertes Zentrum, ein Dom, reichlich Kirchen auf engstem Raum, fahrradtaugliches fruchtbares Umland. Es ist ein beschauliches Leben in dieser alt-ehrwürdigen Universitätsstadt, die ihre Lebendigkeit in erster Linie dem studentischen Treiben verdankt. Dieser allzu aufrechten Stadt das schräge "Tatort"-Ermittlerduo Thiel/Boerne zu verpassen, war bekanntermaßen genial. Doch leider sind auch Helden manchmal müde.

Nicht, dass der schnoddrige Kommissar und der überkandidelte Rechtsmediziner mit dem Fall überfordert wären. Ganz und gar nicht. Der löst sich eigentlich fast von selbst. Der Medikamentenskandal an der Sanusklinik ist nämlich nicht allzu verzwickt: Ein ermordeter Krankenhausapotheker, ein weiterer, drogenabhängiger und somit erpressbarer Pharmazeut, eine karrieregeile Klinikleiterin, Krebspatienten, die während ihrer Chemotherapie keinerlei Nebenwirkungen verspüren, und eine kritische Ärztin, die alsbald tot aufgefunden wird - das führt alles in eine Richtung.

Der Skandal: Krebs-Arzneien werden gestreckt. Sie nutzen dann den Patienten zwar nicht mehr, dafür ist das illegale Geschäft äußerst lohnend und nur schwer nachzuweisen. Da Boerne als Patient hautnah an den Machenschaften in der Klink dran ist, ist es für das Münsteraner Dreamteam allerdings kein Problem, den Täter zu schnappen. Insgesamt geht das alles ein bisschen zu leicht - zumal man als Zuschauer ohnehin stets im Bilde ist. Immerhin gelingt es Autorin Dorothee Schön dem naturgemäß allzu ernsten Thema Krebs mal eine heitere Seite abzugewinnen.

Krankheitsmilder Boerne

Und die Kabbeleien zwischen Thiel und Boerne? Das Salz in der Suppe des Münsteraner "Tatorts"? Der Professor ist leider krankheitsmilde. Er hat bei sich selbst ein Leberleiden diagnostiziert und muss nun operiert werden. Als Patient ist er selbstverständlich eine Plage für Ärzte und Zimmergenossen. Das führt hin und wieder zu furiosen Dialogen, doch so richtig will das diesmal nicht zünden. Vor allem, weil der Counterpart fehlt. Thiel kommt bestenfalls mal zu Besuch und der Zimmergenosse - ein gutmütiger Schlagerfreund - kann es mit dem Professor nicht aufnehmen, von dem schwerhörigen DJ ganz zu schweigen. Die allgemeine Sorge, es könne ernst um Boerne stehen, führt zu Nachsicht und allerlei Freundlichkeiten. Kurz vor Schluss lässt sich der Professor sogar zu einer Art Sympathiebekundung für Thiel hinreißen. Das muss man sich mal vorstellen!

Die ungewohnte Milde, ein eindimensionaler Fall, wenig Spannung selbst im Showdown - wie gesagt, auch Helden sind mal müde. Immerhin ist Boerne wieder gesundet, zurück an alter Wirkungsstätte und voller Tatendrang. "Arbeiten ohne mich ist möglich, aber sinnlos", zitiert er frei nach Loriot. Überhaupt wird viel zitiert in diesem "Tatort" - zum Beispiel aus Schillers "Wallenstein": "Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären." Anders ausgedrückt: Der nächste Münster-"Tatort" kommt bestimmt. Bis dahin sollte die Narkose nachgelassen haben.

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