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Der Typ ist völlig irre

Nach dem mäßigen Debüt entfaltet das neue Dortmunder Team erstmals sein Potenzial: Jörg Hartmann erweist sich als Kommissar Faber nicht "Tatort"-kompatibel - gerade das macht ihn so sehenswert.

Von Carsten Heidböhmer

  Rastet er wieder aus? Nein, in dieser Szene greift Peter Faber (Jörg Hartmann) lediglich zu einer ungewöhnlichen Ermittlungsmethode

Rastet er wieder aus? Nein, in dieser Szene greift Peter Faber (Jörg Hartmann) lediglich zu einer ungewöhnlichen Ermittlungsmethode

Zu Beginn sehen wir Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann), wie er mit dem Baseballschläger auf ein Auto einschlägt. Immer wieder drischt er mit voller Wucht auf die Karosserie. Jetzt ist er irre geworden, denkt man, und erinnert sich an den ersten Auftritt des neuen Dortmunder "Tatort"-Ermittlers, als dieser schon verhaltensauffällig war und selbstmordanfällig wirkte. Nun droht er völlig auszurasten.

Doch halt, zunächst gibt's Entwarnung: Der eigenwillige Ermittler verrichtet nur seine Arbeit. Er versucht, einen Tathergang zu rekonstruieren. Schon bald wird er an einen anderen Unglücksort gerufen: Der Zuhälter Serkan Bürec ist erschossen worden. Er saß an seinem Schreibtisch und kokste, während ihm eine bulgarische Prostituierte einen Blowjob besorgte. Sie ist die einzige Zeugin - und spurlos verschwunden. Mit Hochdruck versuchen die Ermittler die junge Frau zu finden, bevor der Mörder sie findet und eliminiert.

In den Hinterhöfen stapelt sich der Müll

Der zweite Fall des neuen Dortmunder Teams taucht tief in die kriminelle Welt des Dortmunder Nordens ein. Es geht um die türkische Drogenmafia, bulgarische Tagelöhner und den tristen Alltag im Ruhrgebiet, das wirtschaftlich inzwischen schlechter dasteht als viele Regionen Ostdeutschlands. Rau und realistisch ist dieser Film, er funktioniert zum großen Teil auch als Sozialstudie über das Leben osteuropäischer Arbeitskräfte im Europa der offenen Grenzen, die unter erbärmlichsten Verhältnissen in heruntergekommenen Wohnblocks hausen und den Müll einfach in den Hinterhof schmeißen.

All das wird von der Kamera schonungslos dokumentiert. Doch anders als das etwa beim Kölner "Tatort" der Fall wäre, müssen die Akteure das Geschehen nicht mit Gutmenschen-Platitüden kommentieren und dem Zuschauer vor dem Fernseher erklären ("Freddy, das sind doch auch nur Menschen - das können wir nicht zulassen!"). Sie beobachten, ermitteln und wissen ansonsten um die Beschränktheit ihrer Möglichkeiten. An den Verhältnissen können sie nichts ändern, deswegen versuchen sie es erst gar nicht.

Die Sozialarbeiterin Sonja Polland (Tanja Schleiff) hat dagegen noch Hoffnungen auf eine bessere Welt. Sie selbst ging einst auf den Strich - und hat den Absprung geschafft. Nachdem ihre Tochter bei einem Unfall ums Leben kam, umsorgt sie nun die Straßenmädchen und unterstützt sie beim Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu. Dabei entwickelt sie Beschützergefühle einer Mutter - und erschießt den Zuhälter Bürec schließlich, weil der ein Mädchen einfach nicht gehen lassen will.

Die Kommissarin lässt sich vom Callboy verwöhnen

Es ist eine trübe und harte Welt, die im Norden der Ruhrmetropole herrscht. Rund um den Borsigplatz, wo die Wiege des heute wieder erfolgreichen Fußballclubs Borussia Dortmund steht, regiert Hoffnungslosigkeit. Das Viertel ist im Würgegriff der türkischen Mafia. Deswegen weint dem Toten keiner eine Träne nach, während er so daliegt, nennt ihn ein Polizist "Drogenhändler, Zuhälter, Vollarschloch".

Auch untereinander gehen die Kollegen keinen Deut freundlicher miteinander um: "Sind Sie aus Dortmund oder Düsseldorf", bellt Faber seinen Kollegen Daniel Kossik (Stefan Konarske) an, als der sich weigert in einen Müllcontainer zu klettern. Kossik kommt aber gerade aus dem Bett seiner Kollegin Nora Dalay (Aylin Tezel), mit der er eine - den Zuschauer auf Dauer ziemlich nervende - Affäre hat. Die Vierte im Bunde, Hauptkommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) verlässt irgendwann entnervt das Büro und brüllt: "Ich mache Feierabend. Ich werd' hier noch verrückt." Um anschließend ins Hotel zu gehen und sich von einem Callboy verwöhnen zu lassen.

Und Faber? Der wird von einem Kollegen anonym gemobbt, der ihm Zeitungsartikel über den Unfalltod seiner Frau und Tochter in die Schublade legt. Das reißt alte Wunden wieder auf: Der Kommissar schluckt Pillen, besäuft sich ("Noch zwei Kurze. Wir sind ja nicht zum Spaß hier") und landet schließlich in der Ausnüchterungszelle.

Nicht Sonntagabend-kompatibel

In der letzten Szene findet Faber auf seinem Platz Fotos seiner toten Frau. Sie hat kurz nach dem Unfall noch gelebt. Hätte sie gerettet werden können? Der Zweifel nagt jedenfalls an dem Witwer: Er greift erneut zum Baseballschläger und schlägt alles kurz und klein. Diesmal nicht zu Ermittlungszwecken. Jetzt ist er wirklich irre geworden.

Dieser Kommissar ist ein Solitär im deutschen Fernsehen. Aus all den lauwarmen, politisch korrekten Ermittlerpersönlichkeiten ragt er heraus, Jörg Hartmann liefert eine furiose Darstellung dieses traumatisierten Menschen. In den Besprechungen zum ersten Dortmunder Fall wurde sein Faber häufig als "Schimanskis Erbe" bezeichnet. Nicht zu Unrecht: Auch der von Götz George gespielte Horst Schimanski bestach nicht gerade durch Teamfähigkeit, er war aggressiv und schlug ebenfalls gerne über die Stränge.

Doch Jörg Hartmanns Figur ist noch radikaler als Schimi. Der sah in einem seiner ersten Fälle wie ein Fernseher aus einem Fenster flog. Hätte es sich um einen Dortmund-"Tatort" gehandelt, wäre Faber derjenige gewesen, der den Fernseher herausschleudert. Denn sein Zerstörungspotenzial ist kaum unter Kontrolle zu bringen. Es bleibt zu hoffen, dass auch die WDR-Redakteure diesen so genialen wie desktruktiven Menschen nicht wieder zähmen und glätten. Faber ist nicht Sonntagabend-kompatibel. Genau deswegen lohnt es sich, mit ihm den Sonntagabend zu verbringen.

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