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Leichen pflastern die Verliererstraße

Eine Schwangere stirbt nach einem Überfall und ein erpresster Streifenpolizist steht den Ermittlungen im Weg. Den Machern des Leipziger "Tatorts" ist ein dichtes, sehenswertes Dramaknäuel gelungen.

Von Niels Kruse

  Leider alltägliche Gewalt: Das abgerissene Trio Tobias, Marcel und Robin tritt auf das am Boden liegende Ehepaar Winkler ein.

Leider alltägliche Gewalt: Das abgerissene Trio Tobias, Marcel und Robin tritt auf das am Boden liegende Ehepaar Winkler ein.

Es gibt keine verlässliche Zahlen darüber, wie oft sich die Großstadt von ihrer ekelhaften Seite zeigt. Etwa, wenn ein paar gescheiterte Kids ihre Zeit mit literweise Bier totgeschlagen. Und sie, aufgeputscht von Alkohol und sich selbst, in der Straßenbahn rumpöbeln und diejenigen, die den Mut haben, sich ihnen entgegenzustellen, halb tot prügeln.

Eigentlich würde schon ein solcher Vorfall reichen, um einen "Tatort" füllen. Die neue Folge aus Leipzig nimmt das Phänomen Bahn-Schläger aber als Ausgangspunkt, um gleich mehrere große Dramen miteinander zu verknäulen.

Da wäre das Trio um Polizistensohn Tobias (Jonas Nay). Befreundet mit den beiden Verlierern Marcel (Antonio Wannek) und Robin (Vincent Krüger) überfällt es nach einer Straßenbahnfahrt ein Ehepaar und schlägt es zusammen. Die im fünften Monat schwangere Frau (Anne Winkler gespielt von Natascha Paulick) hatte die jungen Männer zuvor aufgefordert, die anderen Fahrgäste in Ruhe zu lassen. Schwerverletzt muss sie auf die Intensivstation, ihr Kind verliert sie und stirbt später sie an den Folgen der Verletzungen. Ihr Mann (Stefan Kurt) verzweifelt am Verlust und versucht die Täter auf eigene Faust zu stellen.

Der Polizist als unvernünftiger und besorgter Vater

Tobias Vater Phillip Rahn (Wotan Wilke Möhring) ist Zeuge des brutalen Überfalls , bricht die Verfolgung der drei aber ab, als er seinen Sohn erkennt. Anschließend versucht er ihn vor den Ermittlerkollegen Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) zu decken. Was auf dem ersten Blick wie ein verständlicher Reflex eines unvernünftigen aber besorgten Vaters wirkt, entpuppt sich als reiner Selbstschutz. Denn der Kumpel seines Sohnes, der mehrfach vorbestrafte Marcel, erpresst den Streifenpolizisten mit einem Video, das ihn bei der Vergewaltigung einer Kellnerin zeigt.

Und dann ist da noch Rahns Partner und Nachtstreifenkollege Peter Maurer (Rainer Piwek). Als Mitwisser ergibt sich er sich irgendwann seinem schlechten Gewissen und will auspacken. Doch in dem Augenblick, als er sein Geständnis ankündigt, wird er erschossen. Am Ende der Folge "Todesschütze" gibt es nur noch einen Haufen toter und verletzter Verlierer.

Der echte Fall Brunner stand Pate

Der neue Leipziger "Tatort" war offenbar vom echten Fall Dominik Brunner inspiriert. Der 50-jährige Manager hatte sich im September 2009 in der Münchener U-Bahn schützend zwischen Schüler und randalierenden Jugendlichen gestellt und wurde von der Schlägerbande zu Tode geprügelt.

Die Krimimacher (Drehbuch: Mario Giordano und Andreas Schlüter, Regiseur Johannes Grieser) haben den TV-Fall als eng gewebtes und tristes Sozialdrama inszeniert, und dabei dankenswerter Weise auf moralinsaures Betroffenheitsgehabe verzichtet. Auch wenn sie manch hölzerne Dialoge und auf das eine oder andere Klischee nicht verzichten konnten. Der junge Schläger Robin etwa wird von der eigenen Mutter "Asi" genannt. Und fast schon ein Krimiklassiker ist die Darstellung des örtlichen Polizeireporters als rücksichtsloses und arrogantes Ekelpaket.

Dass der 15. "Tatort" mit dem Ermittler-Team Saalfeld/Keppler an einigen Stellen etwas überambitioniert wirkt und doch 87 Minuten lang fesselt, liegt auch an der feinen Besetzung mit Wotan Wilke Möhring als zwielichtigem Streifenpolizisten, Stefan Kurt als entgleisendes Opfer sowie den drei Schlägertypen Antonio Wannek, Vincent Krüger und Jonas Nay. Martin Wuttke ist schauspielerisch ohnehin immer ein Bank, was großzügig über die oft steif wirkende Simone Thomalla hinweg blicken lässt.

Thomalla mag die "Tatort"-Flut nicht

Künftig wird das Leipziger Duo nur noch zweimal im Jahr zu sehen sein, denn der MDR zeigt nächstes Jahr einen neuen Sonntagabendkrimi aus Erfurt sowie zu Weihnachten einen "Event-Tatort" aus Weimar mit Christian Ulmen und Nora Tschirner. Fans von Wotan Wilke Möhring können sich zudem darauf freuen, ihn in künftig als Kommissar in Norddeutschland ermitteln zu sehen.

Zusammen mit dem neuen Team aus Dortmund sowie Till Schweiger in Hamburg hat die ARD ihre Erfolgsreihe innerhalb von nicht einmal zwei Jahren von 17 auf 21 "Tatorte" aufgebläht. Darstellerin Simone Thomalla missfällt die neue Vielfalt. "Viele Zuschauer wüssten kaum noch wer zu welchem Team gehört", sagte sie der "Superillu" und fürchtet, dass das Besondere am "Tatort" auf der Strecke bleibe und dass er dadurch immer mehr zu einem beliebigen Krimi wird. Solange aber immer wieder ein sehenswerter Fall wie "Todesschütze" dabei ist, braucht sich die ARD noch keine ernsthaften Qualitätssorgen zu machen.

Niels Kruse
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