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Blaupause für biedere Massenware

Die neue "Tatort"-Saison startet in Luzern. Das Ermittlerduo begibt sich in die Welt der kleinen Bauern und des großen Geldes. Trotz des dankbaren Themas reicht es nur für einen faden 08/15-Krimi.

Von Niels Kruse

Wer jemals mit dem Gedanken gespielt hat, Drehbuchschreiber oder Filmemacher zu werden, bekommt aus der Schweiz die perfekte Bedienungsanleitung. Szene für Szene führt der neue "Tatort" aus Luzern vor, wie ein typischer Sonntagabendkrimi gestrickt sein muss, um Gnade vor den ARD-Gremien zu finden. 89 sehr lange Minuten, die sich hervorragend zum Mitschreiben eignen. Die Folge "Hanglage mit Aussicht", man muss es leider so sagen, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie den Zuschauer nicht weiter belästigt.

Aber von Anfang an: Wie beginnt ein klassischer "Tatort"? Mit ein paar falltypischen Impressionen. Also: Kameraschwenk über Lebensmittel, Vierwaldstättersee und Seilbahn. Danach muss ein Dialog mit den Hauptpersonen folgen, der den Konflikt anreißt ("Die Schweiz gehört uns allen") und auf dessen Inhalt am Ende noch einmal zurückgegriffen wird. Anschließend betritt das Opfer die Szenerie, um ein paar Einstellungen später tot aufgefunden zu werden.

Der Kollegin erklären, was sie zu machen hat

Nach den ersten fünf Minuten bekommen die Kommissare ihren ersten Auftritt: Seit die Schweiz wieder beim "Tatort" dabei ist, ermittelt zum dritten Mal das Duo Reto Flückinger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer). Krimi-Standard ist auch, dass die Beamten ihren Kollegen von der Spurensicherung erzählen, wie sie ihre Arbeit zu machen haben: "Das Handy - schaut mal, was man da noch rausholen kann", sagt Flückinger also zu seiner Mitarbeiterin, die pflichtschuldig handelt, als wäre sie da nicht selbst darauf gekommen.

Nun muss natürlich der Tote skizziert werden: Bei ihm handelt es sich um Benjamin Gross, ein Mann im allerbesten Alter, der mit der deutlich jüngeren Bergrestaurantbesitzerin Claudia Arnold (Sarah Sophia Meyer) angebandelt hat, was wiederum deren Vater Rolf (Peter Freiburghaus, schauspielerisches Highlight dieses "Tatorts") nicht passt. Die Ausgangskonstellation ist also klar: Der alte Mann, bereits vielfach polizeiauffällig geworden, hat den nahezu gleichaltrigen Liebhaber seiner Tochter von der Seilbahn aus in den Tod befördert.

Der erstbeste Verdächtige ist natürlich der Falsche

Diese Theorie findet auch schnell bei den anderen Beteiligten Gefallen, unter anderem bei Flückingers Dienstherrn, bei seinem direkten Vorgesetzten und selbst bei Liz Ritschard - ist aber natürlich viel zu einfach. Es wird Zeit für die Entwicklung der Figur des Kommissars. Der zweifelt und muss sich daher den Spruch anhören, der immer fällt, wenn Polizeibeamte in Krimis nicht so funktionieren, wie sie sollten: "Was ist eigentlich los mit dir?" Doch dann stößt er auf den Ex-Freund von Gastronomin Claudia, der wiederum flieht, und damit einen wunderbaren zweiten Verdächtigen abgibt.

Weil nun alles wieder offen ist, können die beiden Polizisten tiefer in die Ermittlungen einsteigen. Es stellt sich heraus, dass die Arnolds kurz vor der Pleite stehen. Der finanzkräftige Benjamin Gross will ihnen deshalb 250.000 Franken zur Verfügung stellen - für eine "sanfte Modernisierung". Das allerdings ist nur die halbe Wahrheit. Denn hinter dem Rücken von Vater und Tochter hat er bereits ein Luxus-Wellnesshotel geplant. Dafür allerdings braucht er die Unterstützung der Politik – und bekommt sie auch. Dank Regierungsrat Mattmann, dem Dienstherrn der beiden Kommissare.

Fader Blaupausen-Charakter

Damit ist die obligatorische sozialkritische Ebene erreicht, die in keinem "Tatort" fehlen darf. Schade, dass Regisseurin Sabine Boss und Drehbuchautor Felix Benesch der Hintergrundgeschichte nicht mehr Platz eingeräumt haben, denn die hätte das Zeug für einen guten Krimi gehabt. Schwerreiche Investoren verleiben sich mithilfe von Behörden und Politik die Filetstücke des Landes ein und gehen dabei über Leichen. Für sich genommen vielleicht nicht spektakulär, doch allein, dass sich dabei die kruden Verschwörungstheorien des misanthropischen Rolf Arnold als wahr erweisen, hätte genug Stoff für ein spannendes Täter-Motiv-Ratespiel ergeben. Letztlich aber ist der Mord ein halber Unfall und der Täter ein verzweifelter Banker, was konsequent in den faden Blaupausen-Charakter dieses Schweizer "Tatorts" passt.

Immerhin: Während die ersten beiden Folgen aus Luzern deutlich hölzerner daherkamen, ist bei "Hanglage mit Aussicht" Besserung in Sicht. Wenn die Macher beim nächsten Mal außerdem noch auf Derrick-artige Stanzen wie "Ich war es wirklich nicht", "Er hat mir gedroht, was hätte ich denn machen sollen?" und "Er gab mir das Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen" verzichten, dann hat der Schweizer "Tatort" das Tal der Ödnis bald durchschritten.

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