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Bleiben Sie bloß gesund!

Die Kommissare Ritter und Stark ermitteln in dieser "Tatort"-Wiederholung in Ärztekreisen - und dringen in die Abgründe des Gesundheitssystems ein. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

Von Dieter Hoß

  Wird die kleine Sophie überleben? Mutter Susanne, Ritter und Stark hoffen

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Ganz zum Schluss in dieser "Tatort"-Wiederholung, als alle Fragen beantwortet sind, die Mörderin überführt und ein schwer krankes Mädchen gerettet ist, da bleibt den Kommissaren nur eins: davonzulaufen. Vor der Ausweglosigkeit, die sich während ihrer Ermittlungen vor ihnen ausgebreitet hat. Vor einem System, das Gleichbehandlung in Minuten ausdrückt, und das sich nur noch selbst verwaltet, statt seinem Zweck zu dienen. Vor der Festnahme einer Mörderin, die eigentlich eine verzweifelte, treu sorgende Mutter ist. Vor einem betrügerischen Arzt, der eigentlich Gutes tut, und vor einem Fall, für den es letztlich keine gerechte Lösung gibt.

In den vergangenen Jahren ist unser Gesundheitssystem in so manchem Fernsehfilm thematisiert worden. Erinnert sei nur an die beiden großen Doku-Fiktionen "2030 – Aufstand der Alten" und "2030 – Aufstand der Jungen". Darin wird eine zukünftige Gesellschaft gezeigt, in der sich nur wenige Wohlhabende überhaupt eine Behandlung leisten können. Solche aufgemotzten Produktionen inszenieren das Problem meist als Science fiction. Dabei ist die Zweiklassengesellschaft längst Realität. Der jüngste Berliner "Tatort" hat das glaubwürdig und eindrucksvoll beschrieben. Die vergleichsweise karge Inszenierung des Sonntagskrimis tut dabei gut.

Mal schwarz, mal weiß

Dinah Marte Golch, Autorin des mit einem Grimme-Preis ausgezeichneten Münchener "Tatorts" , ist unter Mitarbeit von Gerhard J. Rekel mit "Edel sei der Mensch und gesund" eine Geschichte gelungen, die überzeugt, weil sie ohne Schwarz-Weiß-Malerei auskommt. Die Kommissare Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) müssen bei ihren Ermittlungen erfahren, dass sich Gut und Böse längst nicht immer scharf trennen lassen. Schon gar nicht in einem Gesundheitssystem, in dem der Widerspruch zwischen hippokratischem Eid und Bürokratie Programm zu sein scheint.

So hilft der Arzt Dr. Gerhard Schmuckler (in seiner Verbissenheit treffend dargestellt von Dieter Mann) zwar seinen Patienten mit der bestmöglichen Medizin, doch da dies seine vorgegebene Budgetierung bei weitem übersteigt, kann er dies nur tun, indem er bei Abrechnungen mit Privatpatienten betrügt und die Existenz der Gemeinschaftspraxis mit seinem Sohn Martin (Thomas Scharff) aufs Spiel setzt. Martin Schmuckler ist dagegen ein Karrierist, dem der eigene Ruf wichtiger ist als das Wohl der Patienten – woran sich die Bürokratie, anders als am Handeln seines Vaters, nicht stört.

Auch Martins Wunsch-Partnerin Antje Berger (Julika Jenkins) denkt in erster Linie an die Karriere. Auch sie will mit dem Einstieg in die Praxis in erster Linie Geld verdienen und Renommee ernten. Anders als Schmuckler senior ist sie nicht zum Abrechnungsbetrug bereit, gefährdet damit aber das Leben ihrer kleinen Patientin Sophia Richthofen (Ella Lucy von Scheele) - und das, obwohl sie mit deren Mutter befreundet ist. Susanne Richthofen (Kirsten Block) wiederum wird - eine überraschende Wendung - zur Mörderin, weil sie darüber verzweifelt, dass Antje nicht mit den geeigneten Medikamenten helfen darf und will, obwohl die kleine Tochter sterbenskrank ist.

Die Motive aller Personen sind nachvollziehbar, und doch sind die Folgen ihres Handelns verwerflich. Mehr noch: Würden sie genau gegenteilig handeln, würden sie auf andere Weise Schuld auf sich laden. Alles klar, Herr Kommissar? So etwas nennt man ein Dilemma.

  Was ist hier los? Stark und Ritter lernen die Fallstricke des Gesundheitssystems kennen

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Die Zwänge verstehen

Für Ritter und Stark ist in diesem Fall dementsprechend wenig zu holen. Etwas ausrichten können sie letztlich nicht, aber sie können nach und nach die Zwänge verstehen, die durch das Gewirr aus teuren Medikamenten und knappen Kassen, hohen Behandlungskosten und Betrügereien sowie kalter Bürokratie und menschlichen Schicksalen entstehen.

In dieser Geschichte hat das Ermittlerpaar in erster Linie die Aufgabe, uns Zuschauer auf ihrem Weg in die Abgründe des Systems mitzunehmen. Das funktioniert. Am Ende möchte man am liebsten mit den Kommissaren davonlaufen, den nächsten Arzttermin schwänzen und die Krankenversicherung kündigen. Dass uns ohne unser Gesundheitssystem allerdings ebenfalls kaum geholfen sein dürfte, liegt auf der Hand. Wie heißt es doch so treffend in "Reformhaus Schmidt", der ehemaligen WDR-Radio-Persiflage auf die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt: "... und bleiben Sie gesund, anders wär' nämlich schlecht!"

Die "Tatort"-Folge "Edel sei der Mensch und gesund" wurde erstmals am 3. April 2011 ausgestrahlt.

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