HOME

Stern Logo Tatort

Wenn man nichts zu verlieren hat

Ein Junge wird entführt, es bleibt nur wenig Zeit, da er zu verdursten droht. Der Täter ist schnell gefasst, aber er will nichts sagen. So wird der Wiederholungs-"Tatort" zum Psychospiel.

Von Verena Pommerenke

Er hat nichts mehr zu verlieren: Kindesentführer Uwe Braun (Edgar Selge, l.) lässt sich von Kommissaren Ritter und Stark nicht entlocken, wo er den kleinen Benjamin versteckt hält.

Er hat nichts mehr zu verlieren: Kindesentführer Uwe Braun (Edgar Selge, l.) lässt sich von Kommissaren Ritter und Stark nicht entlocken, wo er den kleinen Benjamin versteckt hält.

Der achtjährige Benjamin Steiner spielt mit seiner Mutter im Garten ihrer Villa, die Schaukel knarrt übermäßig laut und die Musik verrät: Irgendetwas passiert gleich. Wenig später wird der Junge beim Schlagzeugunterricht entführt.

Zuerst wird der Verdacht auf die Eltern gelenkt. Die Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) befragen Benjamins Mutter ganz genau. Als Frau Steiner zur Beziehung zu ihrem Mann gefragt wird, zögert sie. Es scheint ein Problem, ein Geheimnis zu geben. Hat Vater Hermann Steiner auf seinen Geschäftsreisen eine Affäre? Will sich die Mutter an ihm rächen? Auch der Vater wirkt verdächtig.

Alles ist ruhig im Haus der Steiners, jede kleine Bewegung und Mimik der Eltern kann genau analysiert werden. Der Zuschauer beobachtet, ob sich einer von beiden in Widersprüche verstrickt, verrät, die Nerven verliert. Doch es ist nur eine falsche Fährte: Beide Elternteile sind unschuldig.

Psychopath oder Profi

Das Rätselraten um den Täter hat ein schnelles Ende. Bei der Lösegeldübergabe mit Polizeiüberwachung winkt der Entführer Uwe Braun (Edgar Selge) die Kommissare zu sich. Erst scheint es, als wäre er ein Psychopath. Doch dann merken die Ermittler: Braun handelt wie ein Profi, hat jeden Schritt durchgeplant - und weil er schon lange mit dem Leben abgeschlossen hat, hat er nichts mehr zu verlieren. Daher ist er durch keine Drohung der Kommissare zu erreichen. Ritter und Stark schaffen es nicht, ihm den Aufenthaltsort von Benjamin zu entlocken.

Alle sind machtlos. Die Berliner "Tatort"-Folge von 2013, die am Sonntag wiederholt wurde, konzentriert sich auf allen Ebenen auf dieses Gefühl: Eltern und Polizisten sind häufig von Weitem in der Totale zu sehen und wirken dadurch klein und hilflos. Auch auf ihrem Sofa sitzen die Steiners kraftlos zusammengesunken. Niemand fällt durch große Handlungen auf - denn man kann nichts tun. Stark und Ritter lassen die Köpfe hängen, atmen tief. Sie haben keine Waffen gegen diesen Täter.

Die Uhr tickt

Obwohl der Fall ruhig und langsam erzählt wird, wenig auf Action-Szenen setzt, ist er spannend. Denn den Kommissaren, Eltern und Benjamin läuft die Zeit davon: In wenigen Tagen ist die halbe Flasche Wasser leer, die dem entführten Kind noch bleibt, und Benjamin verdurstet. Durch die tickende Uhr steigt der Druck, eine schnelle Lösung zu finden. Dass Ritter und Stark dem Entführer aber immer wieder mit den gleichen Fragen in dem kleinen Vernehmungszimmer gegenübertreten, nervt nicht nur den Täter. Die letzte Szene hätte es nicht mehr gebraucht, sie bringt der Geschichte nur unnötige Längen.

Die Krimifolge lebt vor allem von ihrem Tiefgang. Die Personen sind komplex und zeigen im Lauf der Geschichte andere Facetten von sich: Benjamins Vater wird zunächst als kalt, egoistisch und profitgierig gezeichnet. Später wandelt er sich zum schwachen, besorgten Familienmenschen, der vor Angst kollabiert.

Psychospiel mit Tiefgang

Und auch Uwe Braun, der keine Perspektive für sich sieht und keine emotionalen Reaktionen zeigt, lässt sich erweichen, als ihm sein eigener Sohn nach langer Zeit gegenübersteht und ihn eindringlich als "Papa" anspricht. Diese Begegnung und das emotionale Gespräch mit Benjamins Mutter können ihn am Ende umstimmen.

Dieser "Tatort" ist ein bewegendes Psychospiel mit Tiefgang, das dadurch überzeugt, dass es sich auf die Machtlosigkeit konzentriert und nicht alles gleichzeitig sein will. So einen Krimi kann man sich in der Wiederholung noch einmal anschauen - die Spannung bleibt.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo

Partner-Tools