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Nicht jedes Lagerfeuer wärmt noch

Lange Jahre war "Wetten, dass ..?" das große Lagerfeuer, um das sich die TV-Nation versammelt hat. Doch die Show schwächelt. Dagegen erfreut sich der "Tatort" ungeahnter Beliebtheit. Warum ist das so?

Von Carsten Heidböhmer

  Rekordquote für den Münster-"Tatort" mit Jan Josef Liefers, Axel Prahl und als Gaststar Roland Kaiser: An diesem Lagerfreuer wärmt sich die Nation gerne.

Rekordquote für den Münster-"Tatort" mit Jan Josef Liefers, Axel Prahl und als Gaststar Roland Kaiser: An diesem Lagerfreuer wärmt sich die Nation gerne.

Konkurrenz belebt das Geschäft. Sicher, es ist eine Platitüde, doch sie erklärt sehr gut, wieso der "Tatort" derzeit von Erfolg zu Erfolg eilt, quasi im Wochentakt Bestmarken aufstellt. Seit November haben gleich drei Folgen mehr als 12 Millionen Zuschauer gehabt, die Fälle in diesem Jahr sahen durchschnittlich 9,69 Millionen. 1998 hatten im Schnitt weniger als 7 Millionen Menschen den "Tatort" eingeschaltet. Seither geht es kontinuierlich aufwärts.

Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der ermittelnden Teams spürbar vermehrt, es kamen neue Städte und Gegenden hinzu, vor allem konnte die Krimireihe hochkarätige Schauspieler und Publikumslieblinge gewinnen. Das Resultat ist eine Mischung, die dem Publikum ganz offensichtlich zu schmecken scheint.

Heimische Prominenz statt Weltstars

Mit dem gleichen Prinzip lässt sich auch erklären, weshalb "Wetten, dass ..?", lange Jahre das große Lagerfeuer der TV-Nation, nicht mehr wärmt. Über Jahrzehnte war die Show der Quotenbringer im Fernsehen, galt als Europas größte TV-Show. Noch unter Thomas Gottschalk setzte der Niedergang ein. Sein Nachfolger Markus Lanz profitierte kurzzeitig von der Neugierde nach dem Moderatorenwechsel, doch auch er konnte den Abstieg nicht aufhalten.

Das liegt nur zum geringsten Teil an Lanz selbst. Problematisch ist die konzeptionelle Änderung weg von internationalen Topstars hin zu deutschen Prominenten. Das mag auf den ersten Blick sympathisch klingen: Keine Hollywood-Schauspieler, die mal kurz reinschauen und dann schnell zum Flieger müssen. Wer zu Lanz kommt, verfügt über viel freie Zeit.

Eintopf statt Gala-Diner

Wer das ist, konnte man am Samstagabend sehen: Mit Peter Weck, Oliver Pocher, Anna Loos und Heiner Lauterbach war nicht einmal die erste Riege der heimischen Prominenz anwesend. Zwar waren auch 50 Cent und Michael Bublé gekommen - doch die konnten die Runde nur wenig bereichern. Nicht wenige waren am Ende des Abends der Meinung, Pocher sei der unterhaltsamste Gast gewesen. Die bonde Nervensäge als Unterhaltungsgranate - so weit ist es schon gekommen!

War Thomas Gottschalk noch der - zugegeben: oft schlecht vorbereitete - Conférencier einer internationalen Society, die sich bei "Wetten, dass ..?" die Klinke in die Hand drückt, gibt's nun zumeist Hausmannskost, Eintopf statt Gala-Dinner. Am deutlichsten wird die neue Ausrichtung in der Person der Assistentin. Verströmte Michelle Hunziker an der Seite von Gottschalk noch Glanz, Glamour und eine ordentliche Prise Sexyness, so ist Cindy aus Marzahn in ihrem rosa Trainigsanzug das fleischgewordene Symbol der gegenwärtigen Ödnis im Merkel-Deutschland.

Die Crème de la Crème der deutschen Schauspielriege

Ganz anders der Weg, den der "Tatort" seit einigen Jahren erfolgreich geht. Hier gibt's keinerlei Selbstbeschränkung, stattdessen versammelt sich Sonntag für Sonntag die Crème de la Crème der deutschen Schauspielriege auf dem Bildschirm. Jan Josef Liefers und Axel Prahl, Devid Striesow, Wotan Wilke Möring, Axel Milberg, Joachim Król, Ulrich Tukur, Jörg Hartmann, um nur einige zu nennen. Dazu gesellen sich Publikumslieblinge wie Til Schweiger, Maria Furtwängler, Simone Thomalla, und bald auch Christian Ulmen und Nora Tschirner.

Die personelle Diversität wird von einer Vielfalt an verschiedenen Konzepten begleitet: Hamburg liefert den harten Großstadtkrimis, Münster Provinzklamauk, Köln Sozialrealismus, Dortmund lässt einen Borderliner auf die Verbrecher los, im Saarland ermittelt ein hyperaktiver Clown - und Wiesbaden schickt einen Ermittler mit einem Hirntumor namens Lilly ins Rennen.

"Tatort" als Wundertüte

Bei dieser Fülle an Schauspielern und Krimi-Varianten findet jeder Zuschauer seinen Favoriten, frei nach dem Motto: jedem Tierchen sein Pläsierchen. Der "Tatort" funktioniert wie eine Wundertüte. Manchmal wird man positiv überrascht, oft enttäuscht - aber man schaltet doch immer wieder ein.

Der Sonntagabend ist der ideale Zeitpunkt für diese Sendung. Sie liegt an der Grenze zwischen Wochenende und Arbeitsbeginn. Da möchte man einerseits Gewohntes - deswegen ist der immergleiche Vorspann mit der Titelmelodie so wichtig, man möchte sich aber auch ein bisschen überraschen lassen. Und dann am Montag mit den Kollegen darüber diskutieren.

Die Sehnsucht nach einem Lagerfeuer, um das sich die TV-Nation versammelt, sie ist noch immer da. Der "Tatort" vermag sie zu stillen - "Wetten, dass ..?" dagegen immer weniger.

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