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Schimanskis Erbe markiert sein Revier

Gelungener Einstand im Ruhrpott: Gleich vier attraktive Kommissare ermitteln unter schwulen Bargästen und radikalen Christen. Plus: die haarsträubendste Provokation der "Tatort"-Geschichte.

Von Jan Rößmann

  Peter Faber (Jörg Hartmann) leitet die Dortmunder Mordkommission und sichert auch mal Spuren. Er und seine Jacke treten in die Fußstapfen des Pott-"Tatort"-Altmeisters Schimanski (Götz George)

Peter Faber (Jörg Hartmann) leitet die Dortmunder Mordkommission und sichert auch mal Spuren. Er und seine Jacke treten in die Fußstapfen des Pott-"Tatort"-Altmeisters Schimanski (Götz George)

  • Jan Rößmann

Enger können zwei Ermittler kaum zusammenarbeiten: Zu Beginn der Dortmunder Premiere wälzt sich die jüngste Kommissarin der "Tatort"-Geschichte (Aylin Tezel, siehe Kasten) nackt mit ihrem Kollegen Daniel Kossik (Stefan Konarske) im Bett. Gleichzeitig erschlägt der Täter einen jungen Mann mit einem Computerbildschirm. Regisseur Thomas Jauch präsentiert den Tod des Mordopfers und la petite mort, den "kleinen Tod", wie der Orgasmus auf Französisch umschrieben wird, direkt hintereinander in Großaufnahme.

Doch Sex und Gewalt sind hier nicht nur eine effektvolle Werbung für den Einstand des Ruhrpott-Teams, sondern auch ein früher Hinweis auf die Lösung des Falls. Elegant. Unterm Strich ist die Folge "Alter Ego" allerdings keine große Kunst, sondern nur eine solide "Tatort"-Premiere mit gleich vier Kommissaren im Dauerstreit und ein paar kauzigen Nebenfiguren. Es muss ja auch nicht gleich der große Wurf sein: Das Dortmund-Debüt ist unterhaltsam. Die Protagonisten zeigen Potenzial. Das reicht für Sonntagabend.

Bei der Whodunit-Mördersuche unter radikalen Christen, aalglatten Unternehmern und schwulen Bargängern fragt sich das Publikum unweigerlich, wie politisch korrekt Drehbuchschreiber Jürgen Werner das Leben im Revier zeichnet. Dürfen "auch Lesbische, Schwule, Behinderte […] ätzend sein" (Funny van Dannen)? Oder entpuppen sich - wie in einem Oliver-Stone-Film - zwangsläufig verbitterte Konservative als Ursprung des Bösen? Pfiffige erinnern sich an die Verquickung von Sex und Mord in der Anfangsszene und ahnen die Antwort.

"Alles ändert sich. Datt is so und datt bleibt so"

Das Publikum muss ohnehin nicht befürchten, beim deutschen Wochenendritual von wilden Erzählmustern überrascht zu werden - wie etwa beim ersten Fall des früheren Hamburger Undercover-Ermittlers Cenk Batu (Mehmet Kurtulus). Mehr als die obligatorische Indizienjagd halten die Konflikte der vier Kommissare bei der Stange. Wobei die eine Hälfte die andere an die Wand spielt. Gegenüber dem rauen und depressiven Peter Faber (Jörg Hartmann), der sich bis zur Selbstvergessenheit mit dem Täter identifiziert, rückt seine blasse Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt) in den Hintergrund. Bönisch soll sich als zweifache Mutter in die Opfer einfühlen können, wirkt aber distanzierter als ihr polternder Partner im Parker. Die Jacke steht dem unfreundlichen Teamleiter. Nach dem Trenchcoat des Essener Ermittlers Haferkamp und Schimanskis miefigem Windbrecher scheint Hartmann endgültig die charakteristische Oberbekleidung als Symbol des Revierkommissars etablieren zu wollen. Die Widmung an die Vorgänger geht in Ordnung.

Der Träger des Deutschen Fernsehpreises brilliert vor allem Auge in Auge mit den fiesen Jungs. Es wird intensiv, wenn Faber auf Tuchfühlung mit der Kollegin den Mord nachspielt - oder den spießigen Ingenieur Hendrik Strehlsen (Michael Rotschopf) in dessen Wohnzimmer provoziert. Gekonnt inszeniert sorgt der Höhepunkt des Abends für Gänsehaut: Killer küsst Kommissar. Brrrr.

In der jungen Garde degradiert hingegen die ehrgeizige Nora Dalay (Tezel) ihren beleidigten Lover zum Sidekick. Doch der Beziehungskrach macht die Dortmunder authentisch: Probleme, wie im eigenen Büro. Auch die Nebenfiguren sind mit Liebe geschrieben - vom kauzigen Taubenzüchter bis zum schroffen Hausmeister-Original mit dem Ruhrpott-Bonmot des Abends: "Alles ändert sich. Datt is so und datt bleibt so."

Der wirkliche Ursprung des Bösen

Die Revier-Kulisse wirkt leider streckenweise, als hätte sich die Drehbuchschreiber vor ihrer Arbeit mit dem Stadtmarketing zusammengesetzt: "Leute, wir müssen auch den erfolgreichen Strukturwandel im Pott zeigen: Hightech statt Hochöfen. Und so schwenkt die Kamera nicht nur über unvermeidliche Fördertürme und rauchende Schlote, sondern auch durch eine chromglänzende Roboterschmiede. Die "Tatort"-Macher haben es nicht verstanden: Der Ruhrpott ist wegen der bodenständigen Menschen und der kulturellen Vielfalt sympathisch - nicht wegen inszenierter Marktkonformität und ein paar Androidenbastlern.

Nichtsdestotrotz kann der Zuschauer mit diesem neuen "Tatort"-Team einen spannenden Sonntagabend verbringen. Die Schauspieler präsentieren Charaktere mit Identifikationspotenzial, Kamera- und Regiearbeit überzeugen. Und nebenbei wagt der Drehbuchautor die haarsträubendste Provokation der "Tatort"-Geschichte seit Til Schweigers Vorspann-Genöle: Der neue Dortmunder Hauptkommissar gibt sich als Schalke-Fan.

Wir schalten trotzdem ein, wenn das Ruhrpott-Quartett am 11. November zum zweiten Mal tief im Westen ermittelt. Vielleicht war die Nummer mit dem Schalke-Fan auch nur ein mieser Witz.

Ach so: Der Ursprung des Bösen ist dann irgendwie doch ein verbitterter Konservativer.

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