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Ein Jahrhundertschauspieler - doch eine Rolle überstrahlte alles

Götz George gehörte zu den größten Schauspielern des Landes, er wirkte in zahllosen Filmen mit. Und doch überstrahlte eine Rolle alles: Sein "Tatort"-Kommissar Horst Schimanski wurde im grauen Parka zur Kult-Figur.

Von Carsten Heidböhmer

Götz George

Götz George in seiner bekanntesten Rolle als Horst Schimanski

Deutschland trauert um einen seiner größten Charakterdarsteller. Wie am Sonntag bekannt wurde, ist Götz George am 19. Juni nach kurzer Krankheit im Alter von 77 Jahre verstorben. Als Sohn des Schauspielerehepaars Heinrich George und Berta Drews war ihm sein Beruf quasi in die Wiege gelegt. 

Seit den 50er Jahren wirkte er in zahlreichen deutschen Kinoproduktionen mit. Große Popularität verschafften ihm seine Rollen in mehreren Karl-May-Verfilmungen der 60er Jahre.  In den 70ern widmete sich George dem Theater, daneben übernahm er zahlreiche Fernsehrollen. Später prägte er viele Kinofilme, darunter die Helmut-Dietl-Werke "Schtonk!", "Rossini" und "Zettl", kontroverse Thriller wie "Abwärts", "Die Katze" oder "Solo für Klarinette". Auch seine Darbietung des  Serienmörders Fritz Haarmann in Romuald Karmakars "Der Totmacher" bleibt unvergessen. Und doch war es eine TV-Rolle, die seiner Karriere ab 1981 den Stempel aufdrückte.

"Tatort"-Kommissar Horst Schimanski

Es ist heute nur schwer vorstellbar, welchen Wirbel der erste Auftritt Horst Schimanskis vor 32 Jahren, am 28. Juni 1981, verursacht hat. Lokalpolitiker waren entsetzt von dem Bild, das die "Tatort"-Folge "Duisburg-Ruhrort" von ihrer Stadt gezeichnet hat. Auch die Presse jaulte auf: "Der Ruhrpott kocht: Sind wir alle Mörder oder Trinker?", titelte die "Bild am Sonntag". Die "Neue Ruhr Zeitung" forderte gar: "Werft den Prügel-Kommissar aus dem Programm!" Einzig die linksalternative "tageszeitung" freute sich: "Solche Bullen braucht das Land."

Mit der Zeit freundeten sich die Stadt Duisburg und die Region mit dem von Götz George gespielten Kommissar an, denn durch Schimanski bekam der Pott ein Gesicht und Profil.

Vulgäre Ausdrucksweise

Der Proll-Kommissar mischte die biedere deutsche TV-Landschaft der frühen 80er Jahre gehörig auf: Er war ein Einzelgänger, hauste in einer verdreckten Bude, trank zuviel und bediente sich einer expliziten, vulgären Ausdrucksweise. Kaum ein Satz ohne Kraftausdruck - das war Deutschland nicht gewohnt. Gleich seine erste Zeile war programmatisch für die Figur: "Hotte, Du Idiot, hör auf mit der Scheiße!" Entsprechend pikiert reagierte vor allem das Bildungsbürgertum auf den neuen Ermittler.

Wie radikal Schimanski damals gewirkt haben muss, lässt sich erst ermessen, wenn man ihn mit seinem braven Vorgänger vergleicht, dem von Hansjörg Felmy gespielten Kommissar Heinz Haferkamp. Gleich in der ersten Folge macht Schimmi klar, dass eine neue Epoche angebrochen ist und sein Vorgänger zum alten Eisen gehört: Er schnürt seinen offenen Schuh an einer Plakatwand, auf der Felmys Konferfei zu sehen ist - der Schauspieler warb damals für einen Fotoapparat. Kurz bevor Schimanski weitergeht, dreht er sich noch einmal um und wirft ihm einen spöttischen Blick zu. Hansjörg Felmy hat diese Szene persönlich genommen und als äußerst unkollegial empfunden.


Götz George bewies Mut zur Hässlichkeit

Gemeint war mit der abschätzigen Geste aber nicht Felmy persönlich, sonder ein bestimmtes, gediegenes "Tatort"-Verständnis, das vorherrschte. Der TV-Krimi bestand damals aus älteren Herren, die in langen Trenchcoats herumschlurften, Menschen verhörten und sich dabei einer Sprache bedienten, die im echten Leben niemand verwendete. Mit dem Parka tragenden Schimmi übernahm eine neue Generation das Ruder. "Es waren alles 68er, die dabei waren", erinnert sich George in einer TV-Doku über die Entstehung der Figur. Entwickelt wurde sie von den Drehbuchautoren Bernd Schwamm und Martin Gies, dem Regisseur Hajo Gies sowie Götz George.

Auch wenn Schimanski kein politischer Mensch war, so verfolgte der Duisburg-"Tatort" viele Anliegen der 68er: Denen ging es darum, die Gesellschaft realistisch zu beschreiben, mit all ihren Problemen und in all ihrer Hässlichkeit. Insofern war Duisburg der ideale Schauplatz für diese Art von Film, denn in der Stadt kulminierten all die Probleme, die der Strukturwandel dem Ruhrgebiet bescherte: brach liegende Industrieanlagen, heruntergekommene Wohnviertel und hohe Arbeitslosigkeit. Mit Schimanski hielt dieser Realismus Einzug in das deutsche Fernsehen. Ein großes Verdienst, auf das "Tatort"-Erfinder Gunther Witte noch heute stolz ist. Unter den mehr als 100 Figuren sei Schimanski denn auch bis heute seine liebste, wie er vor ein Paar Jahren dem stern sagte.

1991 quittierte Schimmi seinen Polizeidienst

Doch die Figur Schimanski hätte nur halb so gut funktioniert, wäre da nicht sein Fliege tragender Partner Christian Thanner gewesen, gespielt von dem 1994 verstorbenen Eberhard Feik. Der war in jeder Hinsicht sein Antipode: autoritätshörig, bürgerlich, verheiratet und ordnungsliebend. Kurzum: ein Spießbürger, wie er im Buche steht. Doch gerade weil er so anders war, stimmte die Chemie zwischen den beiden. Zwischen 1981 und 1991 hatten sie insgesamt 29 gemeinsame Einsätze. 1997 nahm die ARD die Figur wieder ins Programm - allerdings außerhalb der "Tatort"-Reihe. In der schlicht "Schimanski" betitelten Serie unterstützt er als Privatermittler Polizei und Staatsanwaltschaft. Seinen Polizeidienst hatte Schimmi in seiner letzten "Tatort"-Folge 1991 quittiert.

Damals war er mit einem Drachen davongeflogen. Ein letztes Wort brüllte er noch in den Himmel über Duisburg. Und es ist dieses Wort, das zahllosen Fans des Schauspielers anlässlich der Nachricht seines Todes spontan in sozialen Netzwerken posteten: "Scheiße".

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