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Amoklauf der Gefühle

Online-Mobbing, Ballerspiele, Amoklauf in der Schule. So reißerisch die Koordinaten klingen: Der Lena-Odenthal-"Tatort" lebte von stillen Momenten und der großartigen Leistung zweier Jungdarsteller.

Von Annette Berger

Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kopper (Andreas Hoppe) untersuchen einen illegalen Schießplatz im Wald. Nach dieser Szene nimmt der "Tatort" richtig Fahrt auf.

Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kopper (Andreas Hoppe) untersuchen einen illegalen Schießplatz im Wald. Nach dieser Szene nimmt der "Tatort" richtig Fahrt auf.

Um das Mordopfer ist es nicht schade - der Mörder hat der Welt quasi einen Gefallen getan. Solche Äußerungen fallen mehrmals in der "Tatort"-Folge "Freunde bis in den Tod". Denn Abiturient Ron Klaas, der in einem Wald mit einem Gewehr aus nächster Nähe erschossen wurde, plante einen Amoklauf in seiner Schule. Rons Mörder verhinderte ein Blutbad, eigentlich ist der Täter ein Held.

Klingt simpel und ist dabei nicht das Ende dieses "Tatorts" (Regie: Nicolai Rohde/Drehbuch: Harald Göckeritz), sondern dessen Ausgangspunkt. Doch simpel ist diese Geschichte nicht - ganz im Gegenteil. Der jüngste Fall für das Ermittlerduo Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) entspinnt sich Stück für Stück zum Psychokrimi. Wie plant man einen Amoklauf? Sieht man über Wochen seinen Freunden in die Augen und weiß: "Dich werde ich demnächst erschießen?" Diese Frage stellt sich Odenthal. Der Krimi geht aber weit darüber hinaus. Wie werden Menschen damit fertig, dass sie jemanden lieben, der unnahbar ist bis hin zur physischen Gewalt? Und sind Beziehungen überhaupt möglich, wenn alles Private jederzeit veröffentlicht werden kann, per Video im Internet? Der Krimi stellt viele kluge Fragen. Und gibt - zum Glück - keine Antworten.

Zum Einstieg etwas unbeholfen

Schade, dass das alles zu Beginn dieses "Tatorts" noch nicht absehbar ist. Da werden schnell die Koordinaten der Geschichte erzählt, einige Szenen wirken durchgehechelt und etwas hölzern referiert, etwa wenn Odenthal und Kopper in einem Wald einen seltsamen Schießstand entdecken, kaum aus ihrem Auto gestiegen sind, noch nicht richtig auf den Boden geguckt haben und schon meinen: Merkwürdig, hier liegen ja gar keine Patronenhülsen herum. Es scheint, als sollte der Zuschauer flott mit den Eckdaten des Falles gefüttert werden, damit man endlich zum eigentlichen Teil der Handlung übergehen kann.

Wer dem Film bis hierher eine Chance gibt, wird belohnt. Wir tauchen ein in die Welt des Beinahe-Amokläufers - und zwar über einen Umweg. Ihn direkt lernen wir nicht kennen, sehen allenfalls ein paar verwackelte Handysequenzen von ihm, die wenige Tage vor seinem Tod entstanden.

Der "Tatort" zeigt uns stattdessen die Gefühle der Menschen, die dem Mordopfer nah waren, soweit man eben diesem hochbegabten und dabei arrogant-distanzierten Jungen überhaupt nah sein konnte. Ron verbrachte viel Zeit mit seinem besten Freund und Mitschüler Manu (Joel Basman) und seiner Mitschülerin Julia (Leonie Benesch). Mit Manu übte er schießen und plante den Amoklauf. Mit Julia schlief er, behandelte sie "wie Dreck", wie sie sagt, und verletzte sie mit seiner Kälte und seiner Gleichgültigkeit bis an den Rande des Wahnsinns. Sie ist über seinen Tod hinaus in ihn verliebt, trauert vor seinem Elternhaus, an seinem Grab.

Odenthal und Kopper schaffen es nur Stück für Stück, sich dem Kern der Geschichte zu nähern. Zu fremd ist diese Welt. Oberflächlich betrachtet ist es wohlhabender Mittelstand: schicke Einzelhäuser, Gymnasium. Darunter es ist eine latente Gewaltbereitschaft spürbar. Oder ist es etwa keine Gewalt, wenn man Mitschüler und Lehrer per Handy filmt, die Videos ins Netz hochlädt und sie dem Gespött der ganzen Welt aussetzt? Jugendliche haben sich schon wegen Internet-Mobbings umgebracht.

Monster in den Gängen der Schule erschießen

Und es ist eine Welt der Ballerspiele, Ron programmiert sie sogar. In einem flüchten die Monster durch die Gänge von Rons Schule, man muss die Monster töten, eben dort, in der Schule. Ein vertrauter Raum wird zum potenziellen Schauplatz eines Horrorszenarios. Dieses Videospiel ist der deutlichste Hinweis darauf, dass Ron einen Amoklauf vorhatte. Ob er es aber wirklich getan hätte? Diese Frage lässt der Film bis zum Schluss offen.

Dass die Welt dieses "Tatort" einerseits vertraut, andererseits aber völlig fremd ist, wird schon in der ersten Szene deutlich. Ein verwackeltes Handyvideo ist zu sehen. Ron hat es gedreht. Man sieht, wie die zwei Jungs mit einem Auto über einen dunklen Weg rasen, Ron beinahe einen Frontalcrash provoziert. Es folgen ein paar Filmszenen von Julia, ein Schwenk auf ihre Brüste. Sie ist angezogen. Videos von Julia hat Ron ins Internet gestellt, wollte noch mehr Filme von ihr ins Netz hochladen. Davor hat sie wahnsinnige Angst, bricht sogar nach Rons Tod in dessen Haus ein, um die Dateien zu suchen.

Ihre Emotionen spielen völlig verrückt. Die 22-jährige Leonie Benesch spielt die Rolle so verstörend eindringlich und intensiv, dass ihre Aussage gegen Ende des Krimis zum Glanzpunkt dieses "Tatorts" wird. Wir sehen die verheulte, verzweifelte Julia vor einer Leinwand, im Hintergrund läuft überlebensgroß das Handyvideo, das Ron von ihr gedreht hat. "Stellen sie das ab", bittet das Mädchen die Kommissarin.

Manu ist der "Freund bis in den Tod"

Freund Manu, gespielt von dem 23-jährigen Joel Basman, ist dagegen "reduziert", wie Odenthal es in einem Verhör nennt. Die Beschreibung passt auf die ganze Rolle. Er ist der Stille, der um seinen Freund trauert und zum Schluss des Krimis beinahe Rons Plan vollendet, in Camouflage-Kleidung, mit Sprengstoff und Pistole in seine Schule geht, um zu töten. Odenthal und Kopper stoppen ihn.

Manu hat inzwischen herausgefunden, wie Ron starb. Es war ein Unfall, als er ein Gewehr von einem Hehler kaufen wollte. Ron wurde also von jemandem getötet, dem er völlig gleichgültig war - so wie ihm anscheinend alle anderen Menschen gleichgültig waren.

Nichts Privates aus dem Leben der Ermittler

In diesem emotionsgeladen "Tatort" hatten Privatkram oder Beziehungskisten der Ermittler diesmal gar keinen Platz, wurden noch nicht einmal angedeutet. Auch das sollte man lobend an diesem Krimiabend erwähnen.

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