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Gesetzlos in Bremen

Ein krimineller arabischer Clan von mehreren hundert Mitgliedern terrorisiert Bremen, die "Tatort"-Kommissare schrumpfen zu Nebenfiguren. "Brüder" ist politisch völlig unkorrekt - und hochspannend.

Von Annette Berger

Tatort aus Bremen

Nach dem brutalen Angriff kann Polizist David Förster (Christoph Letkowski, M.) keinen der möglichen Täter identifizieren. Lügt der Beamte? Ein schwerer Brocken für das das "Tatort"-Ermittlerduo Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen, r.)

Ein junger, gut aussehender arabischer Schwerkrimineller steht in Bremen vor Gericht, die Zuschauer feiern ihn wie einen Star, johlen und klatschen Beifall, als sein Anwalt ihn erfolgreich gegen Anschuldigungen verteidigt. Kurzer Kameraschwenk auf eine ältere Frau mit Kopftuch. Die Clan-Mama sitzt im Gerichtssaal mitten unter den Zuschauern, knabbert belustigt Sonnenblumenkerne aus einem Plastiktütchen und scheint die Verhandlung nicht sonderlich ernst zu nehmen.

Ihr angeklagter Sohn, das lernt der Zuschauer im Verlauf des neuen Bremer "Tatorts", hält sich für unantastbar. Und mit dieser Einschätzung ist er nicht allein: Hassan Nidal (Dar Salim) handelt mit Rauschgift, ist schwerreich, bringt Menschen um und verbreitet mit seiner Großfamilie in Bremen Angst und Schrecken. Er ist das Gesetz, der Clan funktioniert nach eigenen Regeln, eine Parallelwelt mitten in Deutschland, ein rechtsfreier Raum. Was also soll diese dumme Gerichtsverhandlung?

Spiel mit den Klischees

Die Handlung der neuen Bremer "Tatort"-Folge "Brüder" begibt sich auf ein ebenso spannendes wie riskantes Terrain. Es geht um die kriminellen Machenschaften einer deutsch-arabischen Großfamilie, die sich weder durch Polizei noch durch die Justiz stoppen lässt. In der Realität gibt es solche Parallelgesellschaften in Deutschland auch, etwa in Berlin, aber auch in Bremen. Heikel ist der Stoff, weil er die Gefahr birgt, ins Klischeehafte oder gar Ausländerfeindliche abzugleiten. Regisseur Florian Baxmeyer sowie die Drehbuchautoren Wilfried Huismann und Dagmar Gabler liefern jedoch ein ganz unsentimentales Stück ab - von ein paar seichten Stellen in der zweiten Hälfte der Handlung einmal abgesehen.

Ausgangspunkt der Geschichte ist ein Polizeieinsatz, in dem der junge Polizist David Förster (Christoph Letkowski) und seine Kollegin Zeugen eines Mordes werden. Ein unliebsamer Kronzeuge der Machenschaften der Nidal-Großfamilie wird just aus dem Weg geräumt und purzelt dummerweise aus einem Transporter, während die Mörder eher zufällig von einer Polizeistreife kontrolliert werden. Was als harmlose Personenkontrolle an einem abgelegenen Ort in Bremen beginnt, eskaliert.

Polizist Förster versagt bei diesem Einsatz. Seine Waffe im Anschlag, bringt er es nicht über sich, auf die Gangster zu schießen. Der Beamte flüchtet vom Tatort und taucht erst Stunden später verwirrt, verletzt und beschämt wieder auf. Seine im Stich gelassene Kollegin aber wird von den Nidal-Brüdern ins Koma geprügelt und stirbt. Bei seinen Polizei-Kollegen gilt Förster fortan als Versager, wird auf seiner Dienststelle gemobbt. Zu dem missglückten Polizeieinsatz schweigt er.

"Tatort"-Kommissare am Rande der Handlung

Während das Kommissarsduo Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) in den folgenden Tagen versuchen, den fatalen Einsatz ihres Kollegen aufzuklären, begibt sich dieser auf seinen ganz privaten Feldzug gegen die Täter. Helfen soll ihm dabei ein alter Freund: Die zwei sind Kumpel aus der Kinderzeit. Mesut Sömnez (Matthias Weidenhöfer) gehörte ursprünglich auch zum Nidal-Clan und stieg aus, zehn Jahre dauerte das. Er verachtet seine kriminell-gewalttätige Familie, hat keinen Kontakt mehr. Jetzt aber soll er wieder Verbindung aufnehmen, so die Bitte seine Kumpels Förster. Mesut soll zum Lockvogel werden. Der abtrünnige Bruder als Verräter, der den Nidal-Clan der Polizei ausliefert. Die tote Polizistin soll gerächt werden.

Dieser "Tatort" ist vor allem brutal. Nicht, weil es besonders viele gewalttätige Szenen gäbe. Zwar wird angedeutet, wie die junge Polizistin ins tödliche Koma geprügelt wird. Doch der Zuschauer sieht die Gewalt nicht im Detail. Die Brutalität wird durch subtilere Mittel erzeugt. Dar Salim als Hassan Nidal zeigt eine unheimliche Brandbreite seiner Mimik, ist charmant zur Kommissarin Lürsen, um im nächsten Augenblick mit einem eiskalten Blick zu sagen, die Frau nerve ihn.

Salim in der Rolle des Clanchefs ist das Highlight des Krimis. Der 1977 in Bagdad geborene Schauspieler ("Borgen", "Game of Thrones"), der in Dänemark lebt, musste seinen Text akribisch auswendig lernen, da deutsch nicht seine Muttersprache ist. Vielleicht ist es genau dieser Umstand, der den Araber-Gangster noch bedrohlicher erscheinen lässt. Seine Mimik und ein paar Gesten genügen, um Beklemmungen beim Zuschauer zu erzeugen. Wenn Salim als Clanchef Hassan Nidal die Szene betritt, spürt man förmlich die Gefahr, die von diesem Mann ausgeht.

Ein Bruder kehrt heim

Zieht dieser "Tatort" also einfach mal so richtig plump gegen Ausländerkriminalität in zu Felde? Nein. Zum einen deshalb, weil auch die Staatsmacht schlecht wegkommt. Polizisten vermasseln den Schutz wichtiger Zeugen, auf der Dienststelle wird gemobbt, ein Richter lässt sich einschüchtern. Zudem wenden die "Tatort"-Macher einen Kniff an: Wie in der der legendären US-Krimiserie "The Wire" bekommt der Zuschauer einen Einblick in das Milieu der Großfamilie. Dadurch werden die Familienmitglieder zwar nicht zu Sympathieträgern, aber man versteht immerhin, wie diese Parallelwelt funktioniert. "Brüder" zeigt die Mechanismen des Clans und damit die Funktionsweise von Angst und Bedrohung. Das macht diesen "Tatort" sehenswert und spannend.

Alles in allem ein großartiger Krimiabend - mit ein paar kleinen Hängern. Etwas zu sehr Mantel-und-Degen-mäßig wird es, als Polizist Förster und sein Freund auf eigene Faust dem Clanchef nachstellen und einem Container voller Drogen nachspüren. Und dass sie sich als "Blutsbrüder" bezeichnen, weil sie sich schließlich seit dem Kindergarten kennen, ist kitschig und geht auf Kosten der sonst so nüchtern-brutal erzählten Geschichte.

Wenig glaubhaft erscheint leider auch der Schluss: Da kehrt Aussteiger Mesut, der eben noch seine Familie verachtete und penibel auf Abstand zu dem Clan bedacht war, nach dem großen Showdown zu seiner Familie zurück, wechselt die Seiten und wird selbst zum Gangsterboss. Botschaft des Films: Auch wenn man ein paar Mitglieder fasst, macht die kriminelle Großfamilie weiter. Die Begründung für den Sinneswandel des ehemaligen Aussteigers? Er entdeckt die Liebe zu den Seinen neu. Er und der bisherige große Boss des Nidal-Clans sind schließlich: Brüder.

Die "Tatort"-Folge Bremen wurde erstmals am 23. Februar 2014 ausgestrahlt.

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