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Vier Gründe, warum Boerne und Thiel die Größten sind

Seit fast 15 Jahren amüsieren die Münsteraner Ermittler die "Tatort"-Nation - und haben nun mit "Fangschuss" ihren bisher erfolgreichsten Fall hingelegt. Beim Publikum sind die zwei schon lange die Größten. Wir erklären, warum.

Axel Prahl als Kommissar Frank Thiel und Jan Josef Liefers als Prof. Karl-Friedrich Boerne.

Die wohl beliebtesten Tatort-Ermittler Deutschlands: Axel Prahl als Kommissar Frank Thiel und Jan Josef Liefers als Prof. Karl-Friedrich Boerne.

Ist das wirklich der Sonntagabend-Krimi, auf den wir uns alle einigen können? Ein komplett versnobter Gerichtsmediziner und ein prolliger Kommissar im Kapuzenpulli, die Tür an Tür wohnen und miteinander permanent im Clinch liegen. Dazu ein ständig bekiffter Taxifahrer, eine sehr männliche Staatsanwältin und ein Zwerg in der Pathologie - willkommen in Deutschlands beliebtestem Kuriositätenkabinett!

Seit fast 15 Jahren begeistert das schräge Team aus Münster mit inzwischen 31 Fällen Millionen Krimifans. Die Bilanz spricht für sich: Die absurden Abenteuer aus der westfälischen Stadt kommen regelmäßig auf mehr als zwölf Millionen Zuschauer - trotz manchmal hanebüchener Handlung und zuweilen flacher Witze. Den gegensätzlichen Ermittlern aus Münster scheint das Publikum alles zu verzeihen. Auch der aktuelle Fall kam nicht bei jedem Kritiker gut an, bei den Zuschauern dafür offenbar umso besser: 14,56 Millionen Menschen haben die 31. Münster-Folge "Fangschuss" am Sonntagabend verfolgt. Das bedeutete 39,6 Prozent Marktanteil, Rekord für die Ermittler - und den erfolgreichsten Tatort seit 1992. Die beiden verbesserten ihren bisherigen Bestwert vom September 2015, als 13,69 Millionen Zuschauer (35,5 Prozent) bei der Folge "Schwanensee" gemessen wurden.

Wie konnte es passieren, dass ausgerechnet die schrägen Vögel aus dem Münsterland Deutschlands wohl beliebteste "Tatort"-Ermittler werden konnten? Vier Gründe, warum Thiel und Boerne die Größten sind.

1. Die Hauptdarsteller

Ein Film ist immer nur so gut wie seine Hauptdarsteller - und Jan Josef Liefers und Axel Prahl sind die Idealbesetzung für das schrullige Pärchen. Nicht nur sind sie zwei der besten deutschen Schauspieler, sie passen auch perfekt zu ihrer Rolle - und haben sie mit liebevollen Schrullen ausgestattet. Professor Karl-Friedrich Boerne ist ein waschechter Snob: Er fährt einen Sportwagen, spielt Golf, reitet, war selbstverständlich in einer schlagenden Verbindung und zählt sich zur besseren Gesellschaft. Daneben schwört er auf Musik von Gustav Mahler und schweren Rotwein. Seinen Mitmenschen tritt er äußerst arrogant und selbstgefällig gegenüber. Kurzum: Er ist ein Großkotz, wie er im Buche steht.

Ganz anders sein Kollege Thiel. Der leidenschaftliche St.-Pauli-Fan schwört auf die einfachen Dinge des Lebens wie Bier und Fußball, läuft zumeist in seinem ungewaschenen Kapuzenpulli herum und hält Körperpflege für einen Luxus, den man sich maximal einmal pro Woche leisten sollte.

Da Boerne zudem Thiels Vermieter ist, haben die beiden auch jede Menge private Probleme zu klären - was zu allerlei lustigen Wortwechseln führt. Dass das auch nach 31 Folgen nicht fad wird, sondern immer wieder für Lacher sorgt, ist der größte Verdienst der beiden Schauspieler. Die Chemie stimmt zwischen ihnen: Dass sich Axel Prahl und Jan-Josef Liefers auch privat verstehen, merkt man dem "Tatort" an.


2. Das Mini-Universum der Nebendarsteller

Die Welt ist unendlich groß und kompliziert - ist es da nicht schön, wenn sie wenigstens am Sonntagabend beschaulich klein wird? Die Komplexität menschlicher Beziehungen wird hier auf ein überschaubares Tableau von Nebenfiguren geschrumpft, die in jedem Münster-"Tatort" mit dabei sind und die Fälle bereichern. Es fängt damit an, dass Thiel und Boerne Tür an Tür wohnen. Sobald ein Taxi gebraucht wird, ist Thiels Vater zur Stelle - als gäbe es in der ganzen Stadt keine anderen Taxifahrer.

In der Gerichtsmedizin sieht sich Silke "Alberich" Haller (Christine Urspruch) den ständigen Herabwürdigungen ihres Chefs ausgesetzt, doch damit endet das Verhältnis nicht: Als sich Boerne einmal mit einer schönen Unbekannten auf ein Blind Date verabredet, erwartet ihn im Restaurant niemand Geringeres als Alberich. Und wo die Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) auftritt, ist der nächste Feueralarm nicht weit, den die Kettenraucherin mit ihrer notorischen Qualmerei auslöst.

Es ist genau diese Vorhersehbarkeit, die den Charme der Fälle ausmacht. So ist es kein Wunder, dass die maskuline Staatsanwältin, als sie ihre weiblichen Bedürfnisse entdeckt, nicht mit irgendwem im Bett landet, sondern mit dem Nächstbesten - Thiels Vater. Münster-"Tatort" bedeutet immer auch eine sympathische Form von inzestuösem Verhalten.

3. Der Dialogwitz

Die Frotzeleien zwischen Thiel und Boerne sind legendär - und tragende Säule dieses "Tatorts". Das ist alles andere als neu: Auch in anderen Teams gibt es regelmäßig amüsante Sticheleien zwischen den Kommissaren, etwa Batic und Leitmayr in München, oder Ballauf und Schenk in Köln. Der Clou im Münster-"Tatort": Hier ist die Stichelei zum Prinzip erhoben. Die Dialoge sind in dieser Reihe voller scharfer Pointen und schlagfertiger Erwiderungen. Jeder teilt hier gegen jeden aus, Boerne gegen Alberich, Thiel gegen seine Assistentin Nadeshda, Staatsanwältin Klemm gegen Boerne, "Vaddern" Thiel gegen seinen Sohn. Und so wird in jeder Folge ein Feuerwerk an Bonmots abgebrannt: "Wenn der Kuchen spricht, schweigt der Krümel", schleudert Boerne seiner kleinwüchsigen Assistentin gerne mal entgegen.

4. Die absurden Fälle

Da die Protagonisten im Münster-"Tatort" nichts und niemanden ernst nehmen, funktionieren die Folgen obwohl, oder gerade weil die Handlung oft absurd ist. Sozialdramen, wie sie in Köln gerne produziert werden, würden hier ins Leere laufen. Aus diesem Grund spielen viele Fälle in einer absurden Miss-Marple-Welt voller Räuberpistolen. Mal soll es sich bei einer Leiche um einen Sohn des Großkönigs Xerxes von Persien handeln, ein anderes Mal geht es in die Gruftiszene. Immer wieder wird auch die bessere Gesellschaft Münsters aufgesucht: Die Fälle spielen auf Reiterhöfen, Golfplätzen und in Verbindungen. Gerne geht es dabei um alte Bekannte von Professor Boerne - ganz nach dem Prinzip der Weltverkleinerung hängt hier wirklich alles mit allem zusammen.

Alles in allem ist der Münster-"Tatort" alles, nur keine straighte Kriminalgeschichte. Und vielleicht ist er genau deshalb der Sonntagabend-Krimi, auf den sich (fast) alle einigen können. Die Zeiten sind hart genug, wenigstens am Sonntagabend wollen wir's mal gemütlich haben.

che

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