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Zotenjagd zwischen Ziegen und Zuchtbullen

Das beliebteste Fernsehduo Deutschlands stapft zum Jubiläum der westfälischen Krimikomödie durch Kuhmist und Provinzpinten. Ein zünftiger Spaß – gerade weil es am Ende um mehr als nur gute Gags geht.

Von Jan Rößmann

  Kuhdung im Gesicht: Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) und Assistentin Silke Haller, genannt "Alberich", (Christine Urspruch) atmen Landluft

Kuhdung im Gesicht: Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) und Assistentin Silke Haller, genannt "Alberich", (Christine Urspruch) atmen Landluft

  • Jan Rößmann

Dorf-Ermittler müssen leiden: Der dicke Grummel-Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) stolpert bei der Zeugenverfolgung in den Dreck, dem arroganten Adelssproß Boerne (Jan Josef Liefers) pupt eine Kuh ins Gesicht. Zum zehnjährigen Bestehen des Münster-"Tatorts" lassen die Krimimacher ihre Figuren zwischen Landeiern und Lodenträgern ermitteln - und sparen dabei nicht an derbem Spott. Derweil darf der Zuschauer nach alter Sitte den Mörder mitsuchen. Die Episode „Das Wunder von Wolbeck“ erfüllt die Erwartungshaltung der "Tatort"-Fans, und das verheißt einen lohnenden Sofa-Abend. Denn die Ansprüche an das populärste Sonntagabendteam des Landes sind mittlerweile hoch: Heiter, heimelig und hintergründig soll es sein. Bitteschön!

Der aktuelle Fall treibt das Provinz-Ambiente der gesamten TV-Reihe fulminant auf die Spitze. Auf ihrem Hof im ländlichen Münsteraner Ortsteil Wolbeck ruft die völlig verdrogte Stella Lembeck die Polizei (grandios durchgeknallt: Lina Beckmann). Ihr Mann liegt tot im Wohnzimmer. Der Heilpraktiker sei in seiner Praxis gefallen und dann verblutet, schließt besserwesserisch Rechtsmediziner Boerne. Doch Thiel hörte einen Zeugen vom Hof hechten. Von da an ist ihm klar: Es war Mord. Das ist nicht der einzige Streitpunkt, über den sich die Klamauk-Kommissare käbbeln.

Bei 120 Euro hört die Freundschaft auf. Das Geld schuldet Boerne Thiel wegen einer verlorenen Schach-Wette. Gegen die Sprüche wirkt die Büro-Comedy "Stromberg" wie das QVC-Programm. Dieses Mal geht die unterhaltsame Verachtung so weit, dass es 50 Minuten dauert, bis die Streithähne zum ersten Mal direkt miteinander sprechen. Nicht, dass sie sich im Anschluss schonten: "Was machen Sie da?", fragt Boerne, als Thiel gewohnt sportlich über einen Stacheldraht klettert. "Gummitwist für Schwererziehbare?" Doch wenn es ernst wird, gar ein Baby verschwindet, kooperieren die beiden Sturschädel effizient wie Watson und Holmes.

Wenn Boerne den Züchter zur Bullenbesteigung ausfragt

So stoßen die beiden schließlich auf den Nährboden für all die Lügen, den Hass und die Dramen um falsche Vaterschaft. Patientinnen erzählen verdruckst, dass der Wunderdoktor von Wolbeck ihnen mit "Hypnose, Akkupunktur, Druckabbau und Kräutertherapie" ihren Kinderwunsch erfüllte. Doch Thiel bohrt im Kuhdung, bis die Wahrheit ans Licht kommt: Unter dem Landgut liegt ein Befruchtungskeller für die verzweifelten Frauen zeugungsunfähiger Männer. Die Pointe des Country-Krimis: Die drei Dorfdeppen aus der miefigen Kneipe liefern das Saatgut für wohlhabende Patientinnen in aller Welt – während sich das Mordopfer bei längerer Lebenszeit den improvisierten Gynäkologenstuhl hätte vergolden lassen können. Die Münsteraner Folgen sind traditionell absurd. "Das Wunder von Wolbeck" treibt den Irrwitz auf die Spitze. Was für eine grotesk-geniale Plot-Idee der "Tatort"-Macher.

Autor Wolfgang Stauch weiß generell, wie man schräge Figuren in eine packende Story schreibt: Das Thema "Zeugung" zieht sich durch die Folge wie ein Spermatozoid durch den Geburtskanal: Rahmen- und Kernhandlung greifen optimal ineinander. Die Szenerie wimmelt nur so vor Fortpflanzungssymbolen: Vom brüllenden Zuchtbullen über glucksende Babys bis zum Hirschbild in der örtlichen Pinte. Zu Country-Mucke und Irish Folk stolziert immer wieder ein balzender Pfau durchs Bild.

Durch den roten Faden und die launigen Sprüche stimmt die Spannungskurve. Auch wenn für empfindsame Naturen einige Zeugungszoten zu derb ausfallen mögen. Es ist nicht jedermanns Sache, wenn Boerne den Züchter pantomimisch zur Bullenbesteigung ausfragt. Natürlich geht der ein oder andere Kalauer daneben. Boernes Provinz-Bashing etwa passt gar nicht zur sonst so lokalpatriotischen Linie der "Tatort"-Macher: "Was gibt’s denn hier: Fleisch, Blut, Scheiße. Da gehört schon einiges dazu, sich den aufrechten Gang nicht abzugewöhnen."

"Mai näim is Thiel fromm Kripo Münster"

Zu ihren Glanzmomenten verhilft der Serie sonst gerade der selbstironische Umgang der Drehbuchschreiber mit der eigenen Piefigkeit – etwa im Vergleich zu teuer produzierten US-Serien. Das wird in einer anderen Szene dann auch deutlich: Etwa als der völlig abgekämpfte Thiel versucht, eine gutaussehende und offensichtlich englischsprachige Zeugin zur Aussage zu bewegen: "Mai näim is Thiel fromm 'Kripo Münster'. Sis is kaind of FBI or so." Der mondänen Dame gelingt es gerade noch, dem Charme des adipösen Ermittlers zu widerstehen.

Das Schönste an diesem Krimi: Es bleibt nicht beim Gegacker über die Gags. Das Thema provoziert aufgeweckte "Tatort"-Fans zur sonntagabendlichen Sofa-Debatte über Kinderwünsche, Mordmotive und den Preis der eigenen Fortpflanzung. Bei Thiel, Boerne und Co. lohnt sich auch nach 22 Episoden das Einschalten. Herzlichen Glückwunsch, Münster-Tatort!

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Jan Rößmann

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