RTL rechtfertigt die umstrittene Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" unter anderem mit immer mehr Teenager-Schwangerschaften in Deutschland. Doch dies trifft nicht zu: Der Staat leistet seit Jahren erfolgreiche Aufklärungsarbeit. Das könnte sich allerdings bald ändern. Von Carsten Heidböhmer

Jugendliche mit dicken Bäuchen werden seltener: In den letzten Jahren ging die Zahl schwangerer Teenager stetig zurück© DPA
Eine gute Fernsehsendung muss den Zuschauer unterhalten. Sie kann ruhig lehrreich sein, darf aber keinesfalls belehrend wirken. "Die Super Nanny" ist so ein Beispiel. Zwar wurde die Ausstrahlung von Anfang an mit wütender Kritik von Erziehungswissenschaftlern begleitet. Allerdings attestierte ein Forschungsprojekt der Universität Wien dem Format, es könne "vor allem bei den einkommensschwachen Bevölkerungssegmenten, die über geringe Bildungsressourcen verfügen (...) die Akzeptanz für Erziehungsberatung fördern". Insofern kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der "Super Nanny" gesellschaftliche Relevanz zukommt.
Genau auf diese Karte setze RTL auch bei der im Vorfeld viel gescholtenen Doku-Soap "Erwachsen auf Probe". Weil Politiker und Verbände dem Sender vorwarfen, mit der Sendung das Wohl der Säuglinge zu gefährden und Bindungsstörungen in Kauf zu nehmen, sah sich Unterhaltungschef Tom Sänger offenbar genötigt, das Format mit einem Bildungsauftrag zu versehen. "Erwachsen auf Probe" sei ein Eignungstest für Jugendliche mit Kinderwunsch, bei dem sie Familienkompetenz erlernten und Verantwortung für sich, den Partner und Kinder übernähmen. Denn in Deutschland herrsche ein großes gesellschaftliches Problem: Die Zahl der Teenager-Schwangerschaften nehme kontinuierlich zu.
Doch damit beschwor Sänger nur den Widerstand von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen herauf: "Teenagerschwangerschaften sind ein ernstzunehmendes Thema und in Großbritannien ein echtes Problem", so die Ministerin. "In Deutschland ist die Zahl im Gegensatz dazu aber sehr niedrig. Die jahrelange Aufklärungsarbeit in den Schulen zahlt sich aus." Es sei überzogen, dass sich RTL das pädagogische Feigenblatt umhängt.

Auch wenn von der Leyen im Umgang mit Statistiken nicht immer ein glückliches Händchen bewiesen hat - für das Jahr 2008 hatte sie fälschlicherweise zunächst gestiegene Geburtenzahlen verkündet - : In diesem Punkt liegt die Ministerin richtig. Die vorliegenden Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen kontinuierlich sinkende Zahlen von Teenager-Schwangerschaften. Wurden 2001 von 1000 Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren durchschnittlich 9,1 schwanger, waren es 2006 nur 7,3.