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Und alle haben sich lieb

24. November 2012, 09:24 Uhr

"Schwere Entscheidungen" und " harte Coachs" kündigte Xavier Naidoo in der zweiten Live-Ausgabe von "The Voice of Germany" an. Acht Kandidaten müssen die Show verlassen. Doch Drama geht anders. Von Katharina Gipp

"The Voice of Germany", Live-Ausgabe, Xavier Naidoo

Kuschelrunde statt Konkurrenzkampf: Der romantische Auftritt von Ex-Teenie-Schwarm Gil Ofarim passt perfekt in die zweite Liveshow von "The Voice of Germany"©

Während man beim klassischen Duell noch den Degen oder eine Pistole zückte, haben die Kandidaten von "The Voice of Germany" am Freitagabend bestenfalls ihre Samthandschuhe übergestreift. Eigentlich geht das Aussiebverfahren in die nächste "Duell"-Runde, und weitere acht Kandidaten müssen die Castingshow verlassen – aber von Konkurrenzkampf ist nichts zu spüren.

Dabei geben sich sowohl Moderatoren als auch Juroren größte Mühe, der Show einen möglichst dramatischen Anstrich zu verpassen. Der angeblich "härteste Coach der Welt", Xavier Naidoo, kündigt "schwere Entscheidungen" an und warnt zugleich vor der Unberechenbarkeit des Votums der Fernsehzuschauer. Doch die dramatischste Hintergrund-Streichermusik erzeugt keine Stimmung, wenn jeder im zweiten Satz betont, wie lieb er doch alle Kandidaten habe, und wie "hammermäßig" jeder einzelne sei.

Wiedersehen mit dem "Bravo"-Posterboy

Gleich das erste Duell soll den Zuschauern eine besonders schwere Entscheidung abverlangen. "Ich lasse die Profis aufeinander los", verkündet Coach Naidoo. Da wäre auf der einen Seite Momo Djender, der aus Algerien stammt und einst von Sting entdeckt wurde. Ihm gegenüber stellt Naidoo Gil Ofarim, einen ehemaligen Teenie-Schwarm, ohne den in den späten 90ern keine "Bravo" auskam.

Djender singt "Beautiful Day" von U2. Seine Stimme ist sanft, er spielt Gitarre. Das Publikum lässt sich zu einer weiteren stehenden Ovation hinreißen, nachdem es sich bereits einmal für den Show-Jingle erhoben hat. Direkt im Anschluss kommt Kandidat Ofarim auf die Bühne. Auch er spielt Gitarre, mit rauchiger Stimme singt er „Iris“, und der Posterboy-Charme klebt trotz (oder gerade wegen) des Nasenrings und Vollbarts an ihm. Wieder einmal erheben sich Publikum und Juroren von ihren Sitzen.

Im Anschluss an die ersten beiden Darbietungen überschlagen sich alle im Lobeshymnen-Gesang. Moderator Thore Schölermann wirft sich in den Staub und verneigt sich vor den Kontrahenten. „Ich liebe euch!“, säuselt er. „Wir lieben dich auch“, erwidert Momo Djenger und lächelt ein wenig mitleidig. Rea Garvey betont, dass die Kandidaten mit den Juroren "auf gleicher Augenhöhe" seien, und Xavier Naidoo ist glücklich, dass sich beide "so gut präsentieren" konnten. Daher gibt er auch beiden die gleiche "Punktzahl": 50 Prozent

Der omnipräsente Zuschauer

Im Anschluss an jede Duellrunde sind die Fernsehzuschauer angehalten, für ihren Favoriten anzurufen. Sie können noch zusätzliche 100 Prozentpunkte verteilen. Im ersten Duell fällt die Entscheidung zugunsten von Gil Ofarim aus. Der 30-Jährige gewinnt mit 124,5 Prozent Zustimmung. Während sich Mathematiker über derartige Logik die Haare raufen, wird im Studio der Gewinner gefeiert, der Verlierer mit ein paar freundlichen Worten und Umarmungen verabschiedet. Damit auch wirklich niemand weinen muss, betont Juror Naidoo die engen Bande, die bereits entstanden seien: "Wir bleiben fürs Leben Freunde und auch Kollegen. Wir haben schon alle ins Herz geschlossen". Wieder kein Drama.

Der Zuschauer wird jedoch nicht nur für das Voting am Telefon mit eingebunden – er soll sich auch über Facebook und Twitter "dazuschalten" und seine Meinung kundtun. Im sogenannten "Webroom" laufen dann alle Tweets und Posts ein. Während Kandidaten möglichst beschäftigt auf ihre Smartphones schauen und ganz viel interagieren, hopst Moderatorin Doris Golpashin durch die Reihen und zitiert aus den geistigen Ergüssen. Den Tweet zu angebrannten Kartoffelecken ignoriert sie galant.

Ruhiger Schlaf

So sehr sich auch alle anstrengen, es nach Drama aussehen zu lassen: Es ist keines. Und es fühlt sich auch zu keinem Zeitpunkt der Sendung danach an. Selbst wenn einem Kandidaten die Tränen in die Augen steigen, relativieren die Juroren das Votum, tröstet die Familie. Zugegebenermaßen haben alle Kandidaten, die diese Casting-Stufe erreicht haben, angenehme, zum Teil sehr ausdrucksstarke Stimmen. Dennoch vermögen alleine diese Stimmen es nicht, über dreieinhalb Stunden Sendezeit zu unterhalten. Auch die Betitelung "Duell" hilft kaum. Denn alle Kandidaten sind sich offensichtlich wohlgesonnen, halten allesamt bei der Verkündung des jeweiligen Votums Händchen.

Auf die Frage, wie sie die erste Duellrunde am "aufregenden" Donnerstagabend überstanden habe, antwortete Jurorin Nena noch zu Beginn der Sendung "Ich habe sehr gut geschlafen". In der Nacht zum Samstag wird es ihr kaum anders ergangen sein.

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