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Die erste Talkshow des postfaktischen Zeitalters

RTL hat den Krawall-Talk "Der heiße Stuhl" wiederbelebt. Zur ersten Sendung kam Thilo Sarrazin. Der zeigte sich so wenig an einer ernsthaften Debatte interessiert wie seine Kontrahenten.

Thilo Sarrazin saß bei RTL auf dem "heißen Stuhl"

Thilo Sarrazin saß bei RTL auf dem "heißen Stuhl"

Einen krawalligeren Start hätte man nicht haben können: Ausgerechnet der frühere Berliner Finanzsenator nahm am Montagabend auf dem "heißen Stuhl" Platz, dem die Sendung ihren Namen verdankt. Jener frühere SPD-Politiker, der lange vor der AfD mit islam- und eurokritischen Büchern den Populismus in Deutschland wieder salonfähig gemacht hat. 

Unter dem Titel "Explosiv - Der heiße Stuhl" hatte RTL ab 1989 einen ganz neuartigen Typus von Talkshow etabliert: Hier ging es nicht um den gepflegten Diskurs, das miteinander Diskutieren und gegenseitige Zuhören - sondern um den Krawall. Wer die krassesten Thesen hatte und diese am lautesten vertrat, kam am besten weg. Im Grunde hat RTL mit dieser Sendung das postfaktische Zeitalter um 25 Jahre vorweg genommen. 1994 wurde die Show eingestellt - und wird nun nach 22 Jahren von RTL wiederbelebt. Nicht als regelmäßiges Format, aber zu besonderen Aufregern. Und die gibt es gegenwärtig viele.

Einen pickte sich die Show für den Neustart heraus: "Ein Jahr nach Köln – Wie sicher ist Deutschland?" lautete der Titel bei "Der heiße Stuhl", ein Thema, zu dem Sarrazin viel zu sagen hatte. Als Kontrahenten standen ihm Kai Gehring (Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen), die muslimische Buchautorin Khola Maryam Hübsch, Schauspielerin Annabelle Mandeng und Arnold Plickert von der Gewerkschaft der Polizei gegenüber. Als Moderator versuchte Steffen Hallaschka die Runde einigermaßen in den Griff zu kriegen.

Thilo Sarrazin über die Kölner Silvesternacht

Sarrazin polterte gleich in vertrauter Manier los: "Wenn eine Million junger ins Land kommen ohne Zugang zu Mädchen und Frauen, ist das ein Problem." Hier hakte gleich Grünen-Politiker Gehring ein, der Sarrazins Zahlen anzweifelte und ihn einen "postfaktischen Angstmacher" nannte. 

Nächster Streitpunkt: Statistisch sei, so Sarrazin, erwiesen, dass muslimische Männer häufiger gewalttätig sind als andere Männer. Dem hielt Annabelle Mandeng entgegen, so etwas wie die Kölner Silvesternacht könne mit deutschen Männern genauso passieren. Schon wieder kein Einverständnis.

Nächstes Beispiel: Jede dritte Frau erlebe in Vereinen sexualisierte Gewalt, hielt die Muslima Khola Maryam Hübsch entgegen. Dessen Konter: "Quatsch."

Auf dem Niveau bewegte sich die Debatte die komplette Dreiviertelstunde. Niemand ging auf den anderen ein, die Kontrahenten gingen nicht den geringsten Milimeter aufeinander zu. Weiteres Beispiel: "Nicht Ängste schüren, sondern Fakten bringen", forderte Gehring den früheren Berliner Finanzsenator auf. "Ich schüre keine Ängste, sondern bringe Fakten", erwiderte Sarrazin.

Ein Abend ohne den geringsten Erkenntnisgewinn. Oder um die Debatte mit Louis de Funès zusammenzufassen: "Nein!" - "Doch!" - "Oooh!!".

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