20. März 2013, 10:47 Uhr

Das Schlechteste in uns

"Oh Boy"-Star Tom Schilling liefert in "Unsere Mütter, unsere Väter" eine elektrisierende Vorstellung. Vom Dichter zum Henker in 270 Minuten. Von Sophie Albers

Unsere Mütter, unsere Väter, Tom Schilling, ZDF, Nico Hofmann, Schüttler, Stein, Russland, Zweiter Weltkrieg

Tom Schilling spielt Friedhelm Winter: Schöngeist, Literat, Tötungsmaschine©

Das Gesicht, das nach der großen Aufregung über die ZDF-Serie "Unsere Mütter, unsere Väter" wohl in Erinnerung bleiben wird, ist das von Tom Schilling. Seine jungenhaften Züge porträtieren ein Paradoxon, das nicht nur die Hirne der deutschen Nachkommen zermartert: Wie konnte aus dem "Land der Dichter und Denker" ein reibungslos laufender Tötungsapparat werden?

Tom Schilling, der gerade erst für die Hauptrolle in der leichtfüßigen Berlin-Ode "Oh Boy" gefeiert wurde, spielt Friedhelm Winter, einen jungen Berliner Anfang 20. "Ein aufgeschlossener, literaturbegeisterter Mensch", beschreibt der Schauspieler seine Filmfigur. "Ein Pazifist eher, dem System sehr kritisch gegenüber, ein Träumer, ein Idealist", ein Dichter eben, der 1941 als Soldat an die Ostfront geschickt wird. "Der in diesen Krieg reingeworfen wird und sich infolge dessen komplett verändert." Der dem Zuschauer in drei Teilen eindrucksvoll zeigt, wie er zum Henker wird.

Töte zuerst

Gleich zu Beginn setzt Schöngeist Friedhelm das Motto "Der Krieg wird nur das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen" - und tritt an, es wahr werden zu lassen. Schicht um Schicht legt der intelligente, reflektierte junge Mensch seine Menschlichkeit ab. Ein Striptease bis auf die Knochen, der Friedhelm das nimmt, was gemeinhin als Seele verortet wird: Ausgerechnet er wird zum "Vorzeigesoldaten". "Jemand, der stumpf, ohne Gefühle Befehle ausführt", so Schilling. Der mit militärischem Geschick und Mut das tue, was verlangt wird im Krieg: töten. Und Friedhelm beherrscht es auf Entfernung wie aus nächster Nähe. Mal schickt er russische Zivilisten ins Minenfeld, mal schießt er einem Bauernmädchen ins Gesicht. Eiskalt pragmatisch passt er sich jeder Situation an, entgeht immer wieder dem Tod, weil das Leben ihm nichts mehr bedeutet. "Du tötest, bevor sie dich töten, das ist alles", sagt er einem, der am Leben hängt.

Die Wahl Schillings für diese Rolle ist ein Glücksgriff. Der Schauspieler ist seit jeher bekannt für fragile, zweifelnde, suchende Charaktere, Schwächlinge, das, was Friedhelm zu Beginn von "Unsere Mütter, unsere Väter" sein soll. Daran hat auch sein Auftritt als Hitler in der Verfilmung von George Taboris "theologischem Schwank" "Mein Kampf" nichts geändert.

Einer von uns

Schilling, der sich selbst als "unsicher" beschreibt und bereits als Zwölfjähriger vom Berliner Schulhof weg ans Theater engagiert wurde, scheint ohne Angst in seine Rollen zu gehen. Der mittlerweile 31-Jährige stellt sich der Situation, ohne dabei sich selbst zu verlieren. Tom Schilling bleibt immer sichtbar als einer von uns. Das macht das Betrachten von "Unsere Mütter, unsere Väter" so schmerzhaft: Menschlich ist alles ist möglich - egal wie sicher wir uns unserer moralischen Werte fühlen.

"Für mich ist es die Summe aus vielen Erlebnissen, die Friedhelm zu dem machen, was er am Ende des Films ist", sagt Schilling. "Der Preis dafür ist, dass er innerlich stirbt. Er hat so viel Schuld auf sich geladen, dass er damit gar nicht mehr zurechtkommt. Das ist wie eine Tür, die man zu seiner eigenen Moral, zu seiner eigenen Haltung zuschlägt."

Friedhelms tote Augen zeigen, dass niemand wissen kann, auf welcher Seite der Tür er enden würde. Das permanente Bewusstsein der eigenen Entmenschlichung macht seinen Charakter am Ende nicht unbedingt realistischer, aber um so greifbarer. Und das macht dieses TV-Drama so befriedigend.

 
 
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