Der Fernsehfilm "Mogadishu" (ARD 20.15 Uhr), eines der TV-Ereignisse des Jahres, erzählt von der Entführung der Lufthansamaschine "Landshut" im Oktober 1977. Dank neuer Erkenntnisse wird der ermordete Pilot Jürgen Schumann erstmals als Held dargestellt. Ein Besuch bei seiner Frau und bei Copilot Jürgen Vietor. Von Alexander Kühn

Thomas Kretschmann spielt in "Mogadischu" den "Landshut"-Kapitän Jürgen Schumann© ARD Degeto/Stephan Rabold
Frau Schumann, wie sind Sie über den Tod Ihres Mannes hinweggekommen? Heilt die Zeit Wunden? Wie geht es Ihnen heute? Die Wiederkehr der immer selben Fragen, verlässlich zu den Gedenktagen, nach 20, 25, 30 Jahren. Gelegentlich außer der Reihe, als Begleitmusik zur Debatte über die Entlassung von RAF-Terroristen. "Warum sollten wir uns treffen?", sagt Monika Schumann, 65, am Telefon, etwas harscher, als es gemeint sein mag. "Es geht nicht um mich, ich bin nicht die Hauptperson. Schreiben Sie, was geschehen ist. Schreiben Sie über den Film." Es wird dann doch ein Treffen stattfinden, bei ihr zu Hause in Frankfurt, bei Tee und Selbstgebackenem. Denn natürlich geht es auch um sie. Dieser Spielfilm, den die ARD am Sonntag zeigen wird, bringt zu Ende, wofür sie 31 Jahre gekämpft hat. Er rettet das Ansehen ihres Mannes. Jetzt kann die Welt sehen, dass er kein Feigling war.
Siebter Stock, Frau Schumann öffnet, entschuldigt sich, muss kurz die Brille unter warmes Wasser halten. Sie hat sich gerade noch einmal die DVD angeschaut, die sie vorab geschickt bekam, "Mogadischu". Die Hinrichtung ihres Mannes im eigenen Fernseher, Thomas Kretschmann als Flugkapitän Jürgen Schumann. Es ist nicht der erste Film über die Entführung der Lufthansamaschine "Landshut". Aber der erste, der ihren Mann als Helden darstellt. "Ich bin für diesen Film sehr dankbar."
Jürgen Schumann soll die "Landshut" am 13. Oktober 1977 von Palma de Mallorca nach Frankfurt fliegen, Urlauber auf dem Weg von der Sonne in die Heimat, als er alle Gewalt abgeben muss. Ein palästinensisches Terrorkommando kidnappt das Flugzeug, um vom deutschen Staat die Freilassung dreier in Stammheim einsitzender RAF-Terroristen zu erzwingen. Doch die Bundesregierung lässt sich nicht erpressen, nicht von der RAF, die bereits seit Wochen den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer gefangen hält, und auch nicht von den Entführern der "Landshut". Für Passagiere und Besatzung beginnen fünf Tage Irrflug in Todesangst.
Als die GSG 9 in Mogadischu die Maschine stürmt, 86 Geiseln das Leben rettet, ist Schumann bereits tot. Erschossen vor den Augen der Passagiere, am Tag zuvor in Aden, Südjemen. Hier war die "Landshut" notgelandet, Schumann war ausgestiegen, um die Fahrwerke zu untersuchen - und verschwunden. Komm zurück, schrie der Anführer der Bande, der sich als "Captain Mahmud" anreden ließ, sonst jage ich alles in die Luft. Eine Viertelstunde, vielleicht eine halbe, und Schumann kam wieder an Bord. Mahmud ließ den Kapitän vor sich knien. Nachdem er ihm die Würde geraubt hatte, nahm er ihm das Leben. Was hatte Schumann da draußen gemacht? Wollte er türmen, wie Mahmud es den Passagieren weiszumachen versuchte? Sie alle im Stich lassen?

Monika Schumann, die Witwe des ehemaligen "Landshut"-Piloten Jürgen Schumann© Lars Borges
Für die Historiker eine winzige Lücke in der Geschichtsschreibung, für Monika Schumann eine klaffende Wunde. Es gebe Zeugen, die ihn entlasten könnten, so viel hatte sie über die Jahre herausbekommen, doch niemand schenkte ihr Gehör. Bis Maurice Philip Remy zu recherchieren begann, der Drehbuchautor von "Mogadischu". Er machte einen jemenitischen General ausfindig, damals Kommandant der Sondereinheit, die in Aden das Flugzeug umstellte. Was der erzählte, war neu: Schumann habe ihn vor dem Flughafengebäude angefleht, er solle die Startgenehmigung verweigern, die Maschine sei mit großer Wahrscheinlichkeit nicht flugtauglich. Der General lehnte ab, Schumann entgegnete: "Ich kehre jetzt zurück. Ich bin sicher, sie werden mich umbringen."
Nach dem Tod ihres Mannes mühte Monika Schumann sich, ihren Söhnen Mutter und Vater zugleich zu sein. Bislang Hausfrau, begann sie als Journalistin zu arbeiten, lernte den Beruf von Grund auf, drehte Reportagen für den Hessischen Rundfunk, moderierte, lieferte Beiträge für die "Tagesschau". Die Trauer sollte nicht ihr Leben ausfüllen. Sie wollte kämpfen, nicht verbittern. Stark sein, ohne zu verhärten.
"Schreiben Sie nicht Witwe", sagt sie beim Treffen in Frankfurt. "Wissen Sie, was Witwe bedeutet? Überbleibsel." Übrig geblieben aber war die "Landshut" als Lebensthema. Monika Schumann las den Obduktionsbericht ihres Mannes, in dem sogar das Gewicht des Gehirns vermerkt war. Besuchte im Jahr nach Mogadischu das Wiedersehensfest der Geiseln, wo sie sich von einem der Überlebenden sagen lassen musste, er empfinde kein Mitleid mit dem Kapitän: Ein Pilot wisse um das Risiko seines Berufs, dafür werde er entlohnt. Jahre später flog sie nach Oslo, um Souhaila Andrawes zu treffen, die einzige der Entführer, die nicht erschossen worden war. Sie sah keine Reue in deren Augen.
"Mogadischu" ist ein beklemmender Film geworden, ein eindrucksvolles Kammerspiel des Terrors. Von authentischer Härte, ohne nach Sensation zu gieren. Anders als Heinrich Breloer in seiner Verfilmung "Todesspiel" verzichtet der Drehbuchautor Remy auf dokumentarische Elemente, drehte stattdessen eine eigenständige Dokumentation.
Eine Szene berührt gegen Ende des Films. Helmut Schmidt, von Christian Berkel bis in die Zigarettenspitze grandios verkörpert, wie er nach Schumanns Erschießung dessen Frau im Kanzleramt empfängt. "Ich finde keine Worte", sagt er. Aber wenn das Wunder gelinge, die Geiseln lebend zu befreien, "dann hat Ihr Mann das mit dem Einsatz seines Lebens überhaupt erst möglich gemacht". Die Begegnung ist erfunden, angelehnt an Schmidts Beileidsbrief. Der Abtransport der Leiche soll nicht das Letzte sein, was dem Zuschauer von Kapitän Schumann nach dem Film in Erinnerung bleibt. "Ich konnte mir nie vorstellen, dass Schumann uns im Stich lassen wollte", sagt Jürgen Vietor, 66, damals Copilot der "Landshut", ein leutseliger Herr mit fröhlich blitzenden Augen. "Der Film ist eine Hommage an ihn - eine sehr verdiente."