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Zuckende Leiber, zarte Worte

Pro Sieben und Sat.1 suchen Deutschlands beste Tänzer. Wieso sollte man einschalten? Weil die Kandidaten nicht vorgeführt werden. Und wegen Juryfrau Nikeata Thompson, einer Kodderschnauze mit Herz.

Von Simone Deckner

  Bei "Got to Dance" treten Profitänzer und Sportler an, die täglich trainieren - wie man auch bei Kandidatin Zita sieht

Bei "Got to Dance" treten Profitänzer und Sportler an, die täglich trainieren - wie man auch bei Kandidatin Zita sieht

  • Simone Deckner

Was am Ende hängen bleibt: Ein 17-Jähriger, der seine Gelenke derart verdreht, dass man schon vom Zuschauen einen Hexenschuss bekommt. Ein Knirps, der auf dem Kopf brummkreiselt und mit dem Hintern wackelt wie ein Großer. Und ein aus dem Leim gelaufener Bäcker, der nicht – wie bei vielen Castingshows üblich – vorgeführt wird, sondern sich auf der Bühne von seiner leichtfüßigen Seite zeigt. Willkommen bei "Got to Dance", dem neuen Castingformat von Pro Sieben/Sat1! Moment: Castingshow? Ausgerechnet jetzt, wo selbst einstige Quotenbringer wie "Deutschland sucht den Superstar" und "Germany's Next Topmodel" schwächeln, schickt Pro Sieben/Sat1 erneut halbfertige Gesamtpakete zur Aburteilung vor eine Jury? Braucht es wirklich einen Aufguss vom "Supertalent" mit ein bisschen "Let's Dance" ohne Promis, dafür aber mit der Kuschelpädagogik von "The Voice of Germany"? Da müssen die Programmmacher aber haben, was man ihnen gemeinhin abspricht: Phantasie.

Wobei: Tanzen ist "in". Laut einer aktuellen Umfrage gibt es hierzulande rund 7,8 Millionen Menschen, "die sich ganz besonders für Tanzen interessieren." Der Deutsche Tanzsportverband zählt 225.000 Mitglieder. Unzählige Laien-Fred-Astaires verrenken freudestrahlend ihre Extremitäten zu Songs wie "Gangnam Style" und "Harlem Shake". Tanzen ist gesund, lässt Pfunde purzeln und strahlt Lebensfreude aus.

"Allein die Performance zählt!"

Das Format "Got to Dance" läuft seit 2009 erfolgreich in Großbritannien. Der erste Gewinner war ein 10-Jähriger, der sich mit dem Preisgeld unter anderem seinen größten Wunsch erfüllte: ein Handy. Auch in der hiesigen Fassung geht es darum, den "besten Dance-Act Deutschlands" zu finden. Stilrichtung: egal. Alter: auch. "Allein die Performance zählt!", proklamiert der Sender. Der Sieger kann sich am Ende immerhin 100.000 Euro in die qualmenden Tanzschuhe stecken.

Doch bis dahin gilt es Zuschauer und Jury zu überzeugen. Das bekanntestes Jurymitglied: Take-That-Tanzteufel Howard Donald. Der ist mittlerweile 45, aber vom Pirouetten drehen mit geöffnetem Hemd versteht der Mann nachweislich was. Hat er doch früher viele Choreographie für seine Band-Buddys ausgeheckt. Palina Rojinski (28) ist Moderatorin, Schauspielerin, DJane und zurzeit mit Joko und Klaas in "Circus Halligalli" zu sehen. Rojinski war in ihrer russischen Heimat zweimal Juniorinnenmeisterin in rhythmischer Sportgymnastik. Aber schon jetzt steht fest: Die Entdeckung der Show ist Nikeata Thompson (32): Leichtathletin, Tänzerin, Choreografin, unter anderem von Bootsy Collins, Seed und Jan Delay. Die Frau mit jamaikanisch-britischen Wurzeln sieht aus wie ein Model. Aber sie spricht mit dem derben Ton eines Hafenarbeiters. Eine Kodderschnauze mit Astralkörper. Die Sätze raushaut wie diesen: "Ich war so berührt, aber dann macht ihr diese zwei Kackfehler, shit!"

"6500 Milliarden Prozentbock auf den Auftritt"

Thompson besitzt genau die richtige Mischung aus Strenge und Mütterlichkeit: Wenn sie etwas toll findet, lobt sie. Und sie lässt ihren Gefühlen freien Lauf. Es wird ordentlich geweint. Aber sie kann auch anders: Strengen Blickes ermahnt sie die Kandidaten dann, nicht nachzulassen. Macht sie ja auch nicht: Mit Sven, der sich "Poppin Hood" nennt, weil er gern was für Menschen tut, zuckt sie sich spontan durch eine improvisierte Performance wie eine Marionette mit ADHS. Der Tanzstil nennt sich Electric Boogaloo, lernt man. Überhaupt: Was es alles für Tanzrichtungen gibt! Turfing, Flexing, Garde, Vogueing.

Viele Kandidaten treten in Teams an. Aber es gibt auch Einzelkämpfer. Wie den neunjährigen Leandro, der "6500 Milliarden Prozentbock auf den Auftritt" als gelangweilter Schüler hat, der in seiner Pause zum Breakdancer wird und weiterkommt. Oder wie die grazile Profitänzerin Leo Melody, der Nikeata bestätigt: "Du bist eine geborene Tänzerin." Für eine andere Kandidatin reicht es trotz reichlich Körpereinsatz nicht. Howard Donald: "Du hast einen süßen Arsch. Aber das allein reicht nicht."

Talent- und keine Freakshow

Schnell wird klar: Wir haben es hier mit einer Talentshow zu tun – nicht mit einer Show, in der Talentfreie vorgeführt werden. Hier treten amtierende Europameister im Breakdance, Profitänzerinnen und Sportler an, die täglich trainieren. Niederlagen werden nicht ausgewalzt, sondern nur kurz gezeigt. Kein Kandidat wird lächerlich gemacht. Die Lieblingsworte der Jury: Hammer, Oberhammer und "real Hammer" (Howard Donald). Spezielle Kameras frieren besonders beeindruckende Tanzeinlagen ein, zeigen sie in "Matrix"-Optik. Das ist schön anzusehen. Allerdings nutzt sich der Effekt schnell ab. Nach der siebten Tanzperformance kommt etwas Langeweile auf.

Die wird durch Backstage-Moderatorin Johanna Klum noch verstärkt. Ihre Perfomance als "Johanna, die Tollfind-Tante", ist noch etwas eindimensional und ausbaufähig. Drei goldene Sterne würde man als Jurymitglied jedenfalls nicht vergeben. Und noch eine Hürde: Pro Sieben/Sat1 wirbt sogar damit: "Die Show kennt keine Einschränkungen." Genau das macht es schwierig. Wie kann man süße Kids mit knallharten Profis vergleichen? Wie skurrile Körperkünstler mit Freestylern? Letztlich werden die Sympathien entscheiden. Aber das eint ja alle Castingshows. Bloß: Nur bei dieser kann man sich auf die nächsten Gefühlsausbrüche einer Nikeata Thompson freuen. Und auf Sätze wie diesen: "Ey, Du hast mich voll berührt. Ich bin ganz weich wie Butter."

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