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Diagnose ohne Therapie

Bei Günther Jauch sind sich alle einig, dass in den deutschen Krankenhäusern zu viel operiert wird. Bei der Frage, wie man das ändern kann, herrscht indes Ratlosigkeit.

Von Jan Zier

  "Wann wird es mal wieder richtig Sommer?": Günther Jauch hat die brennenden Fragen.

"Wann wird es mal wieder richtig Sommer?": Günther Jauch hat die brennenden Fragen.

  • Jan Zier

Für einen kurzen Moment, mindestens, war Günther Jauch an diesem Abend sehr kapitalismuskritisch. Systemfeindlich gar. Es ging um die "Patientenfalle Krankenhaus", um "unnötige Operationen für satte Gewinne". Ein Thema, bei dem ja fast jeder etwas zu sagen hat. Und plötzlich hatte ihm Moderatorenkollegin Sonja Seymour Mikich den Floh ins Ohr gesetzt, Krankenhäuser sollten gar nicht denken und funktionieren wie Marktwirtschaft eben denkt und funktioniert. Aber es war nur ein flüchtiger Gedanke an diesem Talkshowabend. Nicht richtig zu Ende gedacht. Und schon wieder vergessen, als die Protagonisten des Wettbewerbs eben jenen schnell wieder verteidigten, mit Hilfe von ein paar Horrorszenarien. Am Ende stand also wieder Wohlgefallen. Irgendwie ist doch alles nicht so schlecht, von ein paar, wie sagt man heute, "Fehlanreizen" mal abgesehen.

In kaum einem anderen Industrieland werden so viele Patienten in Kliniken versorgt wie in Deutschland. Nirgendwo werden pro Kopf so viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen behandelt, werden so häufig künstliche Hüften eingesetzt wie hierzulande. Pro 1000 Einwohner zählte die OECD jüngst 240 Behandlungen im Krankenhaus. Das sind 85 mehr als im OECD-Durchschnitt. Zum Vergleich: In den Niederlanden gab es 116 Behandlungen, in Spanien 102. Auch bei der Zahl der Klinikbetten liegt Deutschland weit vorn. Und so weiter.

"Leistungsbezogene" Verträge als Problem

Die Probleme waren an diesem Abend schnell ausgemacht, da war wenig Raum für echte Kontroverse. Es gibt zu viele gut "planbare" Operationen, sagt Jürgen Graalmann, Vorstandsvorsitzender der AOK, also etwa an den Bandscheiben, der Hüfte oder dem Knie. Warum es die gibt? Unter anderem, weil viele Ärzte offenbar "leistungsbezogene" Verträge haben, wie das so schön heißt. Und also etwa 10.000 Euro extra einstreichen, wenn sie 50 neue Kniegelenke im Jahr einsetzen, oder 20.000 Euro, wenn sie 200 Dialysen jährlich zusätzlich aquirieren.

Das ist irgendwie "nicht gut", sagt auch Andrea Grebe, die Geschäftsführerin der Vivantes-Kliniken. Was aber nicht heißt, dass es das in ihren Krankenhäusern nicht gibt. Und verfassungsrechtlich sei das nicht zu verbieten, sagt der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn, da helfe allenfalls mehr Transparenz. Im übrigen will er, wen wundert's, "das System" auch gar nicht grundsätzlich in Frage stellen. AOK-Chef Graalmann schon. Er denkt dabei aber vor allem daran, dass er die "zehn bis 20 Prozent" der Krankenhäuser, die seiner Ansicht nach qualitativ "nicht so gut" sind, im Grunde gar nicht bezahlen will. Und daran, die Kliniken viel stärker zu spezialisieren. Es gebe zu viele Kliniken, die "alles" machten und im Wettbewerb zueinander stünden. Also ist der Wettbewerb das Problem? Nein, sagt Spahn: "Nicht jedes Krankenhaus braucht eine Kardiologie".

Fallpauschalen verursachen Zeitdruck

Und dann ist da noch die Sache mit den Fallpauschalen. Früher bekamen Kliniken umso mehr Geld, je länger die PatientInnen bei ihnen verweilten. Das hat die rot-grüne Bundesregierung vor zehn Jahren abgeschafft, seither bekommt jeder für eine Blinddarm-Operation die gleichen 2.400 Euro. Also ist ein Herzinfarkt-Patient, der früher drei Wochen in der Klinik lag, heute nach fünf Tagen wieder draußen. Je schneller, desto lukrativer. "Den Zeitdruck kann man nicht wegdiskutieren", sagt auch Grebe. Das ist "patienten- und mitarbeiterverachtend", sagt Hendrik Schneider, freischaffender Anästhesist, der, obwohl als Kritiker des Systems eingeladen, aber auch nicht recht weiß, wie es anders gehen soll. Aber warum auch, wenn wir, wie Graalmann sagt, ja "immer noch eines des besten Gesundheitssysteme der Welt haben".

Zwar ist die Idee der Fallpauschalen aus Mikichs Sicht eindeutig gescheitert. Sie ist selbst mal Opfer einer vorschnellen Darm-Operation geworden, hat darüber ein Buch geschrieben. Doch außer ihr mochte in dieser Runde dann doch niemand recht das Fallpauschalen-System in Frage stellen. Alternativen? Ideen gab es hier leider keine. Es blieb eine wertlose Diagnose ohne Therapie.

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