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Imam Kamouss überfordert Jauch

Was denken Muslime über Gewalt im Namen Allahs, wollte Jauch wissen. Schon nach wenigen Minuten war klar, dass das Thema eine Nummer zu groß für ihn ist. Die Auswahl der Gäste machte es nicht besser.

Von Sylvie-Sophie Schindler

  Der Runde aus Imam, Journalisten und Politikern fehlte es an Sachlichkeit - zum Beispiel in Form eines Wissenschaftlers

Der Runde aus Imam, Journalisten und Politikern fehlte es an Sachlichkeit - zum Beispiel in Form eines Wissenschaftlers

Vielleicht hat Günther Jauch zwischendurch mit dem Gedanken gespielt, dass es hübscher gewesen wäre, und auf jeden Fall nervenschonender, über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher zu "debattieren" oder über das, was Uli Hoeneß gerade so treibt. Doch diese Themen hatte er bereits vor Monaten durch. Frisch aus der Sommerpause in seine eigene ARD-Talkshow gespült, fasste der Moderator also denn ein gewohnt heißes Eisen an – "Gewalt im Namen Allahs – Wie denken unsere Muslime?" – und verbrannte sich gehörig die Finger daran. Spätestens nach der ersten Viertelstunde wurde klar: Das Talkshow-Fiasko ist nicht mehr zu stoppen. Jauch mag Publikumsliebling sein und kann drollige Quizfragen stellen, alles gut, alles prima, aber just an Themen dieser Couleur beweist sich, wer zu den Meistern seines Fachs gehört. Jauch tut es nicht. Man würde ihn am liebsten zurück auf Los schicken. Und die – mindestens - 4000 Euro dürfte er, versteht sich von selbst, auf keinen Fall einziehen.

"Jetzt kommen wir in den Predigtbereich"

Wer am lautesten schreit, kommt am häufigsten zu Wort. An diesem Grundsatz schien sich Jauch am Sonntagabend zu orientieren, als Abdul Adhim Kamouss, Imam in Berlin, so richtig in Fahrt kam, anderen Talkgästen permanent ins Wort fiel und wohl am liebsten die komplette Sendezeit für sich beansprucht hätte. "Jetzt kommen wir in den Predigtbereich", tadelte der Moderator zwar, was sich aber weder souverän anhörte, noch große Wirkung zeigte. Das Heft hielt Jauch da schon längst nicht mehr in der Hand. CDU-Politiker Wolfgang Bosbach indes hielt sich den Kopf als müsste er gerade besonders schweres Leid durchmachen, Neukölln-Bürgermeister Heinz Buschkowsky brachte seine aktuell hohen Blutdruckwerte ins Spiel und blaffte dann den freien islamischen Prediger an: "Können Sie mal die Backen halten." Zu diesem Zeitpunkt war die Dramaturgie bereits vorhersehbar: Je mehr sich Kamouss ins Zeug legte und insistierte, dass er sich für den Frieden einsetze und auf keinen Fall mit radikalen Predigern in Beziehung gebracht werden wolle, desto größer wurde die Abwehr unter den Talkgästen.

Buschkowsky kommentierte: "Ein bühnenartiger Auftritt, schauspielerisch gut gemacht." Und sprach damit Kamouss, der im Bericht des Verfassungsschutzes auftaucht und unter anderem in der umstrittenen Al-Nur-Moschee predigt, die Buschkowsky eine "Hardcore-Einrichtung" nannte, die Glaubwürdigkeit ab. Er hätte das nicht tun müssen, demontierte sich Kamouss doch in seinem ungebremsten Ereifern selbst.

Gebraucht hätte es auch nicht, dass Jauch sich von Vorurteilen leiten ließ. Von wegen unparteiisch. Bosbach wurde ihm dabei zum willkommenen Verbrüderungspartner, der sich ausgesprochen klar positionierte und deutlich machte, innerislamische Konflikte dürften nicht auf Deutschland überschwappen: "Keine Toleranz an falscher Stelle." Statt auf Lichterketten, so Bosbach, müsse man im Ernstfall auf "Gewalt gegen Gewalt" setzen. So wichtig es auch ist, unsere demokratische Gesellschaftsordnung zu schützen, Jesus zitiert der Christdemokrat damit jedenfalls nicht.

Verlorener Jauch kritisiert Zuschauer

Als ihm schon alle Felle davon geschwommen waren, was er selbst hätte verhindern müssen, kritisierte Jauch die Zuschauer, die die Aussagen des Imam beklatschten. "Es klatschen immer dieselben bei Ihnen", so Jauch. Und folgerte daraus, dass Kamouss sie wahrscheinlich mitgebracht habe. Zum Vergleich: Über Menschen, die bei Bosbach und Buschkowsky applaudierten, sprach der Moderator derlei Verdächtigungen nicht aus. Während man das Gefühl hatte, durchschaubarer Stimmungsmache von beiden Parteien ausgesetzt zu sein, wartete man vergebens darauf, dass da noch etwas kommen würde, was das Einschalten gelohnt hätte. Das Thema ist äußerst komplex, die Informationen waren mehr als dürftig. Der Runde hätte ein Aussteiger aus der islamistischen Szene gut getan, auch ein Wissenschaftler hätte Erhellendes beitragen können, um das Phänomen der Radikalisierung deutscher Muslime zu erläutern und inwiefern der Terror der IS-Truppen mit der Religion zu tun hat.

Kurz und gut: Mehr Sachlichkeit, weniger Aufregung – und das Thema hätte den Rahmen bekommen, den es verdient. Denn: Aufklärung tut not. Die Journalisten Özlem Gezer und Stefan Buchen steuerten zwar brauchbare Impulse bei, unter anderem zum typischen Werdegang von Dschihadisten, doch da hetzte Jauch schon wieder woanders hin. Aber wohin eigentlich? Unter den Fernsehzuschauern schien da längst eine Welle der Empörung losgetreten. So sehr, dass im Anschluss an die Sendung minutenlang keine Online-Kommentare abgerufen werden konnten. Aus der Redaktion kam der Hinweis: "Achtung: Es gibt gerade technische Probleme mit dem Forum und wir können Beiträge nicht veröffentlichen." Und: "Entschuldigen Sie bitte – wir arbeiten an dem Problem." Man kann nur hoffen, dass auch andere Probleme endlich erkannt und behoben werden.

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