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Wenn Homophobie auf die Realität trifft

Vor Beginn des Maischberger-Talks zum Thema Homosexualität wurde die Redaktion als homophob kritisiert. Die Sendung zeigte aber, wie wichtig es noch immer ist, über sexuelle Vielfalt zu sprechen.

Von Dominik Brück

  Talk-Moderatorin Sandra Maischberger klapperte so ziemlich jede Schlagzeile ab, die der Sport produziert.

Talk-Moderatorin Sandra Maischberger klapperte so ziemlich jede Schlagzeile ab, die der Sport produziert.

Im Vorfeld der Talkshow war die Aufregung groß: Der Titel "Homosexualität auf dem Lehrplan: Droht die moralische Umerziehung?" und die Einladung von zwei Gästen, die das schwul-lesbische Magazin "Queer" als notorische Homo-Hasser bezeichnet, rief viel Kritik hervor. "Man hat unserer Redaktion vorgeworfen, homophob zu sein", sagt Moderatorin Sandra Maischberger im Laufe der Sendung.

Die Debatte entwickelt sich jedoch zum Gegenteil: Die umstrittenen Gäste Hartmut Steeb, Generalsekretär der "Deutschen Evangelischen Allianz", und die Journalistin Birgit Kelle geraten schnell in die Defensive. Die Travestie-Künstlerin Olivia Jones, der CDU-Politiker Jens Spahn und die Schriftstellerin Hera Lind hingegen machen deutlich, wie notwendig es ist, Kindern die gesellschaftlichen Realitäten zu zeigen, damit derartige Debatten bald der Vergangenheit angehören können.

Keine Akzeptanz von Homosexualität

Hintergrund der Sendung sind die Pläne der rot-grünen Landesregierung in Baden-Württemberg, nach denen sexuelle Vielfalt zukünftig fächerübergreifend gelehrt werden soll. Rund 200.000 Menschen haben gegen diesen Bildungsplan bereits eine Petition unterzeichnet, die unter anderem "den sofortigen Stopp einer propagierenden neuen Sexualmoral" fordert.

Steeb gehört ebenfalls zu den Unterzeichnern der Petition, ist während der Sendung jedoch bemüht, den Tenor des Papiers herunterzuspielen. "Der Bildungsplan hat eine einseitige Ausrichtung auf sexuelle Vielfalt", erklärt Steeb. Es ginge ihm nur darum, auch andere Themen wie den Umgang mit Behinderten zum Teil des Schulunterrichtes zu machen. Birgit Kelle zeigt gleich zu Beginn der Sendung worum es ihr eigentlich geht. Durch den Bildungsplan werde die Akzeptanz von Homosexualität gefordert, mehr als tolerieren könne sie diesen Lebensentwurf jedoch nicht. "Akzeptieren bedeutet, dass ich das gut finde. Mir ist aber egal, wie andere Leben wollen, ich toleriere das", sagt Kelle.

Männern Mut machen, Frauen zu heiraten

Jens Spahn will sich jedoch mit derartigen Wortspielen nicht lange aufhalten: "Das gefährliche an einer derartigen Debatte ist doch, dass sich homosexuelle Menschen weniger Wert fühlen als andere", sagt Spahn. Es sind besonders die Kommentare des homosexuellen CDU-Politikers, die Steeb und Keller weiter in die Defensive drängen. Auch Moderatorin Maischberger hakt immer wieder nach und lässt sich mit Beteuerungen, es gehe rein um die Inhalte des Bildungsplans nicht abspeisen.

Schließlich zeigt Steeb dann doch noch, was er tatsächlich denkt. "Ich möchte Männern Mut machen, Frauen zu heiraten", sagt der Generalsekretär der Evangelischen Allianz. Eine sogenannte Regenbogenfamilie, in der schwule Männer und lesbische Frauen gemeinsam ein Kind haben, sei für ihn nicht gleichwertig zu einer Familie, die nur aus Mann und Frau besteht. "Wir sind von unserer Natur darauf angelegt", erklärt Steeb. Seine Erläuterung es sei die "erstrebenswerte Lebensform", dass Mann und Frau gemeinsam Kinder für das Wohl der Gesellschaft zeugen, kommentiert Olivia Jones gewohnt flapsig: "Die Frau ist doch kein Brutkasten und der Mann ihr Zuchthengst."

Viele Vorbehalte gegen Homosexuelle

Obwohl Steeb und Kelle bemüht sind, sich offen und tolerant zu geben, zeigen ihre Formulierungen, dass es bei ihnen zahlreiche Vorbehalte gegen Homosexuelle gibt. Kelle versucht zwar, die Debatte darauf zu lenken, ob es die Aufgabe des Staates oder der Eltern ist, derartige Themen mit Kindern zu besprechen, impliziert jedoch an mehreren Stellen, dass sie ihre Kinder am liebsten so weit wie möglich von dieser Debatte fernhalten möchte.

Für Jens Spahn und Olivia Jones ist es ein Leichtes, die Argumente der Petitionsunterstützer zu widerlegen. Beide können anhand von sehr persönlichen Erfahrungen deutlich machen, wie wichtig es ist, mit Kindern über das Thema sexuelle Vielfalt zu sprechen. "Es ist leider auch heute noch normal, dass Kinder auf dem Schulhof als schwule Sau beschimpft werden", erzählt Spahn. Auch gebe es bei Erwachsenen noch immer viele Vorbehalte gegen Homosexuelle. Er habe Freunde, deren Eltern den Kontakt völlig abgebrochen hätten, nachdem sie vom Coming Out ihres Sohnes erfahren haben.

Möglichst früh darüber reden

Olivia Jones weist darauf hin, dass Kinder mit der gesellschaftlichen Realität von sexueller Vielfalt schon sehr früh in Berührung kämen, zum Beispiel durch Fernsehen und Internet. "Man kann deshalb nicht früh genug damit anfangen darüber zu reden, damit Vorurteile nicht entstehen können", sagt Jones.

Die Debatte bei Maischberger zeigt auf jeden Fall, dass homophobes Gedankengut in der Gesellschaft noch weit verbreitet ist. Sie macht jedoch auch deutlich, dass solchen Vorurteilen und Diskriminierungen mit Fakten und der Realität entgegengetreten werden kann. Dafür bedarf es jedoch nicht nur Debatten in den Medien und der Gesellschaft, sondern auch die rechtzeitige Vermittlung von Akzeptanz in der Schule. Das Ziel dieses Prozesses fasst Hera Lind, die den Abend über häufig sehr schweigsam war, gut zusammen: "Ich hoffe, dass wir in ein paar Jahren eine solche Sendung nicht mehr nötig haben."

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