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TV-Kritik

Wie "Spiel ohne Grenzen" für Sexual-Straftäter oder "Takeshi's Castle" auf Nordkoreanisch

Eine TV-Sendung, nur mit der Sagrotan-Flasche neben der Fernbedienung auszuhalten. Guantanamo in HD. Ein prekäres Feuchtgebiet der niederen Instinkte. Willkommen im RTL Folterhaus der "Stars".

Von Ingo Scheel

Du weißt, es ist -Abend, wenn der Nachbar klingelt, um sein DHL-Paket abzuholen und du die Wohnzimmertür schnell noch zuziehst, damit er nicht mitbekommt, was du da im Fernsehen schaust. Ein Blick auf den Computerscreen hätte nicht eben für einen besseren Leumund gesorgt. Schnell nochmal "einen blasen" und "Sommer" gegooglet, um zu schauen, woran man da in der Vorwoche haarscharf vorbeigeschlittert ist. RTL "Sommerhaus der Stars" - zumindest einmal zu Beginn muss man sich das auf der Zunge zergehen lassen.

- so weit, so gut. Das müsste stimmen. Schon das "Sommerhaus" leidet unter akuter Begriffsvermummung: Eine schäbige Hütte, die man augenscheinlich bei AirBnB nur in den dreistelligen Seitenzahlen findet, möbliert mit an Ausfallstraßen zum Vermodern aufgestellten Ex-Möbeln, Tischen mit Wachstüchern, die schon präventiv bekotzt aussehen und Etagenbetten aus pädagogisch fragwürdigen 60er-Jahre-Kinderverschickungen an den Alpenrand - soweit die Kulisse dieses "Sommerhauses". Und die Stars? Die sind nach der Exmatrikulation der Semmelrogges nicht einmal in homöopathischen Dosen vorhanden. Sei es drum.

Beim Spiel "Schwamm drüber" müssen die Teilnehmer des "Sommerhaus der Stars" in Schwamm-Anzügen Wasser transportieren

Beim Spiel "Schwamm drüber" müssen die Teilnehmer des "Sommerhaus der Stars" in Schwamm-Anzügen Wasser transportieren


Die "Stars" und ihr "Sommerhaus"

Schauen wir auf die Krankenblätter und versuchen wir zumindest einen Moment lang die Hoffnungslosen, die vollends Verlorenen, zu identifizieren: Nico Schwanz mäandert durchs Geläuf, als wenn er auch in der Freizeit auf Dauerwerbesendung ist, seine Gefährtin Saskia (?) wirkt ihm zugeordnet wie eine Sitznachbarin im Linienbus. Der Mann Aurelio ist mit dem versteckten Zwilling von Rafael van der Vaarts Ex Sabia angereist und Markus, immerhin mal mit Nena in der Badewanne gelegen - oder war das Desirée Nosbusch? - sieht nicht nur aus wie Effe nach dem Vampirlifting, er trägt auch dessen Ed-Hardy-TShirts auf, Freundin Yvonne kichert über alles wie ein altes Mofa. Hubert und Matthias (alle Namen wie immer ohne Gewähr) sehen aus, als hätte sie die Hamburger Stadtreinigung nach dem letzten Schlagermove mit dem C-Rohr aus einer stillgelegten Karaokebar gespült. Entsprechend lyrisch geraten deren Aussprüche: "Wer einmal leckt, der weiß, wie's schmeckt". Genau die randständische Rhetorik also, aus der Mickie Krause seine Ballermann-Hits drechselt. Und Helena Fürst? Die hat ihren auf Ebay geschossenen Lover Ennesto - Italo-Gesten, Bill-Kaulitz-Iro ca. "Durch den Monsun"-Phase und dankenswert verwaschene Aussprache - im Gepäck.


Der Anblick jener "Spiele", die die Durchreisenden hier zur Strafe für ihr verkorkstes Leben absolvieren müssen, lässt Kakerlaken-Lutschen und Hoden-Beißen im Dschungelcamp in einem ganz neuen Licht erscheinen. Mit Kopfbedeckungen, die aussehen wie Adventskränze aus Käse, müssen die weiblichen Gefangenen in ihren zu Kardashian-Umfang aufgeschäumten Fake-Brüsten und Hinterbacken Wasser sammeln und in einem anderen Bassin wieder auswringen. Steadycam von unten, immer feste hinten druff. Wie "Spiel ohne Grenzen" für Sexual-Straftäter oder "Takeshi's Castle" auf Nordkoreanisch. Man möchte sich zwischendrin kurz mal Naddels Brüstewiegen oder Plattencover von Eisenpimmel angucken, um dem Auge etwas Niveauvolles zu gönnen.

Quizfragen als Restwürdeverletzungen

Während man gerade noch überlegt, wie man das später einmal seinem Kind erklärt, keckert Ennesto angesichts der nassen Damen quer über die Sitzgruppe: "Wenn die jetzt nicht feucht sind, dann weiß isch auch nicht". In der Tat: Weiß ich auch nicht. Der Mann ist mit der Fürst angereist - das beantwortet eigentlich alle Fragen. Wer darüber noch rätselt, was nötig ist, um derlei Paarkonstellation einzugehen, dem gibt der letzte Mohikaner gleich die Antwort: "Eier bis zum Knie". Dass der Mann hier Antworten gibt, ist der Ausnahmefall. Einer wie Ennesto ist eher auf der fragenden Seite und da auch nicht scheu, die unbequemeren zu stellen: "Wie kann eine Frau gut im Bett sein, die nicht mal zehn Minuten hin- und herlaufen kann?" Nun denn - bei einem wie ihm dürfte zehn Minuten weglaufen per se schon reichen.

Wer das nicht schafft, der muss mitanschauen, wie die Köpfe der männlichen Insassen so lange mit geschnittenen Zwiebeln malträtiert werden, bis ihnen der scharfe Saft vorn und hinten die Hose nass machen. An diesem Ort sicher kein ganz ungewöhnlicher Umstand - gefilmt wird in einer stillgelegten Fabrikhalle, in der sonst wohl nur noch Flatrate-Bumsen oder andere Foltereien stattfinden. RTL im Sommer - Neu-Guantanamo am Rhein. Dabei haben wir noch nicht einmal über die Quizfragen gesprochen, zusammengefegte Restwürdeverletzungen über Schamlippen, Warzenvorhöfe und Orangenhaut.

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Mittendrin sind die Ludolfs so etwas wie Charlton Heston in "Planet der Affen": die letzten Menschen. Manni mit grüner Pudelmütze, Jana mit Motörhead-Shirt, so stellt man sich die Praktis vom Hausmeister des Wacken-Festivals vor. Leider hat Jana weder die Temperatur-Einstellung der Waschmaschine noch die Treppe so richtig verinnerlicht. Ersteres führt nur zu Unstimmigkeiten, letzteres zu einem üblen Sturz, bei dem sich Jana eine Wunde am Bein, grob geschätzt Kniebereich, zuzieht, die später auch noch zu nässen beginnt. Eiter Daus - die Ludolfs sind raus. Vor die Amputation hat RTL den Auszug gestellt. Ein Restfunken an Menschlichkeit auf Senderseite. Davon kann sich hier im Sommerhaus - und da hat der Manni recht, auch wenn es sich mit Blick auf den Körperumfang seiner Gattin etwas holprig anhört - so mancher eine Scheibe abschneiden. 

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