Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

Die Freifrau und die bösen Männer

Die erste Folge von "Tatort Internet" zeigte Kinderschänder auf der Teenie-Jagd. RTL 2 und Co-Moderatorin Stephanie zu Guttenberg wurden wegen der Reihe scharf kritisiert. Tatsächlich ging die Sendung erstaunlich sensibel mit dem Thema und den Opfern um - nur die Täter wurden hart angefasst.

Von Gernot Kramper

Tatort Internet" heißt die neue Reihe des Senders RTL2. Sie soll vor den Gefahren sexueller Übergriffe auf Kinder im Internet warnen und die Kinderschänder vor laufender Kamera überführen. Nebenbei sucht der gebeutelte Sender Publicity und hat diese dank des Auftritts von Co-Moderatorin und Ministergattin Stephanie zu Guttenberg auch bekommen.

Hohn und Spott hagelte es zunächst für den Trash-Sender RTL2. Der Exotenkanal gilt als "One-Hit-Wonder" der TV-Landschaft und ist einer breiteren Öffentlichkeit vor allem durch seinen Dauerbrenner "Big Brother" bekannt. Das ist die Containershow, die mit einer explosiven Mischung von bräsigen Dumpfbacken und traurigen Pornosternchen den Begriff Prekariatsfernsehen in immer neue Niederungen führt.

Auch kann man sich trefflich lustig machen über eine Ministerinnengattin, die sich als rockiger ACDC-Fan outet und sich zugleich öffentlich um den Sittenverfall durch Lady Gagas Fleischkostüm sorgt. Immerhin sind ACDC in ihrer Geschichte für jeden Rock- und Schockskandal gut gewesen. Neben den Altrockern schrumpfen Gaga und Beyonce zu dem, was sie tatsächlich sind: behütete Bürgertöchter, die sexy mit den Hüften wackeln.

Kinderschänder geködert

Mit der eigentlichen Sendung hat das Lamento nichts zu tun und die erste Folge von "Tatort Internet - Schützt endlich unsere Kinder" war weit besser als gedacht. "Tatort Internet" ist Infotainment und versammelt in seiner Bildsprache die grellen Hilfsmittel, mit denen heutzutage Informationssendungen aufgebrezelt werden. Also wackelt die Kamera, schnelle Schnitte ahmen schlechte Krimis nach, und bei jeder Gelegenheit raunt eine tiefe Stimme beunruhigende Weisheiten in den Raum, unterbrochen wahlweise von Bläsereinsätzen oder Düsterklängen, für die bekannten Klassiker geplündert werden. Am Anfang war das penetrant, als die Sendung später zu ihrem Thema gefunden hatte, wurde das Effekt-Feuerwerk deutlich zurückgefahren.

Die investigative Methode der Redaktion ist simpel. Kinderschänder bekommt man genauso an die Angel wie Piranhas. Einfach einen Köder Frischfleisch ins Wasser werfen, und schon fängt das Becken an zu brodeln. Für die Möchtegern-Kinderschänder mussten nur ausgedachte Chatprofile von Teenies ins Netz gestellt werden, dazu ein paar unbedachte Äußerungen, schon konnten sich die Phantom-Chatterinnen nicht mehr vor erwachsenen Interessenten mit eindeutigen Absichten retten. Eine auf 13 umgeschminkte Jungschauspielerin traf sich dann mit den neuen Chatfreunden - gefilmt von versteckten Kameras. Bevor etwas geschehen konnte, verschwand die junge Frau. Das Redaktionsteam übernahm, und der Kinderschänder in spe wurde mit seinen Chatprotokollen und mit seinen verschickten Genitalfotos konfrontiert.

Schockierend - weil es sich um die Realität handelt

Neu war das alles nicht, aber Kindesmissbrauch ist leider auch nicht neu. Er passiert nur immer wieder. Widerlich ist es zu sehen, wie gewissenlos sich Männer aus der Mitte der Gesellschaft planvoll an junge Mädchen heranmachen. Dass auch noch ein Lehrer und ein Mann aus der Jugendarbeit in dieser Folge dabei waren, machte die Sache besonders unangenehm.

Waren die Bilder mit der Handkamera gerechtfertigt? War es richtig, jemand wie den Berliner Lehrer mit seinem Appetit auf Teenies zu konfrontieren? Auf jeden Fall, denn die Bilder sind nicht reißerisch, weil sie inszeniert wurden, um uns zu schockieren, sondern sie schockieren, weil sie die Realität darstellen.

Kindesmissbrauch gehört nicht nur in nachdenkliche Expertenrunden auf 3Sat. Als Präsidentin des Vereins "Innocence in Danger" kämpft Stephanie zu Guttenberg seit Jahren gegen sexuellen Missbrauch an Kindern. Bei RTL2 findet sie vermutlich am ehesten die Kinder und Mütter, die sie vor den Gefahren im "Tatort Internet" warnen will.

Von Pranger keine Rede

Diese RTL2-Sendung war wohltuend unvoyeuristisch aufgebaut. Und das ist eine Leistung, denn viele andere Dokumentationen, die die schockierende Wahrheit über Themen wie den längsten Straßenstrich in Europa versprechen, locken ihre Zuschauer vor allem mit knisternden Rotlichtaufnahmen. In "Tatort Internet" gab es nur die dumpfe Geilheit der Täter, die mit akribischen Vorsicht eines professionellen Kriminellen vorgingen und während der Konfrontation vor der Kamera dann ihre ganze Jämmerlichkeit zeigten. Übrigens vollständig verpixelt, so dass man kaum von einem Pranger sprechen kann.

Stephanie zu Guttenberg hat sich bei RTL2 auf einer Pressekonferenz für den "Mut" bedankt, die Hauptsendezeit dem heiklen Thema zu widmen. Und richtig, bevor man sich über den Trash-Sender beschwert, sollte man fragen, wieso so ein relevantes Thema überhaupt bei dem obskuren Kleinsender landen konnte? Das konnte nur geschehen, weil Sender, die berufener gewesen wären, ihren Zuschauern das unangenehme Thema nicht nach dem Abendessen vorsetzen wollten.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools