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22. September 2008, 10:59 Uhr

Wenn der Zuschauer nix rafft

Die Talkrunde bei Anne Will diskutierte über den RAF-Film "Der Baader Meinhof Komplex", und das durchaus kontrovers. Gerne hätte sich der Zuschauer seine eigene Meinung gebildet - zu blöd, dass der Film noch gar nicht in den Kinos läuft. Von Carsten Heidböhmer

Diskutierten über den RAF-Film: die Schauspieler Moritz Bleibtreu und Martina Gedeck, SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel, Anne Will, Clais Baron von Mirbach und Autor Stefan Aust (v.l.)© NDR/Wolfgang Borrs

Selten wirkte ein Adjektiv so unpassend wie das Wort, mit dem Clais Baron von Mirbach den RAF-Film "Der Baader Meinhof Komplex" beschrieb: Die Darstellung der Verbrechen sei "gerafft". Da musste man als Zuschauer schon schlucken. Denn Mirbachs Vater war 1975 Militärattaché in der Deutschen Botschaft in Stockholm und wurde von RAF-Terroristen bei der Botschaftsbesetzung ermordet - und zwar auf eine besonders grausame und hinterhältige Weise. Mirbach war in Wahrheit nach den auf ihn abgefeuerten Schüssen nicht auf der Stelle tot, wie es der Film darstellt, sondern wurde schwer verwundet die Treppe herunter gestoßen. Dort lag er eine Stunde im Todeskampf, weil die Terroristen den Sanitäter sofortigen Zutritt zur Botschaft untersagten. Diesen Vorgang angemessen darzustellen, kann ein Film, der zehn Jahre von 1967 bis 1977 abdecken will, natürlich nicht leisten. Aber es ist durchaus nachvollziehbar, wenn einige Passagen in den Augen von dem Sohn des Ermordeten zu sehr "gerafft" sind.

Mit Clais Baron von Mirbach hatte Anne Will den obligatorischen "Betroffenen", der sonst immer aufs Sofa verbannt wird, in die Gesprächsrunde hereingeholt. Und das war gut so: Angesichts der medialen Wellen, die der RAF-Film bereits im Vorfeld schlägt, taten die nachdenklichen Worte Mirbachs gut - stellten sie doch klar, dass es hier nicht um fiktive, sondern um reale Verbrechen geht.

Ein zweiter "deutscher Herbst" steht bevor

Anne Will hatte eine kleine Runde geladen, um über das deutsche Kinohighlight der Saison zu sprechen. Die Verfilmung von Stefan Austs Bestseller "Der Baader Meinhof Komplex" soll nach dem Willen der Macher gleichsam einen zweiten "deutschen Herbst" herbeiführen und die Geschichte der RAF wieder in den Diskurs zurückbefördern. Wie diese Diskurslinien verlaufen könnten, darauf gab die Talkshow einen ersten Fingerzeig.

Die Runde gliederte sich in zwei Gruppen: Vertreter des Films (zu Stefan Aust gesellten sich die Schauspieler Moritz Bleibtreu und Martina Gedeck) saßen zwei unmittelbar Betroffenen gegenüber: Neben dem Mirbach-Sohn war Hans-Jochen Vogel gekommen, der von 1974 bis 1981 als Bundesjustizminister den RAF-Terror an vorderster Front miterlebte.

"Opfer als Schießbudenfiguren"

Und so war es Vogel, der das vom Film transportierte Geschichtsbild frontal attackierte: Die staatlichen Repräsentanten würden mit einer Ausnahme als unsympathisch dargestellt, während die Terroristen durchweg lässig und cool herüberkämen. Diesen Eindruck teilte Mirbach, der einen weiteren Vorwurf anfügte: "Opfer werden als Schießbudenfiguren gezeigt".

Terroristen als coole Helden, Vertreter der Staatsmacht und Mordopfer als schwache Figuren? Diesen Vorwürfen wollte Stefan Aust entschieden widersprechen. Zur Erhellung des Publikums spielte die "Anne Will"-Redaktion immer wieder Filmszenen ein. Diese waren jedoch so willkürlich zusammengeschnitten, dass sie letzten Endes mehr Verwirrung stifteten, als dass sie irgendetwas erklärten. So ließ die ganze Veranstaltung den Zuschauer mehr als ratlos zurück: Wie gerne hätte man den Film im Vorfeld gesehen, um mitreden zu können. Aber nein - er läuft ja erst am Donnerstag in den Kinos an. Wem sollte man glauben?

Martina Gedeck offenbarte bei ihren Redebeiträgen bisweilen Probleme, zwischen ihrer Person und der von ihr gespielten Rolle der Ulrike Meinhof zu unterscheiden: Mit verklärtem Blick und feuchten Augen schwärmte sie von der "sanften und unnachgiebigen Stimme" Meinhofs und dem Gerechtigkeitssinn, der sie in jungen Jahren erfüllt habe.

Moritz Bleibtreu war es schließlich, der die Bedeutung des "Baader Meinhof Komplexes" in dieser Runde relativierte. Es handele sich doch nur um "einen Spielfilm, der natürlich auch der Unterhaltung dient." Sicherlich ein legitimes Anliegen für einen Film. Das wirft allerdings die Frage auf, welchen Zweck die Talkshow "Anne Will" erfüllt. Die Anwesenden verfügten über ein Herrschaftswissen, das sie mit dem Zuschauer nicht teilen konnten. Ein Gespräch über einen Film, den kein Zuschauer bislang sehen konnte, ist weder unterhaltsam noch informativ. Einzig die Macher des Kinofilms scheinen sich angesichts des kostenlosen PR-Coups die Hände gerieben zu haben.

Von Carsten Heidböhmer
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
gsc777 (23.09.2008, 13:17 Uhr)
Wieder einmal....
...ein Thema, das für Frau Will viel zu kompliziert ist. Sowas ist nichts für sie. Und Frau Gedeck sollte sich nicht so viel Zeugs reinwerfen. Das ist ja peinlich!
dritte_Person (23.09.2008, 10:33 Uhr)
Es ist ja nicht ...
die erste Talkshow-Runde von "Anne Will" die deutlich aufzeigt, dass es an der Zeit ist, entweder das Konzept dieser Talkshow komplett zu überarbeiten oder aber diese Talkshow aus dem Programm zu nehmen.
flyingfree (23.09.2008, 08:06 Uhr)
Überfordert
Wer sich nicht längst ein wenig mit dem Thema Staat versus RAF beschäftigt hat, wer dafür tatsächlich einen Kinofilm benötigt. Der liest die Geschichte nach dem Film am besten in Bild nach. Oder anstatt.
Mit Anne Will kam zurecht wer nicht zu jung oder zu gleichgültig ist.
zaxxon (22.09.2008, 18:22 Uhr)
@Gallagher
was soll denn diese "verzweifelung" rechtfertigen? doch nicht etwa mord!?!
solche unbelehrbaren frustrationsschreiber wie sie lassen mich auch manchmal verzweifeln! na und...
redtiger (22.09.2008, 17:43 Uhr)
PR für die RAF??
Bei dem was ich bisher von diesem Film gesehen und gehört habe, ist er ganz sicher kein Anti RAF Film!
Er zeigt die Terroristenmörder viel zu sympatisch und den Staat und "Diener" als Unsympaten.
Er läßt die ermordeten "Normalopfer so ziemlich außen vor.
Das zeigte sich ja auch in dieser Diskussion.
Erst Herr Vogel machte darauf aufmerksam.
Dafür bekam Er hier ja schon sein Fett weg.
Dieser Film gehört in die Kategorie pro RAF, die Diskussion wäre dort auch fast gelandet.
Diese Diskussion hätte besser erst stattgefunden, nachdem der Film der breiten Öffentlichkeit gezeigt worden wäre.
Die RAF ist und bleibt eine Mörderbande, es gibt keinerlei Gründe für ihr tun.
Wer das Tun der RAF rechtfertigt, rechtfertigt Morde!
Gallagher (22.09.2008, 16:08 Uhr)
Der rechthaberische Oberlehrer
Vogel lieferte ungewollt den Beleg, dass man damals an vielen Staatsvertretern durchaus verzweifeln konnte.
vegefranz (22.09.2008, 14:48 Uhr)
Schluss mitZwangsgebühren
Es muss das System des zwangsbebührenzahlens endlich abgeschafft werden. Die öffentlich-rechtlichen liefern (Beispiel Will) nur noch schwaches Zeug ab. Den Job hat Will nur der Frauenquote zu verdanken
UR63 (22.09.2008, 11:55 Uhr)
Kaufe ein..
t.
LOL
UR63 (22.09.2008, 11:54 Uhr)
Anne Will
ist genau so eine Nullnummer wie der Rest der Qualitätsjournalisen der BRD!
Der Stern ist mit einbegriffen!
Kalox (22.09.2008, 11:53 Uhr)
igitt
das war eine unerträglich langweilige sendung. inhaltsleeres, anachronistisches gutmenschen-gefasel. die ziele der ursprünglichen RAF wären heute aktueller denn je, aber geredet wird über ein kleines filmchen und die Speerspitze der ausser kontrolle geratenen RAF im Endstadium...
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