Der mit dem Konfetti tanzt

5. Juli 2013, 08:18 Uhr

Ein androgyner Jüngling tanzt, als gäb's kein Morgen mehr. Drei Finalisten sind noch minderjährig. Nur Nikeata Thompson quasselt beim zweiten "Got to Dance"-Halbfinale mit angezogener Handbremse. Von Simone Deckner

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Die klassische Ballettausbildung zeigt Früchte: Dennis M. tanzt sich mit freiem Oberkörper ins Finale©

Für solche Kommentare würde Markus Lanz viel Geld zahlen: "So eine geile Show gibt es nirgendwo anders!", postet ein beseelter Zuschauer auf Facebook. Eine andere will nicht wahrhaben, dass am Freitag schon das Finale von "Got to Dance" dräut: "Waaaas? War aber eine kurze Sendung, snief!".

Tatsächlich entpuppt sich die Suche nach "Deutschlands bestem Danceact" als überraschend kurzweilige Fernsehunterhaltung. Zwar würde man jetzt nicht seinen linken Fuß darauf verwetten, dass die Castingshow auch die Gnade von Kritiker Oliver Kalkofe finden würde. Erst kürzlich hatte der ja wieder über den "Riesenhaufen Elefantenscheiße" gewettert und damit nicht auf ein Problem des Zoos in Hannover sondern auf das hiesige Programm hinweisen wollen. Aber vom gnadenlosen Humor-Hackebeil mal abgesehen, zeigten sich sowohl Zuschauer (gute Quoten) und Kritik (zumeist positiv) angetan vom Konzept.

Tänzer stehen im Mittelpunkt

Das ist eigentlich so simpel, das man sich fragt, wieso es nicht weitaus öfter Anwendung findet. Einfach mal aufs Wesentliche konzentrieren. Und das ist in diesem Fall: das Talent der Kandidaten. Man muss das in Zeiten, in denen überall mit Superlativen um sich geschmissen wird (Supertalent, Superstar, Topmodel) noch einmal hervorheben: Im Mittelpunkt der Show stehen die Tänzer und ihre Darbietungen. Nicht die tragische Trennung der Eltern von Kandidat A. Nicht fiese Lästerattacken von Kandidatin B gegenüber Kandidatin C. Auch nicht eine schmalzige Liebesgeschichte zwischen Kandidat E und D, die sich hinter den Kulissen anbahnte. Das Gute bei "Got to Dance": Die Kandidaten behaupten nicht ungestraft, sie könnten was. Sie haben wirklich etwas drauf.

20 Teams traten am Donnerstag beim zweiten Halbfinale an. Sechs hatten sich zuvor bereits fürs Finale qualifiziert. Es geht um 100.000 Euro. Und Ruhm und Ehre. Jeweils zwei, manchmal auch drei, Dance Acts mit ähnlichem Stil "battlen" sich im direkten Schlagabtausch. Das hat ein bisschen was von "West Side Story". In dem Tanzfilm-Klassiker aus dem Jahr 1961 umkreisen sich zur Musik von Leonard Bernstein die beiden Streetgangs "Jets" und "Sharks". Bei "Got to Dance" treten Hip Hop Crews auf wie die M.I.K. Family, deren Mitglieder Arme und Beine derart kunstvoll ineinander verschränken, dass sie damit einen rotierenden Hubschrauber imitieren können. Dazu läuft ein Song namens "Android Porn". Bei Facebook zählen die selbst ernannten "braven Anzugträger mit de krassen Moves" schon zu den Favoriten.

Eher überraschend das Weiterkommen der jungen Standardtänzer Veronika & Daniel. Man weiß beim Zuschauen nicht, was einen mehr fasziniert: Die perfekt heraus gearbeiteten Schrittkombinationen oder die einstudierte Gestik und Mimik, in der man schon heute die Gesichter von erwachsenen Turniertänzern zu erkennen glaubt. Jurorin Palina scheinen ähnliche Gedanken durch den mit einer Art Adventskranz aus Stoff drapierten Kopf zu gehen: "Man vergisst, dass ihr 13 seid."

"Sex sells" – nicht immer

Lustiger wird’s dann beim Duell Zita gegen Georgina oder Aerobic-Animateurin versus Vogue-Girl. Zita zeigt gern, was sie hat, nämlich: sehr wenig an. Bei ihren Verbiegungen zur Musik von "Flashdance" fühlt man sich irgendwie an Stripperinnen auf der Reeperbahn erinnert. Mitten in der Darbietung fliegt dann auch noch das ohnehin schon knappe Jäckchen und legt einen zitronengelben BH frei. Sex sells? Nicht hier. Die Jury entscheidet sich für die stilvollere Georgina.

Bei Facebook häufen sich derweil die Einträge empörter User. #Fehlentscheidung dürfte das beliebteste Wort des Abends sein. Wenn Nikeata (erstaunlich gebremst heute), Howard und Palina mal ganz unschlüssig sind, rufen sie sich den Namen ihres Favoriten "auf Drei" zu. Gelebte Demokratie. Denn die Entscheidung muss einstimmig sein.

Keine Zweifel haben die Juroren bei Dennis, einem klassisch ausgebildeten Balletttänzer. Der tanzt nicht nur mit freiem Oberkörper durch Konfetti, sondern beweist auch noch Taktgefühl bei der Musikauswahl, einem Philipp Poisel-Song im Remix von Chris Avedon & Coon. Der Refrain: "Ich hab getanzt als gäbs kein Morgen mehr". Nikeata: "Bombe!". Auch Palina ist hin und weg: "Du bist wie ausgedacht", schwärmt sie.

Glücksfall für den Tanzsport

Am Ende verhält sich Moderatorin Johanna Klum, die man wegen ihrer Niedlichkeit auch nicht mehr blöd finden kann, dann doch noch mal wie alle Castingshowmoderatoren: Sie zögert den Moment der Entscheidungsverkündung künstlich heraus. Denn von den neun Jury-Favoriten kommen nur sechs ins Finale. Über die hatte das Publikum zuvor mit Anrufen entschieden.

Demnach ausgetanzt haben Georgina, League of Gentlemen und Frederick We. Im Finale stehen die Youngster Vadim, Veronika & Daniel, die M.I.K. Family, Link2DancePatchwork, Sven Poppin Hood und Dennis. Zu dem Nikeata Thompson nach seiner Performance versonnen sagt:"Ich hab’ ja vorher immer gesagt; Ballet ist so verstaubt. Denkste! Wegen Dir werden die Kinder jetzt in die Tanzschulen rennen, weil sie so werden wollen wie Du." Für den Tanzsport ist diese Sendung schon jetzt ein großer Glücksfall – egal, wer am Ende siegt.

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